Sie erzählt leise, stockend. Immer wieder laufen ihr Tränen über die Wangen. Die 35-jährige Luisa Mendes* (Name geändert) ist blind. Blind seit genau achteinhalb Monaten. Bei der Geburt ihrer Tochter Isabel kam es zu einer lebensbedrohlichen Situation. Luisa Mendes musste dreimal wiederbelebt werden, lag tagelang im Koma und verlor ihr Augenlicht. Die Portugiesin erlitt eine Fruchtwasserembolie, es kam zu einem Herzstillstand, wegen des Sauerstoffmangels trocknete ihr Sehnerv aus. Er ist unwiederbringlich geschädigt.

Luisa Mendes hat die kleine Isabel noch nie gesehen und wird sie auch nie sehen. «Mir geht es wie einer Welle, mal bin ich obenauf, oft unten», sagt sie.

«Aber du lebst, das ist das Wichtigste», unterbricht ihr Mann Julio* und streichelt ihre Hand. An der Wand hinter dem dunklen Esstisch hängt ein gerahmtes Bild von Jesus Christus.

Dass Luisa Mendes überlebt hat, grenzt an ein Wunder. Fruchtwasserembolien sind sehr selten und enden in den meisten Fällen tödlich. In der Schweiz mit ihren rund 85'000 Geburten jährlich kommt es im Schnitt alle zwei Jahre zu einem Todesfall.

Bei einer Fruchtwasserembolie dringen während der Entbindung Bestandteile des Fruchtwassers über die Gebärmutter in den mütterlichen Kreislauf ein. «Ein tragisches Ereignis, das nicht vorhersehbar und nicht zu verhindern ist», sagt Roland Zimmermann, Direktor der Klinik für Geburtshilfe am Universitätsspital Zürich, ein Experte auf dem Gebiet. Sterbefälle während der Geburt seien in den letzten 30 Jahren in der Schweiz um die Hälfte zurückgegangen. Doch bei Fruchtwasserembolien sei die Sterblichkeit gleich hoch geblieben. Man wisse nicht, warum.

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«Sie lebt, sie lebt»

Julio Mendes erinnert sich, wie er seine Frau um sechs Uhr früh zum geplanten Kaiserschnitt ins Kantonsspital fuhr. Wegen einer Placenta praevia, eines tief liegenden Mutterkuchens, war eine Kaiserschnitt-Operation in Vollnarkose notwendig. Die Ärzte hätten das Paar im Voraus aufgeklärt, dass es zu schweren Blutungen kommen könne und ein Risiko für das Leben der Mutter bestehe.

«Wir hatten grosse Angst», sagt Julio Mendes. Irgendwann am Nachmittag sei eine Ärztin gekommen, habe ihn fest in den Arm genommen und gesagt: «Sie lebt, sie lebt.» Er schnäuzt sich. Erst drei Tage später konnte er seine Frau besuchen. So lange lag sie im Koma. Als sie endlich aufwachte und man ihr den Schlauch aus dem Mund nahm, sagte sie als Erstes: «Ich kann nichts sehen.»

Der ahnungslose Fahrer

Gut ein halbes Jahr später. Ralf Huber, ein 65-jähriger Solothurner, chauffiert Luisa Mendes als freiwilliger Fahrer des Roten Kreuzes ins Spital nach Olten. Sie hatte eine Panikattacke Panikanfälle Ein dunkles Leben mit der Angst im Nacken mit Herzrasen und musste zur Untersuchung. Huber wurde von der Zentrale gesagt, die Frau brauche Begleitung ins Spital. Er dachte, es warte eine alte Dame auf ihn, die nicht mehr gut zu Fuss sei.

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Doch da steht die junge Luisa Mendes und wartet auf ihn. Die Mutter von vier Kindern sagt, sie sei blind und brauche Hilfe beim Einsteigen. Er entgegnet, er habe leider keine Erfahrung mit Blinden, tue aber sein Bestes. Sie erwidert, sie habe auch keine Erfahrung. Ralf Huber stockt. Das war der Moment, in dem er hellhörig wurde. Auf der zehnminütigen Fahrt ins Spital erzählt Luisa Mendes bruchstückhaft von ihrem Schicksal, wie überfordert und alleingelassen sie sich fühlt.

Huber sagt, Mendes’ Geschichte habe ihn nicht mehr losgelassen. Tagelang brütete er darüber. Selber hatte er auch kein einfaches Leben, bezog Sozialhilfe, musste «richtig untendurch». Nun ist er zwar seit kurzem pensioniert, aber nicht auf Rosen gebettet: «Meine Schulden sind enorm, ich muss weiterarbeiten, um sie zurückzahlen zu können.»

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«Unglaublich, wie die Behörden die Familie hängen liessen. Ich schäme mich für die Schweiz.»

Ralf Huber, Rotkreuz-Fahrer

Vor der Pandemie war Ralf Huber als Reiseleiter tätig. Weil das wegen Corona nicht mehr möglich war, engagierte er sich, um etwas Sinnvolles zu tun, als ehrenamtlicher Fahrer beim Roten Kreuz, etwa viermal pro Monat.

Zwei Wochen nach der Fahrt ins Oltner Spital ruft Huber bei Luisa Mendes an. Er will helfen, aber zuerst noch mehr wissen. Er hat sich eine lange Liste mit Stichworten gemacht, zu denen er sie befragen will:

  • Was für Hilfe benötigt sie?
  • Ist sie bei der IV angemeldet?
  • Welche Hilfe bekommt sie bereits?
  • Was machen die Gemeinde, der Sozialdienst?
  • Die Versicherungen?
  • Blindenvereine?

Luisa Mendes’ Antworten sind ernüchternd. Die Familie hilft sich weitgehend selbst. Die Grosseltern flogen aus Portugal ein, mussten aber jeweils nach wenigen Monaten das Land wieder verlassen. Weder die Gemeinde noch ein Sozialdienst kümmerten sich um die Familie. Immerhin hat der Blindenbund die ehemalige Küchenhilfe Luisa Mendes bei der IV angemeldet.

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«Ich wusste sofort, dass Ralf ein Guter ist. Seine Stimme – ich wusste es einfach.»

Luisa Mendes*

Innerhalb von 48 Stunden organisiert Ralf Huber mit zwei Kolleginnen Kinderbetreuung, Putzhilfe und Kontakte zu Hilfsorganisationen. Huber findet es unglaublich, wie sehr die Behörden die Familie hängen liessen. «Ich schäme mich für die Schweiz, dass man Bürger so lange auf Hilfe warten lässt.»

Luisa Mendes lächelt zum ersten Mal, legt ihre Hände auf den dunklen Esstisch. «Ich wusste sofort, dass Ralf ein Guter ist. Seine Stimme – ich wusste es einfach», sagt sie. Für sie sei Ralf Huber ein Heiliger.

Dank Hubers Vermittlung ist seit Mitte April eine Sozialpädagogin von der katholischen Fachstelle Diakonie und Soziale Arbeit involviert. Sie will die Familie langfristig unterstützen.

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So startet bald das Gehtraining mit Blindenstock für Luisa Mendes. Kinderbetreuung und Putzfrau sind bis Ende August dank Spenden gesichert. Ab Herbst gibt es dann hoffentlich einen Entscheid der IV. Die Sozialpädagogin sagt: «Ich habe grosse Hochachtung dafür, was Ralf Huber und sein Team geschafft haben. Sie haben wirklich ganzheitlich geholfen.»

Durch die Maschen gefallen

Dieses Engagement von Freiwilligen sei nicht selbstverständlich und äusserst wertvoll. Es seien offensichtlich Fehler passiert: «Dass keine Behörde umfassend hingeschaut hat und die Familie monatelang nicht unterstützt wurde, dürfe nicht passieren», sagt sie, «das ist unerklärlich.» Sie sieht eine Lücke im Sozialsystem: Wer nicht in erster Linie Finanzhilfe vom Sozialdienst oder Unterstützung von der Kesb brauche, falle durch die Maschen.

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Julio Mendes doppelt nach: «Ich weiss nicht, was wir gemacht hätten, wenn nicht der Zufall uns Ralf und seine Kolleginnen beschert hätte. Wenn nicht er damals der Rotkreuz-Fahrer gewesen wäre.»

Der quirlige 38-Jährige arbeitet als Gärtner in der Nachbargemeinde, er lebt seit zwanzig Jahren in der Schweiz. Und er tut alles für seine Frau und die vier Kinder, die zwölf, sechs und drei Jahre sowie acht Monate alt sind.

Während des ganzen Gesprächs streichelt er immer wieder die Hand seiner Frau, fasst nach ihrer Schulter, tröstet sie mit sanften Berührungen. «Sie kann Isabel mittlerweile allein wickeln», sagt er stolz.

Luisa Mendes möchte Gitarre spielen lernen, ein wenig Freiraum, nur für sie. Musik, um die schweren Gedanken zu vertreiben. Ralf Huber hat bereits eine Sponsorin für das Instrument gefunden.

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Birthe Homann, Redaktorin

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