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Frauenstimmrecht«Mit Mann und Kind hätte ich es nie geschafft»

Erst seit 45 Jahren können Frauen in der Schweiz politisch mitbestimmen. An vorderster Front für das Frauenstimmrecht kämpfte die heute 98-jährige Marthe Gosteli. Ein Besuch bei einer Zeitzeugin.

«Die Stellung der verheirateten Frau war damals dramatisch»: Marthe Gosteli.
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Zur Person: Ein Leben für die Rechte der Frauen

Marthe Gosteli wurde am 22. Dezember 1917 auf dem ­Bauernhof ihrer Eltern in Worb­laufen bei Bern geboren. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete sie in der Abteilung Presse und Rundfunk des Armeestabs. Nach dem Krieg leitete sie die Filmabteilung des Informationsdienstes der amerikanischen ­Botschaft in Bern.

Ihre Erfahrungen mit den Medien stellte sie ab Mitte der vierziger Jahre ausschliesslich in den Dienst der Schweizer Frauen­bewegung. Sie war Präsidentin des Frauenstimmrechtsvereins Bern ­sowie Vizepräsidentin des Bundes Schweizerischer Frauenvereine. In den entscheidenden Abstimmungsjahren 1970 und 1971 präsidierte Gosteli die Arbeitsgemeinschaft der schweizerischen Frauen­verbände für die politischen Rechte der Frau, die mit ihrem ­Verhandlungsgeschick wesentlich zur Annahme des Frauenstimmrechts auf eidgenössischer Ebene beitrug.

1995 erhielt Marthe Gosteli den ­Ehrendoktor der Universität Bern, 2011 wurde ihr zusammen mit der Berner Historikerin Beatrix Mesmer der Preis der Internationalen ­Gesellschaft für Menschenrechte verliehen.

Keck sieht sie aus, die Grande Dame der Schweizer Frauen­bewegung. Mit rotem Hut und rotem Gilet sitzt Marthe ­Gosteli, 98, in der Bibliothek ihres Geburtshauses, des Gutshofs Altikofen in Worb­laufen bei Bern. Der Rollator steht im Gang, die Brille mit den ­dicken Gläsern schiebt sie sich auf der Nase zurecht. Klein und schmal ist die Frauenrechtlerin. Fragil. Aber immer noch sehr energisch. Und etwas kokett.

Marthe Gosteli: Wieso kommen Sie ­eigentlich zu mir?

Beobachter: Weil Sie eine spannende Frau sind. Dank Ihnen kann ich wählen und abstimmen. Sie sind eine der ­wichtigsten Vorkämpferinnen des 1971 endlich eingeführten Frauenstimmrechts in der Schweiz.

Gosteli: Ach Chabis, nein, nein, das ist über­trieben. Ich bin doch nur eine alte Frau, eine Frau des letzten Jahrhunderts.

Marthe Gosteli klopft resolut mit der Hand auf den Tisch. Sie will, dass ich ganz nah an sie heranrücke, weil sie nicht mehr gut hört. Immer wieder krallt sich während des Gesprächs ihr knorriger gekrümmter Zeigefinger in meine Seite, wenn sie mir etwas ­Wichtiges sagen will. Ich erschrecke jedes Mal ein wenig. Damit sie mich versteht, muss ich fast brüllen.

Beobachter: Fühlen Sie sich als Vorbild?

Gosteli: Vorbild? Nein, überhaupt nicht. Mein Hauptanliegen nach meiner aktiven Zeit in der Frauenbewegung ist jetzt, dass die Geschichte der Frauen endlich auch in den Geschichtsbüchern stattfindet. Sie ist bis heute überhaupt nicht präsent.

Ihr Finger bohrt sich in meine Rippen. Sie artikuliert ganz deutlich und auf Hochdeutsch.

Dabei handelt es sich um eine der grössten unblutigen Revolutionen des vergangenen Jahrhunderts.

Sie schnauft kurz durch und wechselt wieder ins Berndeutsche.

Heutige Schulkinder lernen diese Geschichte kaum. Das war auch der Hauptgrund dafür, dass ich das Archiv hier aufgebaut habe.

Sie zeigt auf die Bücher hinter sich und meint damit das ganze Anwesen.

Das dreistöckige Haus hat sie in ein Archiv zur Geschichte der Schweizer Frauenbewegung umgewandelt, das Archiv der von ihr 1982 gegründeten Stiftung «Gosteli Foundation». Von den elf Zimmern der Villa bewohnt sie nur noch eins. In allen an­deren stapeln sich Schachteln, Hefte und ­Bücher. Es sind Unterlagen der meisten Schweizer Frauenverbände, Dissertationen, Zeitungsartikel und Nachlässe wichtiger Frauen der Zeitgeschichte, sozusagen das Gedächtnis der Schweizer Frauenbewegung.

Subventionen hat Gosteli dafür nie ­bekommen. Ihr Projekt kann sie nur dank Spenden, Erbschaften und Beiträgen des Bundesamts für Kultur und des Schweizer Lotteriefonds weiterverfolgen. Zurzeit kümmern sich drei Angestellte mit Teilzeitpensen um Bestände, Bewirtschaftung und Betrieb. Im Eingangsbereich des Hauses hängt eine gerahmte handschriftlich verfasste Hausregel ihres Grossvaters. «Sei niemals müssig. Versprich wenig. Sprich stets die Wahrheit. Sprich von niemand Schlechtes. Entweder gute Gesellschaft oder gar keine. Erfülle deine Verbindlichkeiten pünktlich. Sei gerecht, bevor du freigebig bist.»

Beobachter: Erzählen Sie bitte etwas von Ihrem Grossvater, Ihrer Familie.

Gosteli: Ich bin Trägerin einer interessanten Erbschaft. Ich bin in einer Bauern­familie aufgewachsen, meine beiden Grossväter waren Grossräte, der Vater politisch sehr aktiv bei den Bürger­lichen. Und meine Mutter hat sich aufgeregt über ihre rechtliche Stellung in der Ehe und für ihre Rechte und Finanzen gekämpft, eine Revoluzzerin.

Ihr Finger stupst mich an.

Die Stellung der verheirateten Frauen damals in der ersten Hälfte des letzten Jahr­hunderts war wirklich dramatisch. Das war der Auslöser für mein Engagement für die Gleichberechtigung der Frauen.

Marthe Gosteli und ihre Schwester verwalteten nach dem Tod des Vaters das Gut mehr oder weniger ­allein, die Mutter war dazu aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in der Lage. Die beiden Schwestern ­waren die ersten Frauen der Gosteli-Sippe von bäuer­lichen Grossgrund­besitzern, die ihr eigenes Geld verdienten und sich so aus der patriarchalischen Familienstruktur lösten.

Beobachter: Sie haben nie geheiratet, haben keine Kinder. Weshalb?

Gosteli: Ja, Gott sei Dank, sonst hätte ich niemals alles schaffen können. Wissen Sie, wenn man eine grosse Aufgabe übernehmen will, dann muss man sich schon überlegen, was man wirklich will. Mit Mann und Kindern hätte ich nie erreicht, was ich geschafft habe. Im Leben muss man sich manchmal entscheiden.

Beobachter: Sind Sie zufrieden mit dem, was Sie ­erreicht haben?

Gosteli: Jä… Nachts denke ich oft darüber nach, was ich alles nicht erreicht habe.

Beobachter: Was denn?

Gosteli: Ich hätte mich schon für eine politische Laufbahn interessiert, aber dann war ich dafür zu alt. Aber eins habe ich ­erreicht: Ich habe mit wunder­vollen Schweizerinnen zusammen­arbeiten können, die Pionierleistungen vollbracht haben. Dank deren Einsatz können die heutigen Frauen einen Beruf ausüben, sind selbständig, sind da, wo sie sind.

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Sie nimmt das Buch «Wegbereiterinnen der modernen Schweiz» von Claudia Wirz zur Hand und blättert darin. Darin seien alles gescheite Frauen, die habe sie fast alle gekannt. Sie zeigt auf ein Foto von Verena Conzett, die den Verlag ihres verstorbenen Mannes zu grossen Ehren gebracht habe. Und auf ein Bild von Elisabeth Feller, die vom Vater die Leitung der Elektrotechnikfirma übernahm und Präsidentin der International Federation of Business and Professional Women war.

Mit Elisabeth Feller war ich an einem riesigen Kongress der Business Women in Boston, wir sind auch zusammen nach Moskau gereist, das war die Zeit des Kalten Krieges, das waren schon ­Erlebnisse. Ich bin ja sonst nie gereist, nur an Kongresse.

Sie blättert weiter, bleibt beim Foto von Iris von Roten hängen, der Juristin und Schriftstellerin, die als «Emanze der Schweiz» bekannt wurde.

Iris war eine Nummer für sich, die kannte ich gut. Auch ihren Mann, den Nationalrat Peter von Roten, der auch für das Frauenstimmrecht kämpfte. Gute Leute.

Beobachter: Sie selber haben ja jung, mit Anfang 20, angefangen zu politisieren…

Gosteli: In der Verfassung hiess es, jeder Schweizer ist vor dem Gesetz gleich. Das galt nur für die Männer, wir Frauen waren nicht erwähnt. Da musste ich doch ­etwas tun.

Beobachter: Wie waren die Reaktionen in der Kriegszeit auf Ihr Engagement?

Gosteli: Uh, schwierig. Die nannten mich eine Suffragette. Und das war nicht nett gemeint.

Beobachter: Wie haben Sie reagiert?

Gosteli: (Lacht) Die englischen Suffragetten ­haben sich wie Männer benommen und Hosen getragen. Sie konnten sich nur durchsetzen, weil sie das taten. Alles, was Gültigkeit hatte, war damals männlich. Das haben die Suffragetten verstanden.

Beobachter: Und Sie? Waren Sie eine Suffragette?

Gosteli: Ich sage es Ihnen, natürlich bin ich eine Suffragette!

Das Archiv von Marthe Gosteli ist ­öffentlich zugänglich. Immer wieder kommen Studierende zu ihr für ihre Recherchen oder Schülerinnen und Schüler, die Material für ihre Maturaarbeiten suchen.

Beobachter: Wie schätzen Sie denn die heutige ­Jugend ein?

Ihr Finger fährt vehement in meine Seite.

Gosteli: Die sind einfach Kinder ihrer Zeit. Die ganze technische Entwicklung, das ist nicht gut für die Jungen.

Beobachter: Wie meinen Sie das?

Gosteli: Man drückt einfach auf einen Knopf und kriegt, was man will. Das ist zu einfach, die müssen gar nicht mehr chrampfen. Ich nenne das die Druckknopf-Gesellschaft.

Beobachter: «Druckknopf-Gesellschaft»: Das meinen Sie als Kritik?

Gosteli: Zu einem gewissen Teil schon. Heute ist vieles zu oberflächlich, aber die Jungen können nicht viel dafür, die wachsen so auf. Aber sie müssen lernen, dass sich in einer Demokratie alle beteiligen müssen, sie haben ja zum Glück jetzt die Möglichkeiten dafür. Die müssen sie nutzen und nicht aus Faulheit oder Interesse­losigkeit nichts tun. Sonst sind sie selber schuld. Von nichts kommt nichts.

Gern hätte ich mehr von Marthe ­Gosteli über die heutige Jugend oder ihre Einschätzung der heutigen Frauen­bewegung erfahren. Oder auch über die Frauenquote und den Backlash vieler junger Frauen, die freiwillig ­wieder zurück an den Herd gehen. Aber Marthe Gosteli ist müde, die alte Kämpferin mag nicht mehr reden. Sie ergreift meine Hand und drückt sie fest. Und schweigt.

Marthe Gosteli im Originalton

Ein Kurzfilm zu Marthe Gosteli findet sich auf der Website zeitmaschine.tv, die mündliche Überlieferung von Zeitzeugen mit den neuen Medien verknüpft. Schülerinnen und Schüler befragen betagte Menschen. Es gibt bereits Hunderte von Dokumenten. Gosteli erzählt ihre Sicht der Dinge in knappen 60 Sekunden.

Veröffentlicht am 11. Mai 2016

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1 Kommentar

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Helena Vogler
Inzwischen gibt es ein Geschichtsbuch: Anfangs 2015 erschien «Gebt den Schweizerinnen ihre Geschichte» von Franziska Rogger im Verlag NZZ libro. Die Frauenbewegung gab es früher, als man gemeinhin glaubt. Die Frauenvereine waren gut organisiert und leisteten enormes, nicht nur fürs Stimm- und Wahlrecht. Zahlreiche Mitglieder waren gut gebildet. 1928 die SAFFA, eine Leistungsschau über die Berufsarbeit der Frauen. (Bemerkenswert ist, dass die Schweizerinnen, die eigenes Geld verdienten, beim Steuernzahlen immer mitgemeint waren, aber bei den Bürgerrechten nicht.) Schon vor der EU gab es eine europäische Frauenunion, wo auch Schweizerinnen Mitglied waren. – Ein grosser Teil des Buches ist Marthe Gosteli und ihrem Archiv gewidmet.

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