Einem norwegischen Fjord gleich liegt der See im tief eingeschnittenen Klöntal oberhalb von Glarus. Südlich erhebt sich majestätisch der Glärnisch, im Norden der Dejenstock, am Horizont der Fronalpstock – eine erhabene Landschaft. Am Ende des Sees, auf dem Campingplatz Vorauen, stehen zwei dunkelhaarige Frauen, dunkel gekleidet, weisse Turnschuhe. Zwei aus der Stadt. Sie wirken etwas verloren in diesem grandiosen Naturtheater.

Wenig später wirken sie noch verlorener. Für einen Moment steht an diesem Mainachmittag ihre Welt still. Das ambitionierte Kunstprojekt, das die beiden Frauen gestalten wollen, droht zu scheitern: Soeben hat ihnen die Platzwartin beschieden, dass die Kunstwerke nicht auf dem Campinggelände aufgestellt werden dürfen. Zu gefährlich, versicherungstechnisch heikel. «Das verstehen Sie doch?»

Alexandra Blättler schluckt leer, nestelt nervös an ihrer Tasche. Sabine Rusterholz Petko verschränkt die Arme über dem Mantel, starrt ernüchtert vor sich hin. Hochkultur im Gebirge – vielleicht doch keine so gute Idee? 

Mit Kunst die Landschaft zu erobern, das ist der Ansatz der beiden Kuratorinnen. Aber wie es scheint, ist das nichts für diese hausbackene Umgebung mit ihren Wohnwagen, gepützelten Vorgärten und mobilen Sanitäranlagen.

Die 44-jährige Rusterholz Petko fasst sich wieder, fragt nach der Nummer des Chefs und greift zum Handy. Sie seien versichert, erklärt sie wortreich, die Haftung kein Problem. Kollegin Blättler, die in der Nacht schon schlecht geschlafen hat – eine Vorahnung? –, denkt an ihren «Plan B», den sie immer parat hat. Bei einem solchen Vorhaben gehöre das Improvisieren dazu, sagt die 40-Jährige. «Das ist wie ein roter Faden, der sich durchzieht.»

Aber das hier geht dann doch ein Stück weit über die übliche Frustrationstoleranz hinaus, schliesslich hat man telefonisch alles vorbesprochen. Eigentlich wäre es heute nur noch darum gegangen, die besten Standorte für die Objekte auszusuchen. Stattdessen: ein grosses Fragezeichen.

Bild-Aufbau

Treppe

«Arena Seatings»: Auf die Kunst von Rita McBride soll man sich setzen.

Quelle: Ornella Cacace
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Wie Eindringlinge aus der Stadt

Zwei Monate zuvor deutet am Klöntalersee noch weniger darauf hin, dass hier einmal Wohnwagenmenschen und Kulturaffine aufeinandertreffen sollen. Anfang März hat sich der Winter zurückgemeldet, die überzuckerten Berge bilden eine Traumkulisse. Die Stille ist durchdringend. Nur ab und zu ist ein dumpfes Grollen zu hören, wenn sich oben ein Schneebrett löst.

Wie Eindringlinge in einer schlafenden Naturlandschaft stapfen Sabine Rusterholz Petko und Alexandra Blättler auf dem verwaisten Campingplatz durch den Schnee. Auf der Suche nach weiteren Bausteinen für ihre Triennale, die ihnen die Umgebung liefern soll. Das grosse Bild haben sie im Kopf, aber an vielen Stellen fehlt noch die Farbe. «Dieses Unfertige macht den Reiz aus», sagt Sabine Rusterholz Petko.

Was hier im Sommer zu erleben sein wird, ist zu diesem Zeitpunkt erst in gewundenen Worten in einem Konzeptpapier festgehalten. «Aktuelle Formen der Partizipation» steht da, «Arbeiten, die als performative und prozesshafte Projekte angelegt sind». Oder: «Ein temporäres Aufblitzen von künstlerischen Momenten». 

Indem sie erklären, was die Ausstellung nicht sein will, stecken die Macherinnen den Rahmen genauer ab. «Es gibt keinen Parcours mit fest installierten Skulpturen, den man mit einem Plänli abläuft, und das wars dann», sagt Blättler. Für die Betrachter werde das zur Entdeckungsreise. «Wir wollen den Leuten die künstlerischen Erlebnisse nicht aufs Auge drücken, sie sollen sich darauf einlassen.» 

Der Wirtin im Ausflugsrestaurant vorne beim Staudamm wäre die konventionelle Variante lieber gewesen. Sie lässt die Kuratorinnen ziemlich schnöde links liegen, als diese um Unterstützung bei der Vermarktung bitten. Sabine Rusterholz Petko steht wieder draussen im Schnee, die unterkühlte Begegnung hat ein zwiespältiges Gefühl hinterlassen.

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«Bei den ‹Camping-Bünzli› im Klöntal trifft Kunst auf Kleinbürgertum, crazy.»


Cristian Andersen, dänischer Künstler

Cristian Andersen
Quelle: Ornella Cacace

«Hier wirken seltsame Kräfte»

Diese gewisse Skepsis ihrem Projekt gegenüber ist stetige Begleiterin, dieses ungesagte «Was tun denn die bei uns oben?». «Hier wirken seltsame Kräfte», sagt die frühere Direktorin des Kunsthauses Glarus mit feinem Lächeln. Dabei hat es Tradition, dass sich die Kunst im Klöntal einnistet: Bereits im 19. Jahrhundert gab es im Weiler Richisau eine Künstlerkolonie mit namhaften Landschaftsmalern. 

Mit ganz anderen Konzepten ist San Keller im kargen Tal unterwegs. Der 46-Jährige – gross, hager, markantes Gesicht unter grauer Mähne – gilt als einer der profiliertesten Konzept- und Actionkünstler der Schweiz. An diesem Tag hat er sich Rusterholz Petko und Blättler angeschlossen, um die Naturkulisse auf sich wirken zu lassen. Er fotografiert, was ihm in die Quere kommt. Ihm schwebe ein Musikprojekt vor, eine Interaktion von Bands mit der Umgebung, sagt er vage. 

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Es dreht in seinem Kopf, das sieht man. Wochen später dreht es noch immer. Nicht einmal Sabine Rusterholz Petko und Alexandra Blättler wissen jetzt, kurz vor Ostern, so genau, was San Keller an der Triennale durchführen will. Eine Blackbox – aber kein Grund zur Sorge. Die Kuratorinnen lassen die eingeladenen Künstler bewusst an der langen Leine. «Es kommt nicht gut, wenn man Kreativen zu viel verordnet», sagt Rusterholz Petko. Es sei ein Suchen und Finden, bis das richtige Projekt stehe. «Die Künstler sollen auch uns verführen.»

Die Verführung erfolgt weitgehend online. In der Wohnung von Alexandra Blättler in Zürich tauschen die beiden Frauen via Handy und Laptop Mails aus, um sich gegenseitig auf den aktuellen Stand zu bringen: Skizzen von Künstlern, Rückfragen wegen hängiger Termine, Absagen von Sponsoren. Das ist mobiles Ausstellungsmachen im Jahr 2017 – mal hier, mal dort, immer auf Zack. 

«Sind die Flyer schon da?» – «Hast du mit denen von der Versicherung schon geredet?» Die Stichworte zu dem, was noch zu tun ist, fliegen durch den Raum. Sie machen deutlich: Hinter der Klöntal Triennale steht keine geölte Organisationsmaschine, sondern ein effizientes Zwei-Frauen-Team, das einen Haufen Fleissarbeit leistet.

«Fermentation und Gärprozesse sind Metaphern für die soziale Gärung.» 


Maya Minder, Künstlerin und Köchin

Maya Minder
Quelle: Ornella Cacace
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«Ein schönes Ei gelegt!»

Und wie ist der aktuelle Stand? «Im Rückstand mit allem!», beschreibt Alexandra Blättler die Lage, doch das ist mehr ein Gefühl als ein Fakt. Zuletzt habe sie die Geldbeschaffung stark beansprucht, Inhaltliches musste hintanstehen. Aber das sei vor drei Jahren, als die beiden das erste Mal Kunst ins Klöntal brachten, nicht anders gewesen – ständig sei man am Aufholen. «Mit diesem Projekt haben wir uns ein schönes Ei gelegt», sagt Blättler, und beide Frauen lachen schallend. Nie wieder eine Freiluftausstellung, das haben sie sich nach dem letzten Mal geschworen – und jetzt sind sie doch wieder mittendrin. Klarer Fall: «Das ist ein Liebhaberprojekt.»

Die beiden Kunsthistorikerinnen haben ihren Namen im Kulturbetrieb, kennen sich seit 16 Jahren, ihre Wege kreuzten sich immer wieder. Beide betreiben eigene kuratorische Projekte und sitzen in Kulturkommissionen – die Nidwaldnerin Blättler im Kanton Zürich, die Zürcherin Rusterholz Petko in der Stadt. Und vor allem: Sie sind auch privat befreundet – Blättler ist Gotte der älteren Tochter von Rusterholz Petko. Diese sagt: «Ohne diese Gemeinsamkeiten würde ein solches Unterfangen nicht funktionieren.» Und Blättler: «Ich bin froh, dass wir zu zweit sind. Die eine gibt der anderen Energie.»

Wer hat welche Rolle? Als Antwort die Aussensicht von Aline Juchler, die im April als kuratorische Assistentin dazugestossen ist: «Ich habe kein Muster entdeckt, beide sind an allem dran, entscheiden gemeinsam. Die zwei sind ein organisch gewachsenes Päckli.»

Und mit diesem steht Juchler nun auf dem Campingplatz. Es ist kühl für Anfang Mai. «Der Reiz der Ausstellung liegt für mich darin, dass die Kunst ausbricht, das Museum verlässt und sich in der Natur ihren Platz sucht», sagt die quirlige 30-Jährige. Sie ist heute hier, um mit dem Künstler Cristian Andersen Standorte für seine Skulpturen zu suchen. Der Däne, der in Zürich lebt und arbeitet, formt mit seinen Objekten eine Art «skurriles Mobiliar», Sitzgelegenheiten sowie einen Grillplatz, die Möglichkeiten für Begegnungen schaffen sollen. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, mokiert sich über die «Camping-Bünzli», spickt seine Sätze mit englischen Einsprengseln. «Hier trifft Kunst auf Kleinbürgertum, crazy», sagt der 42-Jährige mit der hippen Dächlikappe. Seine Installationen sind aus Wellblech, Metall, Industriekeramik und Beton – keine gängige Kost und nicht sofort als Kunst erkennbar.

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Auch Maya Minders Kunst ist nicht alltäglich. Die 34-Jährige mit koreanischen Wurzeln beschäftigt sich mit Fermentation und Gärprozessen, für sie «Metaphern für soziale Gärung». Minder wird das Vernissage-Essen gestalten sowie Workshops vor Ort rund ums Kochen geben. Dabei holt sie gern alte Ernährungsweisheiten aus der Versenkung und verwendet lokale Zutaten. Auf dem heutigen Streifzug am Ort ihrer Performance hat sie Pilze und ein paar Pflanzen gefunden. Zu mehr reicht die Zeit diesmal nicht. Zu Hause wartet ihr kleiner Sohn.

So verpasst die Künstlerin, wie Kuratorin Sabine Rusterholz Petko nach dem Schreckmoment mit der Platzwartin die Dinge wieder zurechtbiegt. Nach dem Gespräch mit dem Campingchef meldet sie: Es sollte weitergehen können mit der Kunst in der Wohnwagenkolonie. «Sabine kann einfach gut telefonieren», sagt Kollegin Alexandra Blättler anerkennend. «Sie trifft den Ton mit den Leuten hier oben.»

«Es kommt nicht gut, wenn man Kreativen zu viel verordnet.»


Sabine Rusterholz Petko, Kuratorin

Sabine Rusterholz Petko
Quelle: Ornella Cacace
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«Wir spüren viel Goodwill»

Donnerstag, 18. Mai, noch zehn Tage bis zur Eröffnung der Klöntal Triennale 2017. Rusterholz Petko muss nach wie vor ihre Argumentationskraft in die Waagschale werfen – in Gesprächen mit der Gemeinde und der Versicherung, der Axpo, als Besitzerin des Landes am Stausee. Noch sind einige Punkte offen, was die Installation der Kunstobjekte anbelangt, aber unterdessen «spüren wir viel Goodwill».

Gut so, denn der kuratorische Endspurt läuft auf Hochtouren. Im Kunsthaus in Glarus wird die Sache konkret. Lastwagen haben Skulpturen der US-Amerikanerin Rita McBride angeliefert, die an diesem Morgen aufgebaut werden. Ihre «Arena Seatings» sind Kunstwerke zum Besitzen – im eigentlichen Wortsinn: Die drei Tribünenstrukturen bilden den Rahmen der «Blind Dates» – regelmässige Veranstaltungen, die das Geschehen an den Schauplätzen oben im Tal ergänzen.

Also: Platz nehmen zur Klöntal Biennale 2017! Doch noch ehe der Startschuss dazu gefallen ist, geht der Blick der beiden Macherinnen bereits nach vorn zur Ausgabe 2020. «Wir wollen wieder eine frische Nische besetzen, Überraschungen schaffen», kündigt Alexandra Blättler an. Von wegen nie wieder eine Freiluftausstellung.

Klöntal Triennale 2017: «Part of a Moment»

  • 2014 wurde die Klöntal Triennale als grosses Ausstellungsprojekt ins Leben gerufen. Grundidee: Die Kunst verlässt den gewohnten Raum und sucht sich ihren Platz in der Landschaft. Von Mai bis September findet sie zum zweiten Mal statt. 
  • Die Ausstellung funktioniert im Zusammenspiel verschiedener Schauplätze: einerseits dem Kunsthaus Glarus, wo unter dem Titel «Blind Date» zahlreiche Veranstaltungen stattfinden, anderseits in und um den Campingplatz Vorauen sowie im Gasthaus Richisau.
  • Im Zentrum stehen diesmal nicht primär fertige Kunstwerke, sondern «flüchtige künstlerische Strategien». Daraus leitet sich das Motto «Part of a Moment» ab. Das heisst: Die Besucher sollen sich selber vor Ort einbringen können, statt einfach «nur» zu konsumieren. 
  • Während der ganzen Ausstellungsdauer sendet das Klöntal-Radio über die Website kloentaltriennale.ch. Vorgesehen sind unter anderem Direktübertragungen von den Standorten im Klöntal und aus dem Kunsthaus Glarus. 
  • Dauer: Im Klöntal vom 28. Mai bis 24. September, im Kunsthaus Glarus bis 30. Juli.
  • Aktuelle Informationen: Im Internet oder auf Facebook
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