Aufgezeichnet von Thomas Schlittler:

Ich lebe seit 2005 in Schanghai. Meine Frau ist Chinesin, und ich habe hier einen guten Job. Lange merkten wir relativ wenig von Corona, und noch im März versicherte die Lokalregierung, dass es keinen kompletten Lockdown geben werde. Wenige Tage später war die ganze Stadt abgeriegelt.

Zuerst hiess es, der Lockdown gehe nur ein paar Tage. Letztlich dauerte das Ganze aber zwei Monate, in einigen Quartieren gar drei. Wir wurden komplett auf dem falschen Fuss erwischt. Insbesondere für jene, die zuerst in Quarantäne mussten, war die Situation brutal. Sie hatten keine Möglichkeit mehr, sich mit Lebensmitteln einzudecken. Bald war das aber sowieso nicht mehr möglich, da die Regale leer blieben.

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Meine Frau und ich verbrachten den Lockdown in unserer 50-Quadratmeter-Wohnung im 17. Stock. Wir durften das Gebäude nur verlassen, wenn wir zu einem Corona-Test aufgeboten wurden.

Vitamin B – mit Beziehungen zu Nahrung

Dennoch erging es uns besser als vielen anderen. Wir konnten unsere Jobs behalten. Auch hungern mussten wir nicht. Die Handelskammer, für die ich arbeite, konnte nach ein paar Wochen eine Lebensmittellieferung aus einer anderen Provinz organisieren. Dieses Glück hatten aber längst nicht alle 25 Millionen Einwohner. Nur wer für eine Grossfirma arbeitet oder generell die nötigen Beziehungen hat, kam in den Genuss einer solchen Ausnahmeregelung.

Alle anderen bekamen von der Lokalregierung in zwei Monaten nur vereinzelt Fresspäckli geliefert. Millionen Menschen mussten hungrig ins Bett. Das erklärt die verzweifelten Schreie in der Nacht, die weltweit für Schlagzeilen sorgten.

«Um die Schreie zu über­tönen, hat man auf dem Hof laute Musik abgespielt.»

Peter Bachmann, 49, Leiter der Handelskammer Schweiz-China

Auch in unserem Quartier standen die Menschen auf den Balkonen und schrien ihren Frust heraus. Die Nachbarschaftskomitees, der verlängerte Arm der Partei, hatten aber eine Lösung parat: Sie liessen auf dem Hof laute Musik laufen, um die Schreie zu übertönen. Die Komitees sind auch verantwortlich für die We-Chat-Gruppen, die es in China für jeden Wohnblock gibt. Über diesen Kanal kommuniziert die Partei mit der Bevölkerung, auch in normalen Zeiten. Während des Lockdowns hatten diese Chats durchaus ihr Gutes: Sie halfen, die Lebensmittel innerhalb des Wohnblocks etwas besser zu verteilen.

Nachbarn helfen einander

Nach einer Essenslieferung meines Arbeitgebers hatten wir zum Beispiel zu viel Gemüse. Wir fragten im Chat, wer Bedarf hat. Die Lebensmittel wurden dann beim entsprechenden Nachbarn vor die Haustür gestellt. Direkten Kontakt gab es keinen. Wenn das Nachbarschaftskomitee so etwas mitbekommt – auf jedem Stock hat es etwa zehn Kameras –, gibt es Probleme.

Die gegenseitige Hilfe hat dazu geführt, dass die Leute im Quartier etwas zueinandergefunden haben. Es ist eine Verbindung entstanden zu Nachbarn, die man vor Corona nicht einmal gegrüsst hatte.

Lockdown in Schanghai: Arbeiter in Schutzkleidung fahren Fresspäckli in die Quartiere.

Lockdown in Schanghai: Arbeiter fahren Fresspäckli in die Quartiere.

Quelle: Keystone

In der Nacht hat die Polizei teilweise positiv Getestete abgeführt. Sie mussten in eine der grossen Quarantänestationen. Die Partei hatte entschieden, dass es in China keine Heimquarantäne geben soll. Für viele war das eine Horrorvorstellung: Zusammen mit Hunderten positiv Getesteten im gleichen Raum – und rund um die Uhr ist das Licht an. Die meisten wären lieber in den eigenen vier Wänden wieder gesund geworden.

In den vergangenen Tagen und Wochen sind die Infektionszahlen gestiegen. Einige Haussiedlungen mussten erneut in den Lockdown. Es ist nicht vorbei.

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