Vor knapp 30 Jahren, damals noch auf VHS-Kassette, gab es das Video «Juden leben unter uns». Stimmt. Auch heute noch. Und sie tun es noch fast wie damals – zumindest Efrat.

Damals war Efrat die Tochter der Teplitz', dieser fast normalen Familie von nebenan, die uns per Tonbildschau Einblick gewährte «in das Leben der Juden in der modernen Gesellschaft». Aus Efrat, dem Mädchen mit den wilden Locken, ist Frau Guggenheim geworden. Die Ehefrau von Doron. Die Mutter von Orija, Ayala, Shoham und Talya; vier Mädchen, die Älteste zehn Jahre, die Jüngste fünf Monate alt.

Ein Leben im Einklang mit alten Traditionen

Klar, auch Efrat ist älter geworden. 35. Aber die Kleider sind vom Stil her noch ein wenig wie damals: lang, hochgeschlossen, schulterdeckend. Das Haar trägt sie heute gebändigt. Als verheiratete, praktizierende Jüdin verbirgt sie es ausser Haus unter einer Mütze, ab und zu trägt sie auch eine Perücke. «Nicht zu jedem Anlass passt eine ‹Dächlichappe›», erklärt sie. Bedecken tut sie das Haar nicht aus Keuschheit oder um sich den Blicken fremder Männer zu entziehen. Das auch. Aber primär, weil das weibliche Haar für Juden etwas Besonderes, Intimes ist. «Es zu sehen, will ich meinem Mann vorbehalten.» Und als müsste sie sich dafür entschuldigen: «Ich bin so aufgewachsen. Und ich tue das gerne.» Zwei Sätze, die vieles erklären im Leben der Guggenheims, ein Leben im Einklang mit jahrtausendealten Traditionen. Und Tradition verpflichtet eben. Tradition gibt aber auch Halt.

Die Familie wohnt in einer Viereinhalbzimmerwohnung in Zürich. Dort, wo fast die Hälfte der jüdischen Gemeinschaft der Schweiz wohnt. Wer mit dem Auto je durch ein jüdisches Viertel fuhr – und das taten viele, als die Autobahn noch durch Zürich und vorbei an der Synagoge der ultra-­orthodoxen Gemeinde Agudas Achim führte –, musste glauben, in der Schweiz gäbe es mindestens 100'000 Juden. Gläu­bige ostjüdischer Tradition mit Schläfen­locken, schwarzen Kaftanen und Pelzhüten sind in diesem Viertel überall anzutreffen. Tatsächlich leben in der Schweiz aber gerade mal 18'000 Juden. Fast dreimal weniger, als der Schwingerverband Mitglieder zählt. Sogar die Zeugen Jehovas wissen mehr Schäfchen in ihren Reihen.

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Die Wohnungseinrichtung der Guggenheims ist gemütlich, aber einfach. Geschuldet weniger dem Design als der Zweck­mässigkeit und der Notwendigkeit, alles irgendwo unterbringen zu müssen, was unterzubringen ist, wenn nicht nur vier Kinder, sondern auch der Glaube den Alltag prägen. Als Resultat erscheint einem alles ein wenig zu eng: die Wohnung für vier Kinder. Das Wohnzimmer für Klavier, ­Sofa, Esstisch, Fernseher. Die Küche für zwei strikt getrennte Garnituren von Geschirr: die eine für Milch-, die andere für Fleischspeisen.

Zu eng ist auch der Platz im Gestell für die klassische Literatur nebst all den heiligen Schriften in dicken Talmud- und Thora-Ausgaben. Und für die religiösen Uten­silien: den Kerzenständer ­etwa oder den Schofar, das Horn des Widders, das zum jüdischen Neujahr von Vater Doron geblasen wird, dass es nur so röhrt in der Stube. Daneben viel Gemaltes und Gebasteltes, wie üblich bei vier Töchtern. Doch über den Kopf zu wachsen scheint das zuweilen nur einer: Orija. Dann entfährt der Ältesten das für eine Zehnjährige typische, leicht divenhafte «Chaos». Ihre Mutter hingegen: die Ruhe selbst.

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Andere Religion, dieselben Schwierigkeiten

Efrat Guggenheim ist Krankenschwester – oder diplomierte Pflegefachfrau, wie das heute heisst. Ihr Mann Doron arbeitet bei einer Grossbank.

Noch ist Efrat jedoch im verlängerten Babyurlaub. Ihr Antrag auf die unbezahlte Pause wurde eben bewilligt. Sie ist froh. Denn der Job ist streng. Fünf Nächte im Monat, von zehn Uhr abends bis morgens um sieben. Manchmal eine Nacht pro Woche, manchmal vier hintereinander. Bis zur Geburt von Talya ging das. «Ich konnte mich einrichten», sagt Efrat und meint damit: tagsüber schlafen.

Die beiden älteren Mädchen gehen in die jüdische Primarschule, traditionell eine Tagesschule, die vierjährige Shoham geht morgens in den Vorkindergarten. Die Betreuung von Kindern unter zwei Jahren aber ist ein Problem, auch in der jüdischen Gesellschaft. Zumal die ohnehin überschaubare Gemeinde in ihrem Innern kleinere Kreise zieht. Es gibt die Ultraorthodoxen, die Orthodoxen, die Ostjuden, die Liberalen; die Grenzen sind fliessend, mal religiöser, mal kultureller Natur. Was sie verbindet, ist zugleich, was sie trennt: die Religion beziehungsweise die Art und Weise, wie der Glaube im Alltag gelebt wird.

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In den Kreisen, in denen Efrat und ihre Familie verkehren, gibt es eben nur wenige Betreuungsmöglichkeiten für Kleinkinder. Die Wartelisten sind entsprechend lang. In naher Zukunft wird sie ihre Nachtschichten deshalb ausschliesslich im Kinderzimmer schieben. Das ist streng genug – auch wenn sie ihr Mann unterstützt, so gut es geht.

Für einen Besuch in der Synagoge reicht es Doron Guggenheim nicht mehr jeden Morgen. Für das Morgengebet zieht er sich dann in der Wohnung zurück, «in die gerade ruhigste Ecke» – nicht selten mit einer der Kleinen am Rockzipfel. Er zieht den Gebetsschal an, bindet sich die Gebetsriemen um, einen um die Stirn, den anderen um den Arm: siebenmal im Uhrzeigersinn, dann je dreimal um Zeige- und Mittelfinger. Das geht ruck, zuck: Jeder Handgriff sitzt. Nach dem Gebet weckt er die Kinder, zieht sie an, macht Frühstück. Erst dann gehts ins Büro. Doron arbeitet Vollzeit. «100 plus», meint seine Frau – um gleich nachzuschieben: «Das Geld für die Familie muss ja einer verdienen.» Und das Stadtleben ist teuer. Doch wer wie die Guggenheims ein orthodoxes Leben lebt, der kann nicht einfach aufs Land ziehen, wo die Wohnungen grösser und die Mieten günstiger sind.

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Am Sabbat ist kein bisschen Arbeit erlaubt

Am augenfälligsten ist dies am Sabbat, dem siebten Wochentag der Juden. Er beginnt wie jeder jüdische Tag am Abend – am Freitag nach Einbruch der Dämmerung. Und er dauert bis Samstagabend. «Bis drei Sternchen am Himmel stehen», erklärt Orija. «Wir freuen uns die ganze Woche darauf», sagt Doron. Obwohl, nein, gerade weil er ihnen vermeintlich so viele Entbehrungen bringt.

Praktizierenden Juden sind an diesem Ruhetag sämtliche Arbeiten verboten. Und «Arbeit» ist ein weiter Begriff, zumal er definiert wurde zu einer Zeit, als die Welt noch eine andere war. Aber die Gültigkeit ist geblieben. Man könnte sagen: Erlaubt ist kein Fünkchen Arbeit – und man meinte dies wörtlich. Denn verboten ist auch das Anmachen und Löschen von Feuer. Übersetzt in die Neuzeit: Elektronische Geräte sind tabu, vom Kochherd über die Lichtschalter bis hin zum Handy und Computer. Und: kein Autofahren.

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Hat man die Fahrt am frühen Abend zum Gottesdienst in der Synagoge noch mit dem Bus gemeistert, geht es nun nach Einbruch der Dunkelheit zurück zu Fuss. Unterwegs meint Doron: «Wir könnten deshalb nicht irgendwo abgeschieden leben.» Und dann fällt einem auf, dass an diesem Freitagabend im Quartier eben fast nur Fussgänger jüdischen Glaubens unterwegs sind. Man kennt und grüsst sich: «Shabbat Shalom.»

Auch Orija und ihre jüngere Schwester Ayala sind auf den Beinen. Beide sind religiös noch nicht mündig, also auch noch nicht den jüdischen Geboten verpflichtet. Mündig werden Mädchen mit zwölf Jahren («Bat-Mizwa») und Buben mit 13 («Bar-Mizwa»). Trotzdem haben Orija und Ayala ihren Vater zum Sabbat-­Gottesdienst begleitet. Nicht nur, um zu beten, so schien es, sondern auch, um ihre Freundinnen zu treffen. Und um vom Traubensaft zu kosten, der Kindern zum Ende des Gebets gereicht wird.

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Auf halbem Weg nach Hause meint Ayala: «Papa, kannst du mich tragen?» Ihr Vater schmunzelt nur. Er weiss, dass sie weiss, dass er am Sabbat nichts tragen darf in der Öffentlichkeit – weder Kinder noch Portemonnaie noch Hausschlüssel. Diesen trägt er, gebunden an ­einen Gürtel, wie ein Kleidungsstück. Ein Trick? «Eine Alltagshilfe», meint Doron. Dann sagt er: «Aber keine Sorge: Im Notfall dürfen wir Juden alles – auch an einem heiligen Sabbat. Das Leben eines Menschen steht über allen Gesetzen.» Und wer definiert, was ein Notfall ist? «Jeder für sich. Und bei heiklen Fragen suchen wir Rat beim Rabbiner.» Ein weiser Mann? ­Doron nickt: «Weise – und gescheit.»

Zu Hause hat seine Frau inzwischen ­alles herausgeputzt: die Kleinen, die Wohnung, sich selber. Das viergängige Fest­essen hat sie bereits am Donnerstag vor­gekocht. Auch alle anderen Arbeiten sind erledigt. «Vor einem Sabbat gibt es deshalb immer viel zu tun», sagt Efrat Guggenheim. «Dafür habe ich jetzt frei. Richtig frei.» Shabbat Shalom.

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«Es rührt mich jedes Mal»

Doron Guggenheim weiss die Arbeit seiner Frau zu schätzen. Nachdem er den Wein, das Brot und die Kinder gesegnet hat – jedes Mädchen einzeln, die Hände dabei sanft auf deren Haupt gelegt –, ehrt er sie, wie dies jeder jüdische Mann zum Sabbat-Mahl tut: mit dem «Eschet Chajil», dem Loblied auf die «tüchtige Hausfrau». Das Lied aus der Feder König Salomons zählt die Tugenden der Frau auf. Und es ist nicht nur das «biedere Weib», das keine Ruhezeit kennt («noch in der Nacht erhebt sie sich») und dessen «Hände die Spindel halten», das besungen wird. Es ist auch ­eine Frau, deren Preis «höher als Perlen» ist, die Handel treibt und Land erwirbt. Kurz: eine Frau auf Augenhöhe. Seit ihrer Hochzeit vor 13 Jahren hört sie jeden Freitag dieses Lied aus dem Mund jenes Mannes, den sie seit Kindesbeinen kennt. «Es rührt mich jedes Mal.»

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Es gibt Braten und Couscous, dazu einen traditionellen Auflauf. «Kigel», weiss Orija. Orija weiss überhaupt viel. So viel, dass es nachdenklich stimmen könnte. Als spielte sie in einer anderen Kinderliga. Nicht nur, dass in ihrem Zeugnis nur Fünfer und Sechser stehen. Sie hat gleich zwei davon. Kinder wie Orija lernen nicht nur Mathematik, Englisch oder Deutsch nach Volksschullehrplan. Sie lernen auch gleichwertig ab der ersten Klasse jüdisches Wissen. Dieses erschöpft sich nicht darin, zu lernen, dass der Hase zwar Wiederkäuer ist, aber trotzdem nicht auf den koscheren Speiseplan gehört; «weil er keine gespal­tenen Klauen hat», wie die siebenjährige Ayala erklärt – auch sie ein kleiner Naseweis. Aber dort, beim Speisegebot, fängt es an, das jüdische Wissen – und endet in den Tiefen ganzer Bibliotheken. Unterrichtssprache in den jüdischen Fächern ist übrigens Ivrit, das moderne Hebräisch. Auch das müssen Kinder erst mal lernen.

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Wie sehr das Vermitteln ihrer Kultur auch Bestandteil des Familienalltags ist, zeigt sich jede freie Minute. Nicht nur Vater Doron fragt seine Töchter wie zum Zeit­vertreib Wissensfragen ab. Auch die Mädchen untereinander tun es und entwickeln einen erstaunlichen Ehrgeiz – und lachen dabei so herzhaft wie beim Sponge-Bob-Quartett, einer anderen Leidenschaft der Mädchen. «Uns Juden sind die Kinder das Wertvollste der Welt. Deshalb investieren wir viel in ihre Zukunft», sagt Doron. Wenig verwunderlich, weisen die Juden den höchsten Ausbildungsstand aller religiösen Gemeinschaften in der Schweiz auf: 43 Prozent verfügen über eine tertiäre Ausbildung, also einen Hochschulabschluss – verglichen mit 19 Prozent der Gesamt­bevölkerung.

Glückliche Familie: Doron und Efrat Guggenheim mit ihren vier Töchtern

Quelle: Lea Meienberg
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Rituelles Händewaschen, dann wird gelacht

Gleichwohl wirkt das Familienleben bei den Guggenheims nicht verbissen. Der Umgang mit den Kindern ist liebevoll und auffallend ungezwungen. Mag ihr Alltag noch so geprägt sein von strengen Riten und Gesetzen, ein Augenzwinkern hat immer Platz. Etwa als der Vater den Gast am Tisch vorwarnt, dass sie vor dem Essen nun alle kurz in die Küche verschwänden für das rituelle Händewaschen. Und dass es sich danach gehöre zu schweigen, bis er das Sabbat-Brot aufgeschnitten habe.

Doch als die Kinder zurückkehren, hat der Gast das Schweigegebot bereits ver­gessen und löchert die Töchter mit Fragen, die sie nicht beantworten dürfen. Nicht jetzt. Der Fremde wundert sich, dass plötzlich niemand mehr mit ihm redet. Dann platzen sie fast vor Lachen, die Kinder, bis Orija losprustet: «Wir dürfen doch nicht antworten.» Und dann lachen sie alle: Vater, Mutter, Kinder. Nur die kleine Shoham nicht, die schläft auf dem Sofa – die Augen aus Jux verdeckt mit einer Augenbinde aus dem «Verkleiderlisortiment».

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Das Ferienmitbringsel scheint sich, unüberhörbar, auch im Alltag zu bewähren: Freitagnachts übernimmt eben die Zeitschaltuhr das Lichterlöschen in der Stube. Aber so weit ist es noch lange nicht. Und am Ende des Abends denkt sich der Gast: Der Gott der Guggenheims ist vielleicht ein strenger, aber bestimmt kein böser.

Serie: Religionen

Gläubig sein, was heisst das? Wir machen uns auf die Suche nach Antworten und ­stellen in lockerer Folge Familien der unterschiedlichsten Glaubensrichtungen vor. ­Bereits erschienen: