Hart arbeiten, daran sei sie gewöhnt. Aber wie viele andere auch sei sie nach vier Corona-Wellen nur noch erschöpft. Und es höre einfach nicht auf. Die 25-jährige Pflegefachfrau ist auf einem Bauernhof im Zürcher Oberland aufgewachsen und musste dort schon als Kind «chrampfe». Zurzeit bildet sie sich zur Notfallexpertin weiter. Aber jetzt sei ein Punkt erreicht, an dem sie sage: So geht es nicht weiter. «Wenn die Pflegeinitiative nicht angenommen wird, dann verstehe ich die Welt nicht mehr.»  

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Viele wüssten nicht, wie Corona die Arbeit weiter verkompliziert habe. Aufgrund der Zusatzbelastung hätten allein auf den Intensivstationen etwa 15 Prozent der Pflegekräfte den Job verlassen, heisst es beim Berufsverband. Deshalb gibt Marianne Spörri im Beobachter mit Namen und Bild Auskunft über ihren Alltag. Das tun nur wenige, weil immer auch Kritik am eigenen Arbeitsort mitschwingt. Sie war schon eine der anonymen Stimmen in der Beobachter-Titelgeschichte «Krank gespart» vom letzten Juli.

Unterschätzte Leistung

Sie werde seit der Pandemie oft auf ihren Beruf angesprochen und gefragt, ob es wirklich so schlimm sei. Da erst sei ihr bewusst geworden: «Die Leute ausserhalb der Pflege haben keine Ahnung, was wir tagtäglich leisten, was für Kompetenzen wir haben, welche schweren Entscheidungen wir fällen müssen.» Pflegen sei mehr, als jemandem mit dem Waschlappen übers Gesicht zu fahren.

Im Kantonsspital Winterthur, wo Spörri auf dem Notfall arbeitet, gibt es vier Schichten: Frühdienst von 7 bis 16 Uhr, Mitteldienst von 10.30 bis 19.30 Uhr, Spätschicht von 14 bis 23 Uhr und die Nachtschicht von 22.40 bis 7 Uhr. «Ich habe fast nie zwei gleiche Dienste nacheinander.» Manchmal kommt sie gegen Mitternacht von der Spätschicht nach Hause und steht um 7 Uhr bereits wieder im Notfall. «Es mangelt überall an Personal.» Auch Wochenendarbeit gehört dazu. «Schlafstörungen sind beim Pflegepersonal normal.» Auch körperlich sei Schichtarbeit sehr anstrengend.

Die Schweizer Bevölkerung wird immer älter, und es braucht mehr professionelle Pflege. Bis 2030 werden wir 70'000 Pflegende zusätzlich benötigen. Schon jetzt sind mehr als 11'000 Stellen nicht besetzt. Ohne Personal aus dem Ausland geht schon lange nichts mehr. «Wir ziehen Fachleute aus den Nachbarländern ab, die dann dort fehlen. Das ist nicht in Ordnung», so Spörri. Nur 43 Prozent der diplomierten Pflegefachpersonen bildet die Schweiz selber aus, so der aktuelle Bericht des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums.

Schwierig wird es, wenn Fehler passieren, weil zu wenig Personal da ist. Wenn ein Patient stürzt, weil er aufs WC wollte und niemand Zeit hatte, ihn zu begleiten. «Es macht mich müde, permanent das Gefühl zu haben, meinen Patienten nicht gerecht werden zu können. Täglich werden wir überrannt mit Patienten und Rettungsdienst-Einweisungen.» Sie würden mehr Patienten betreuen, als eigentlich möglich sei.

Es gebe Krankenhäuser, wo in der Nacht eine Pflegefachkraft für 27 Personen zuständig ist. Das sei fahrlässig. Langzeitpflegerinnen müssten nachts gar bis zu 60 Heimbewohner betreuen. Unmöglich. Eine Anpassung des Stellenschlüssels sei unabdingbar. Es braucht mehr Personal für eine bestimmte Anzahl Patienten, sonst werde die Pflege noch gefährlicher.

Deshalb engagiert sich Marianne Spörri beim Verein Pflegedurchbruch, der für bessere Arbeitsverhältnisse kämpft. «Ich lebe auf dem Land und komme aus einer Bauernfamilie. Die Bauern haben eine richtig grosse Lobby, sind bestens vernetzt. Und die Pflege? Nichts.» Wer vertritt die Pflegenden politisch? Wer trägt ihre Probleme in die Welt hinaus und diskutiert sie? Als der Bundesrat die Pflegeinitiative abgelehnt und den Gegenvorschlag propagiert habe, sei das für sie «ein Schlag ins Gesicht» gewesen.

Auf der Notfallstation sei die Triage nicht immer einfach. «Wer zu uns kommt, hat ein Problem. Ob es wirklich eins für den Notfall ist? Wir versuchen, nicht zu urteilen», sagt Spörri. Opfer von Verkehrsunfällen, Schlaganfallpatienten, Leute mit Fieber und Kopfschmerzen, Arm- und Beinbrüchen. Und auch Covid-Erkrankte. «Weil fast alle Symptome wie Fieber oder Schnupfen auch Corona sein könnten, müssen wir alle testen, einen Abstrich machen und isolieren.» Das ist aufwendig und stosse oft auf Unverständnis. Gehässigkeiten seien an der Tagesordnung. 

Bis zu 150 Patientinnen und Patienten kommen täglich auf den Notfall. «Wir überborden, wir kommen unter die Räder.» Viele müssten auf dem Flur warten, weil es zu wenig Kojen gebe. Und wenn dann noch mehrere Kojen von Corona-Patienten belegt gewesen seien, müssten diese gründlich desinfiziert und gereinigt werden, bevor neue Patienten dorthingebracht werden können. Sogar das Putzpersonal müsse manchmal nachts auf Pikett sein, damit es mit dem Reinigen hinterherkomme. 

Die Nerven liegen blank

Wenn dann ein Patient motze, weil er drei Stunden mit seinem Bänderriss warten musste, sei das frustrierend. «Das sind Momente, die mich fast zum Weinen bringen», sagt Spörri. «Wir geben 200 Prozent, rennen, retten Leben, und dann staucht dich einer zusammen, weil er ein wenig warten muss.»

Spörri liebt ihre Arbeit auf dem Notfall. Die Akutsituationen im Schockraum, wenn sich zehn Spezialistinnen und Spezialisten um eine Schwerverletzte kümmern. Das Know-how, das dort zusammenkommt, wie alle kämpfen, um ein Leben zu retten. «Adrenalin pur», sagt sie. Den Stress sei sie gewohnt, kann damit umgehen. Sie will aber für ihr Engagement und ihr Fachwissen auch fair entlöhnt werden.

Momentan verdient sie 5800 Franken brutto, hinzu kommen Zulagen für Feiertage, Wochenenden und Nachtschicht. «1000 Franken mehr, also 6800 monatlich, fände ich angemessen», sagt sie. Selbst ihrem Vater, dem Landwirt, müsse sie immer wieder erklären, was sie tagtäglich leiste, wie viel Know-how das brauche und warum das mehr wertgeschätzt werden müsse.

Wenn sich die Arbeitsbedingungen nicht ändern, wird wohl auch Marianne Spörri nicht mehr lange in ihrem Beruf bleiben. Wie viele andere. Die Ausstiegsquote bei den Pflegefachleuten liegt bei über 40 Prozent. 

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Birthe Homann, Redaktorin

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