Kriessern liegt so weit im Osten, dass nur der Rhein es von Österreich trennt. Gelegentlich liest man in der Zeitung über den Ort, der politisch zu Oberriet SG gehört. Etwa wenn ein Italiener versucht, einen Leguan in Tupper­ware über die Grenze zu schmuggeln. Oder wenn ein Auto samt Lenkerin in den vereisten Rheintaler Binnenkanal rutscht.

In Kriessern gibt es drei Beizen. Die «Sonne», das «Schäfli» und den «Sternen». Neben Letzterem wohnen seit 45 Jahren die Hutters, die Resi und der Sepp, wie man sie im Dorf nennt. Hutter erlitt bei ­einem Betriebsunfall ein Schädel-Hirn-Trauma. Dadurch sei er wohl lärmempfindlicher geworden, sagt er. Er gab seine Firma dem Sohn weiter. Den Abschied aus der Arbeitswelt feierte Hutter im Herbst 2013 samt Familie und Freunden im «Sternen» bei Wirt Urs Mattle.

Wirt vermutet Rache hinter den Klagen

Mattle hat den «Sternen» im Juni 2013 übernommen. Mit dem Segen der Hutters vergrösserte er die Gartenwirtschaft und setzte ein flaches Dach darüber. Bald knallten die Korken, Mattle bedankte sich mit einer «Aatrinkata» bei den Handwerkern, den Behörden und den Nachbarn. Da er die Heizung im «Sternen» erneuern wollte und Hutters Firma im Bereich solarunterstützte Heizungen tätig ist, holte er auch beim Nachbarn eine Offerte ein. Den Auftrag aber vergab er einer anderen Firma. Das war Ende 2014.

Von da an hing der Segen schief. Die Hutters konnten wegen des ständigen Lärms kein Auge mehr zutun, sagen sie. Sie zeigten den Wirt wegen Nachtruhestörung an. Der Wirt ist der Meinung, das habe mit der Auftragsvergabe an die andere Firma zu tun gehabt. Die Hutters wiederum beteuern, das sei nicht der Fall, und sie hätten mit den drei Wirten vor Mattle keine Probleme gehabt.

«Ich habe die vielen Nullen auf dem Zahlungsbefehl erst gar nicht gesehen.»

Resi Hutter, Nachbarin

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Nach und nach verhakten sich Nachbarn und Wirt. Beleidigungen wurden ausge­stossen, Polizisten gerufen, Anwälte eingeschaltet, Ämter bemüht, Anzeigen eingereicht, runde Tische organisiert, Protokolle verfasst, ­Briefe geschrieben, Zeugen aufgeboten, Journalisten angerufen. Die Ordner füllten sich.

Lärm «bis weit nach Mitternacht»

Urs Mattle zog eine schallabsorbierende Sichtschutzwand hoch. Aber auch das half wenig, die sei zu wenig hoch. Die Hutters klagten weiterhin über Gelächter und Gerede und Tabakrauch bis weit nach Mitternacht, weil die Schliessungszeiten nicht eingehalten würden. Der Wirt seinerseits beklagte sinkende Umsätze, «ausschliesslich nach 22 Uhr», weil er den Garten zumachen müsse.

Als Mattle eines Sonntags im Sommer 2016 zum Frühschoppen mit Live-Band ab zehn Uhr früh lud, zeigten die Hutters ihn erneut bei der Polizei an. Ende 2016 platzte dem Wirt der Kragen. Er drehte den Schlüssel und schrieb den «Sternen» zum Verkauf aus. Damit war die Geschichte aber nicht zu Ende.

Hutters rufen den Beobachter um Hilfe

Kurz nach Neujahr, am 5. Januar 2017, musste Resi Hutter einen Eingeschriebenen abholen. «Meine Augen sind nicht mehr die besten. Ich habe die vielen Nullen zuerst gar nicht gesehen», sagt sie. Es war ein Zahlungsbefehl für die Betreibung auf Pfändung und Konkurs. Forderungshöhe: 2'000'000.00 Franken. Forderungsgründe: «Diverse.» Gläubiger: Urs Mattle Invest AG.

Seither leben die Hutters «wie auf Nadeln». Wer betrieben wird, kann die Betreibung mit einem Rechtsvorschlag stoppen. Zudem kann er mit einer sogenannten negativen Fest­stellungsklage prüfen lassen, dass der Anspruch nicht besteht. Dann verlangt aber das Gericht einen Kostenvorschuss, der anhand des Streitwerts berechnet wird. Im vorliegenden Fall hätte der Vorschuss 30'000 Franken oder mehr betragen. Bei zwei Millionen ist das ein durchaus üblicher Betrag. Schockiert über die hohe Summe, riefen die Hutters den Beobachter um Hilfe.

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Michael Krampf vom Beratungszen­trum nahm sich der Angelegenheit an. «Herr Hutter muss gar nichts bezahlen. Bei diesem Fantasiebetrag handelt es sich offensichtlich um eine Schikanebetreibung. Dagegen kann er beim Gericht eine Beschwerde einreichen und muss darin natürlich begründen, warum eine Schi­kanebetreibung vorliegt.»

Hutter hat Krampfs Rat befolgt. Jetzt liegt der Ball bei Exwirt Mattle. «Wenn er seine kuriose Forderung nicht begründen kann, muss das Gericht die Löschung der Betreibung verfügen», sagt Krampf.

Und vielleicht kann sich Kriessern wieder jenem Ding zuwenden, für das es in der ganzen Welt berühmt ist: dem Schreitbagger Menzi Muck.

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Lärm in der Nachbarschaft, verursacht durch Kindergeschrei, feiernde Partygäste oder Baumaschinen, führt sehr häufig zu Konflikten. Auf Guider erfahren Mitglieder, was ihre Rechte sind und wie sie sich wehren können.