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Der FallTod in Zelle 520

Ein Vater will wissen, warum sein Sohn im Gefängnis gestorben ist. Eine Antwort bekommt er nicht.

Weshalb starb Adnan Jahic* im Gefängnis?
von aktualisiert am 03. Februar 2017

Er lag im Bett hinten rechts. «Seitenlage, Embryonalstellung», wird es später im Protokoll der Staatsanwaltschaft Bern heissen. Er atmete nicht mehr, sein Herz hatte aufgehört zu schlagen. Sein Körper war noch warm, als das Personal die Reanimierung einleitete. Am 18. Februar 2015 um 7.26 Uhr wurde sein Tod festgestellt.

Adnan Jahic*, 22 Jahre alt, starb in der Zelle 520 im Regionalgefängnis Bern. In der Hosentasche fanden die Beamten ein Feuerzeug. Adnan war Raucher. Zwei Tage vor seinem Tod hatte ihn sein Vater Mirko Jahic* noch besucht. 30 Minuten lang sassen sie sich gegenüber, getrennt durch eine Glasscheibe. Der Vater hatte Tabak für den Sohn dabei.

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Zwei Polizisten standen vor der Tür und klingelten.  «Ihr Sohn Adnan ist tot. »

Mirko Jahic, 49, ist ein wuchtiger Mann. Er sitzt auf einem Esszimmerstuhl, wie man sie aus dem Möbelhaus kennt. Die Hände faltet er über dem Bauch, wenn er von seinem ältesten Sohn Adnan erzählt. Er bewegt sich kaum, sein Gesicht bleibt verschlossen.

Am Todestag kurz nach 17 Uhr standen zwei Polizisten vor seiner Tür und klingelten. «Ihr Sohn Adnan ist tot.» An diesen Satz er­innert sich der Vater genau, danach trüben Trauer und Medikamente seine Erinnerung.

Sein Kopf macht nach dem Tod seines Sohnes nicht mehr mit. Er ist bei einer Psychologin in Betreuung. Sein Körper macht seit zwölf Jahren nicht mehr mit. Mirko Jahic leidet an Diabetes und Polyarthritis, einer Entzündung der Gelenke. Er lebt von einer kleinen IV-Rente und Ergänzungsleistungen.

Sein Leben dreht sich von nun an um Adnans Tod. Er versucht zu verstehen, warum sein Sohn im Gefängnis gestorben ist. Er will eine Antwort.

 

«Bei Adnan seien eine paranoide Schizophrenie, eine Verhaltensstörung und ein Missbrauch von diversen Drogen und Betäubungsmitteln bekannt gewesen. […] Zwischen den Jahren 2005 und 2010 habe er fünf Suizid­versuche mit Selbststrangulation unternommen, die er jeweils selber abgebrochen habe.»

Ende der achtziger Jahre kommen Mirko Jahic und seine damalige Frau als Saisonarbeiter in die Schweiz. Sie arbeiten in Hotels und Restaurants mit Blick auf grüne Wiesen und strahlend blauen Himmel. Wie aus einem Werbekatalog von Schweiz Tourismus. In ­ihrem Heimatort in Bosnien beginnt derweil der Krieg. Am 14. Dezember 1991 reist Mirko Jahic offiziell in die Schweiz ein. Mit der Einreise verliert er den Akut, den kleinen Strich über dem c, er heisst jetzt Jahic statt Jahic´. Es ist das einzige Mal in den zahlreichen Gesprächen, dass so etwas wie ein Lächeln auf seinem Gesicht erscheint. «Dafür habe ich ein neues Zuhause bekommen.»

«Sein Name hat mir so gut gefallen»

Sein Sohn kommt im Juli 1992 im Wallis zur Welt. Was ihn mit seiner bosnischen Herkunft verbindet, ist sein Vorname. Adnan. «Sein Name hat mir so gut gefallen», sagt der Vater. Adnan hat fast ohne Unterbruch in der Schweiz gelebt. Hier war seine Heimat.

Später halten Psychologen in Adnans Dossier fest: Der Junge habe sich ausgeschlossen gefühlt, die Schule habe ihm zu schaffen ­gemacht, die Trennung der Eltern habe ihn belastet. Adnan wuchs abwechselnd bei der Mutter und dem Vater auf. Als Teenager begann er zu rauchen und zu trinken. Später griff er zu Marihuana, Heroin, Kokain und Amphetaminen. Er wollte seine innere Unruhe dämpfen und die akustischen Halluzinationen zum Schweigen bringen. Um den Drogenkonsum zu finanzieren, reichte sein Lehrlingsgehalt als Industrie- und Unterlagsbodenbauer bald nicht mehr aus. Adnan wurde straffällig.

 

«Der Patient berichtete, dass seine Schwester gestern Geburtstag gehabt habe, sie sei vier Jahre alt geworden. Die Schwester habe für ihn ein ganz schönes Bild mit Herzchen gemalt. Das habe ihm das Herz gebrochen. […] Er sei schon motiviert, die Therapie zu machen. Er habe zwei Monate Probezeit, danach könne er seine Eltern besuchen. […] Er bereue, was er gemacht habe.» 
Aus den Protokollen der krisengespräche des Regionalgefängnisses Bern, Sommer 2012

Im Winter 2013 bekommt Adnan einen Platz im offenen Massnahmenzen­trum Arxhof im Kanton Basel-Landschaft. Er soll dort lernen, ein normales Leben zu führen – ohne Alkohol und Drogen. Er erhält Medikamente. Sie helfen ihm, morgens aus dem Bett zu kommen und nachts mehr als zwei, drei Stunden zu schlafen. Die Regeln im Arxhof sind streng. Dreimal flieht Adnan aus dem Pavillon, der Wohngruppe, die er mit anderen jungen Männern teilt. Am 15. Januar 2015 um 14.56 Uhr taucht er an der Pforte des Regionalgefängnisses Bern auf.

 

«Stellte sich im Regionalgefängnis Bern selber. Gemäss Herrn Jahic war er auf der Flucht. […] Wiedereintritt: Ja.»
Aus dem Eintrittblatt des Regionalgefängnisses Bern

Der Vater klingelt an der Gefängnispforte. Die Direktorin kann ihm nicht weiterhelfen.
Quelle: Andreas Gefe

Er wird in einer Sechserzelle unter­gebracht. Drei Betten links, drei rechts, dazwischen Dusche und WC, abgetrennt durch einen Vorhang. Die Mitinsassen schlagen am 18. Februar 2015 Alarm, als Adnan nicht wie jeden Morgen als Erster an der Klappe steht und das Frühstück in Empfang nimmt. Adnan ist tot.

«Aussergewöhnlicher Todesfall», wird sein Vater später in den Akten lesen. Was soll das heissen? Mirko Jahic versteht das Juristendeutsch nicht. Wie kann es sein, dass ein junger Mann einfach so in der Haft stirbt? Für den Vater ist es unnatürlich, dass sein Kind vor ihm stirbt. Er beginnt nach dem Grund für dessen Tod zu suchen. Er wird nicht fündig werden.

«Warum hatte er Morphium im Blut?»

Mirko Jahic spricht mit der Rechts­medizinerin, die Adnan obduziert hat. Sie hatte die Medikamente überprüft, die ihm verschrieben worden waren. Und in seinem Blut noch andere Wirkstoffe gefunden. Auch Morphium. Das Puzzle passt nicht zusammen.

Mirko Jahic überprüft alle Angaben zu den Medikamenten, die er in den Akten seines Sohnes findet. Er setzt sich an den Computer, zieht die schwarze Lesebrille auf die Nase und beginnt die Namen der Arzneimittel und die Dosierungen abzutippen, auf einer A4-Seite. Dazu Datum und Zeitraum der Medikation. «Warum hatte Adnan Morphium im Blut? Woher hatte er den Stoff?», fragt der Vater.

«Mögliche medikamentöse Wechselwirkungen zwischen den im Regionalgefängnis verschriebenen Mitteln […] und den zusätzlich im Blut von Herrn Jahic festgestellten Benzodiazepinen und Morphin […] sind aus rechtsmedizinischer Sicht nicht rekonstruierbar.»
Aus dem rechtsmedizinischen Aktengutachten, Januar 2016

Mirko Jahic wendet sich an den Anwalt seines Sohnes. «Er kennt schliesslich den Fall.» Doch der weiss nicht einmal, dass Adnan in der Haft gestorben ist.

«Aufgrund der Ereignisse müssen wir akzeptieren, dass niemand für den Tod Ihres Sohnes verantwortlich gemacht werden kann.»
Aus dem Schreiben des Anwalts, März 2016

Mirko Jahic gibt nicht auf. Im Unter­suchungsbericht findet er die Namen von Adnans Mitinsassen. Er versucht sie ausfindig zu machen – ohne Erfolg. Er klingelt an der Pforte des Regionalgefängnisses Bern. In einer roten Mappe mit Gummizug hat er die Medikamentenliste seines Sohnes dabei. Ein Justizvollzugsangestellter tritt vor die Pforte, sie kennen sich von den Besuchen im Gefängnis. Er kann dem Vater nicht weiterhelfen.

Im Herbst 2016 klingelt Mirko Jahic wieder an der Gefängnispforte. Diesmal hat er einen Termin bei Direktorin Monika Kummer. Derselbe Justizvollzugsangestellte nimmt ihn in Empfang. Er führt ihn in ein Besucherzimmer, karg und kalt. Wieder hat Mirko Jahic die Mappe mit der Medikation seines Sohnes dabei.

Die Beamten sind überfordert

Adnans Tod ist kein Selbstmord oder Unfall – dafür gäbe es im Vollzugs­system Verhaltensregeln. Nicht aber für einen «aussergewöhnlichen Todesfall». Die Mitgefangenen erfahren erst beim Hofgang von Adnans Tod, die Justizvollzugsangestellten über das ­interne Rapportsystem. Auch für sie ist sein Tod schwer zu ertragen. Einen ähnlichen Fall habe es im Re­gional­gefängnis Bern in den letzten zehn Jahren nicht gegeben. Monika Kummer drückt ihr Beileid und ihr Mit­gefühl aus. Die Frage des Vaters kann sie nicht beantworten.

Mirko Jahic hakt beim Massnahmenzentrum Arxhof nach. Doch niemand möchte mit ihm sprechen. Das Paket mit Adnans Sachen schicken die Verantwortlichen dem Onkel zu. Eine Mauer des Schweigens baut sich vor dem Vater auf. Er ist mit seiner Trauer allein.

Am 6. September 2016 setzt sich Mirko Jahic wieder an den Rechner, nimmt seine schwarze Lesebrille zur Hand und tippt einen Brief an den Arxhof. Er will wissen, wie Adnan die letzten Monate war, warum er wieder weggelaufen sei. Er schliesst den Brief: «Diese Information brauche ich nur für mich selbst.» Er bringt den Brief zur Post, gleich im Erdgeschoss seines Wohnhauses. Er schickt den Brief per Einschreiben. Er möchte sichergehen, dass er Gehör findet.

Peter Ulrich ist seit 1. Januar 2016 Direktor des Arxhofs. Adnan hat er nie kennengelernt. Er möchte mit dem Vater sprechen. Der Beobachter arrangiert das Treffen in einem kantonalen Verwaltungsgebäude in Liestal. Mirko Jahic möchte nicht mehr zurück zum Arxhof. Zu oft ist er dort gewesen, um seinen Sohn zu besuchen. Adnans kleine Schwester glaubt manchmal noch immer, dass ihr Bruder dort lebt.

Peter Ulrich und sein Vorgesetzter Stephan Mathis, Generalsekretär der Sicherheitsdirektion, sitzen am runden Holztisch. Die Hände auf der weissen Spitzendecke verschränkt. Beide drücken ihr Beileid und ihr Mitgefühl aus. Eine Antwort haben sie nicht.

Die Rechtsmedizinerin, die Adnan obduziert hat, darf nicht mehr mit Mirko Jahic reden. Ihr neuer Vorgesetzter hat es ihr verboten und verweist an die Staatsanwaltschaft Bern.

Adnan wollte bald zum Vater ziehen

Alle sind sprachlos angesichts der Trauer des Vaters. Das Schweigen drückt Hilflosigkeit und Unvermögen aus. Alle möchten bei der Verarbeitung helfen – aber wie? Sie berichten vom ruhigen, gross gewachsenen jungen Mann. Wie wichtig ihm seine Familie gewesen sei und dass er Pläne gehabt habe.

Mirko Jahic weiss das. Sein Sohn wollte noch im Februar zu ihm in die Wohnung mit Blick auf die Gemeindeverwaltung ziehen. Im Sommer blühen dort im Garten die Rosen dunkelrot. Und im Winter leuchtet der Weihnachtsbaum ins Wohnzimmer.

Der Vater will kein Mitgefühl, er will Klarheit. Die Staatsanwältin Erika Marti schliesst den Fall am 29. Februar 2016 ab. «Todesart leider unklar.»

Zur Recherche

Recherchefrage
Ein junger Mann stirbt in Haft im Regionalgefängnis Bern. Es ist kein Unfall und kein Selbstmord. Was ist passiert?


Recherche
Der Vater des toten Häftlings nimmt Kontakt zum Beobachter auf. Der Fall ist unklar. Die Recherche ist schwierig.

Mit dem Einverständnis von Mirko Jahic und Adnans Mutter erhält die Autorin Zugang zu den Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft Bern.

Viele mehrstündige Gespräche mit dem Vater, der Direktorin des Regionalgefängnisses Bern, den Verantwortlichen des Massnahmenzentrums Arxhof und anderen Personen aus dem Umfeld des Toten formen das Bild.

Die Autorin besucht das Massnahmenzentrum Arxhof – ohne den Vater. Sie verbringt einen Tag in der Einrichtung. Die Autorin begleitet Mirko Jahic zum Termin im Regionalgefängnis in Bern.

Eine erneute Auswertung der Medikationslisten von Adnan Jahic führt ebenso ins Leere wie der Kontakt zur Rechtsmedizin an der Universität Bern. Die Rechtsmediziner wollen keine Angaben machen.


Grenzen der Recherche
Die Autorin spürte die Hilflosigkeit der Behörden angesichts der Trauer des Vaters. Seine Frage «Warum?» kann niemand beantworten.

*Name geändert