Religiöse Feste feiern wir traditionell nach dem julianischen Kalender. Und Weihnachten deshalb erst in der Nacht vom 6. auf den 7. Januar. Aber schon seit geraumer Zeit laufen Diskussionen über einen Wechsel auf den gregorianischen Kalender.

Früher war das kaum ein Thema, jetzt wird das breit diskutiert. Nicht nur, weil in den vergangenen Wochen eine ganze Reihe von Verbrechen bekannt wurden, die hochrangige Geistliche der ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats begangen haben, darunter Pädophilie und Staatsverrat.

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In diesen Tagen ist das Bedürfnis überwältigend gross, sich so weit wie möglich von allem zu distanzieren, was mit Russland zu tun hat. Ein Entscheid steht noch aus. Aber ist im Moment auch nicht wichtig. Seit Krieg herrscht, gibt es für uns sowieso weder Feiertage noch Ferien. Alle feiern, wann sie wollen.

Die heiligen Techniker

Seit Wochen schon greifen die Russen die ukrainische Infrastruktur an und versuchen, uns auch noch das Licht zu rauben. Vor allem an Feiertagen. Nach den Angriffen vor Weihnachten fielen viele Heizungen aus, gab es kein Licht und manchmal auch kein Wasser mehr. Eine Rakete schlug im Umspannwerk ein, das gleich gegenüber der Schule liegt, die mein kleiner Bruder besucht und wo unsere Mutter unterrichtet.

Unser Viertel wurde bei den jüngsten Angriffen sehr hart getroffen. Wir waren drei Tage ohne Strom und Heizung, die Temperatur in unserer Wohnung fiel auf 13 Grad. Zum Glück hat niemand den Luftalarm ignoriert, es gab keine Opfer. Die Techniker – die neuen Heiligen der Ukraine! – haben aber ihren Job gemacht. So war es an Heiligabend warm, und wir hatten elektrisches Licht.

Eine Reise nach Frankreich

Kurz vor den Feiertagen hatte ich beschlossen, meine Freunde in Frankreich zu besuchen. Die Reise dauert mittlerweile rund zwei Tage. Der nächstgelegene Flughafen befindet sich in Polen, der schnellste Zug zur Grenze braucht ab Kiew zwölf Stunden. Tickets für Direktverbindungen sind schwer aufzutreiben, online sind sie jeweils nach wenigen Sekunden weg.

Ich hatte Glück und war schliesslich rechtzeitig am Flughafen. Doch als ich am Gate stand und einsteigen wollte, wurde mein Flug plötzlich annulliert. Und der nächste Flug am Tag darauf hatte zehn Stunden Verspätung. So dauerte meine Reise nach Frankreich letztendlich vier statt zwei Tage.

«Trotz des Kriegs sind die vielen kleinen Sorgen nicht einfach weg. Als auf meinem Handy der erste Luftalarm losging, war ich über meine Reak­tion erst recht beschämt.»

Kateryna Potapenko

Was mir zu denken gab, war aber meine Reaktion am Gate. Ich war eigentlich sicher, dass mich so was nicht mehr aus der Ruhe bringt und ich als Ukrainerin gegen solche Alltagsprobleme immun bin. Doch dann haben mich die Verspätungen genauso wütend gemacht wie die anderen Fluggäste. Trotz des Kriegs sind die vielen kleinen Sorgen nicht einfach weg. Als auf meinem Handy der erste Luftalarm losging, war ich über meine Reaktion erst recht beschämt.

Probleme gab es auch auf der Rückreise nach Kiew. In Frankreich streikten die Eisenbahner, und mein Zug wurde gestrichen. In Belgien kam es wegen «schlechten Wetters» – na ja, es war unter null, und es fielen ein paar Schneeflocken – zu grossen Verspätungen. In der Westukraine gab es dann innerhalb von 24 Stunden einen Meter Neuschnee, und mein Zug hatte gerade mal eine Stunde Verspätung. Und anders als in Belgien haben alle Fahrgäste ihre Anschlüsse erreicht.

Die Lichter in Kiew

Zu den beliebtesten Memes gehören aktuell ukrainische Züge aus Frontstädten, wo man sich dafür entschuldigt, dass es 20 Minuten Verspätung gebe, weil nach den jüngsten Raketenangriffen die Schienen beschädigt sind und der Strom unterbrochen ist.

Überraschenderweise scheinen in diesen extremen Zeiten die öffentliche Dienste von Gemeinden und die Bahn fast besser zu funktionieren als unter normalen Bedingungen.

Weihnachtsbeleuchtung in Kiew 2021

Vor einem Jahr leuchtete zu Weihnachten noch ganz Kiew, jetzt müssen die Scheinwerfer der Autos und die Bildschirme der Handy ausreichen.

Quelle: ZVG

Wieder einmal ausserhalb der Ukraine zu sein, hat sich seltsam angefühlt. In einem Flugzeug zu sitzen oder Schutz zu suchen, nur weil draussen Feuerwerk losging.

Eigenartig war für mich auch, die Weihnachtsbeleuchtung in den Städten zu sehen. Zwar hatten wir in Kiew in den vergangenen Jahren stets versucht, uns selbst zu übertreffen, und liessen fast den ganzen Winter über Tag und Nacht Weihnachtslichter brennen. Doch jetzt sind die Scheinwerfer der Autos und die Bildschirme unserer Handys die einzige Beleuchtung, die wir uns leisten können. Eigentlich reicht das auch.

Aber wir hoffen jetzt auf Schnee. Denn das Weiss reflektiert all das Licht, das uns verblieben ist. Und zeigt uns, dass es doch nicht ganz so dunkel ist.

Heimkehr ins Ungewisse

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Kateryna Potapenko kehrt mit ihrer Familie nach Kiew zurück.

Quelle: Beobachter Bewegtbild

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Kateryna Potapenko

Kateryna Potapenko, 28, war aus Kiew nach Winterthur geflüchtet und ist jetzt wieder zurückgekehrt. Für den Beobachter erzählt sie in der Serie «Tagebuch einer Flucht» über ihr Leben.

Quelle: private Aufnahme
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