Die ukrainische Armee befreit besetzte Gebiete. Wir erfahren davon meist einige Tage verspätet. Denn mit dem Rauswurf der Besatzer ist es nicht getan, es müssen auch Minen, Stolperdrähte und andere «Geschenke» entfernt werden. Fotos dieser Gebiete sind erschütternd, in der Region Charkiw werden Massengräber entdeckt. Jetzt sind alle davon überzeugt, dass die Besetzung nur der Zerstörung diente. Es ist beängstigend, sich vorzustellen, was noch auf uns wartet.

Angesichts der russischen Mobilisierung werden Rekrutierungen für die ukrainischen Truppen angekündigt. Ein Freund von mir hat wieder einmal versucht, in die von ihm gewünschte Division zu kommen. Es lief ähnlich wie bei einem Vorstellungsgespräch, mehrere Stufen, Lebenslauf – und ein Gespräch auf Englisch, weil man ausländische Ausbildner verstehen muss.

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Die russische Mobilisierung wurde in der Ukraine schnell als «Mohylisierung» bezeichnet («mohyla» bedeutet Grab). Die Schlangen von Männern im wehrfähigen Alter an den Grenzen unterstreichen das nur. Einige denken nicht einmal daran, den Buchstaben Z von ihren Autos zu entfernen, erzählt ein Freund in Georgien. Seit Beginn der Mobilisierung sind schon mehr als 300'000 Russen in die Nachbarländer geflohen. Jetzt haben sie Redefreiheit. Wo sind ihre Proteste gegen den Krieg?

Alles schon da gewesen

Die gefälschten Volksabstimmungen in besetzten Gebieten haben hier bloss ein Gefühl des Déjà-vu ausgelöst. Das gab es schon auf der Krim, in Luhansk und Donezk. Ein beliebter Witz: Selbst wenn das Referendum auf der einsamen Schlangeninsel Zmiinyi stattfände, würden 97 Prozent dafürstimmen – weil «Objektivität über allem steht».

«Je schrecklicher die Bedrohung, desto mehr Witze – so scheint es.»

Kateryna Potapenko

Humor ist eine wichtige Waffe von uns Ukrainern, schwarzer Humor noch viel mehr. Je schrecklicher die Bedrohung, desto mehr Witze – so scheint es. Auch bei der Drohung mit taktischen Atomwaffen. Bin ich darauf vorbereitet? Moralisch gesehen – ja. Ich packe meinen Angstkoffer nicht aus. Einige Freunde kaufen Generatoren und Schutzanzüge. Die meisten aber erfinden Memes. Der beliebteste Witz über einen Atomangriff war eine Einladung zu einer Party auf dem Hügel Shchekavytsia im historischen Zentrum von Kiew. Man sagt, dass man von dort die beste Aussicht hat.

Kiew holt bei der Zahl kultureller Veranstaltungen allmählich zu seinem früheren Selbst auf. Kürzlich besuchte ich eine fünfstündige Opernaufführung. Es war fast unmöglich, Eintrittskarten zu bekommen – sie waren begrenzt wegen einer neuen Covid-Welle. Dieses «echte Leben» mit Opernbesuch führt in eine neue psychologische Falle. Man schämt sich, ein «normales» Leben zu führen, während andere es nicht tun können. Viele geben ihre Hobbys auf, nehmen nicht frei, kaufen nicht, was sie wollen – weil sie fühlen, dass sie kein moralisches Recht dazu hätten.

Digitale Angriffe

Der Kampf findet an allen Fronten statt. Es gab viele Hackerangriffe auf Social-Media-Konten ukrainischer Medien. Auch der Auftritt unseres Online-Literaturmagazins «Cedra» wurde gekapert. Leider kann die Verwaltung der sozialen Netzwerke nichts tun. Zudem werden viele ukrainische Konten wegen angeblicher Hassrede gesperrt – es gibt russische Beschwerden gegen jegliche Verwendung der Wörter «Russland» oder «russisch».

Die beste Nachricht der letzten Wochen war die Freilassung von 200 ukrainischen Kriegsgefangenen, darunter eine schwangere Sanitäterin. Sie brachte kurz darauf ein gesundes Mädchen zur Welt, die ganze Ukraine kennt das Gewicht und die Grösse der kleinen Anna.

Wie zufällig spreche ich gerade «Das Mädchen aus dem Lager» als Audiobuch ein – das Tagebuch einer Gefangenen erst in Auschwitz, dann im Gulag. Es ist erstaunlich, dass Propagandisten und sowjetische Behörden damals die gleichen Formulierungen benutzten und die gleichen Ideen propagierten wie die Russen heute. Dieser Kreis lässt einen glauben, dass sich nie etwas ändern wird, Angst und Sinnlosigkeit vorherrschen, dass alle Verluste, Opfer, internationale Hilfe und Heldentaten umsonst waren. Wir dürfen nicht zulassen, dass sich dieser Gedanke festsetzt. Das sind wir uns schuldig.

Heimkehr ins Ungewisse

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Kateryna Potapenko kehrt mit ihrer Familie nach Kiew zurück.

Quelle: Beobachter Bewegtbild

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Kateryna Potapenko

Kateryna Potapenko, 28, war aus Kiew nach Winterthur geflüchtet und ist jetzt wieder zurückgekehrt. Für den Beobachter erzählt sie in der Serie «Tagebuch einer Flucht» über ihr Leben.

Quelle: private Aufnahme
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