Conrad Jon Godlys Tage sind ruhig geworden. Auf dem Weg ins Avers­tal steuert der Maler seinen Volvo 240 Kombi alle paar hundert Meter rechts ran, um Berg und Bach zu preisen. «Das ist einer meiner Lieblingsberge, der Piz Beverin. Wunderschön», sagt er am Strassenrand, die Augen auf einen schwarzen Gipfel gerichtet, dessen Kreten sich im sanften Grün verlieren. Für einen Moment ist nur das Autoradio zu hören. Der 52-Jährige, der sich selbst als Maler und nicht als Künstler bezeichnet, sinkt zurück in den Fahrersitz. Es scheint, als sei er angekommen nach einer langen Reise.

Da war dieses Fotoshooting vor zehn Jahren. Godly wusste von einem Moment auf den anderen nicht mehr, wie er die franzö­sische Schauspielerin Emmanuelle Béart für ein schönes Bild gewinnen konnte. Zuvor hatte der international gefragte Mode- und Werbefotograf es 18 Jahre lang als seine Stärke betrachtet, Stars mit den richtigen Komplimenten die Ängste zu nehmen und das Beste aus ihnen her­auszuholen. Nun fand er die passenden Worte nicht mehr. Die Rolle des Modefotografen war Godly fremd geworden.

Danach nahm er keine Aufträge mehr an. Er wollte nicht länger darüber nachdenken, ob die Modefoto­grafie als Lebensinhalt ausreichend sei; schönen Frauen nachjagen, die ihn in jungen Jahren so fasziniert hatten; mit dem Porsche von einer Party zur nächsten rauschen.

Das Umfeld war anfangs skeptisch

Die Sehnsucht nach den Bergen hatte den Davoser nie losgelassen. Immer wieder wünschte er sich in diese mächtige Landschaft zurück, wo er aufgewachsen war und wo klare Verhältnisse herrschten. Wo der Mensch unbedeutend wurde in der gewaltigen Natur und nicht ein einzelnes Kleidungsstück die Macht hatte, eine Karriere zu ruinieren. Nun schien der Moment gekommen, heimzukehren. Über die Jahre war ein Plan in ihm gereift, jetzt fühlte er sich bereit dafür: Er wollte malen und so seinen Lebensunterhalt bestreiten. Seine Eltern verstanden ihn nicht. Wieso etwas Neues wagen, wenn das Alte so gut funk­tioniert? Seine Freunde zuckten ratlos mit den Schultern.

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1986 hatte Godly die Malfachklasse bei Franz Fedier in Basel abgeschlossen. Danach hatte er nie wieder einen Pinsel in die Hand genommen. Dass er begabt war, wusste er: «Im Zeichnen ragte ich immer heraus.» Und doch war ihm der Gedanke ans Scheitern nicht fremd; ihm war bewusst, dass sein Plan auch schief­gehen könnte.

Vier Jahre lang trank er den ersten Kaffee vor Sonnenaufgang und malte, bis es dunkel wurde. Seine Bilder zeigte er damals niemandem. «Ich wollte die Malerei vorantreiben, bis sie für mich glaubwürdig war.» Um diese Schaffensphase finanzieren zu können, verkaufte er einen grossen Teil seiner Luxusgüter, die er in seinem ­Leben als Fotograf angehäuft hatte.

Heute kann Conrad Jon Godly von seiner Kunst leben. Seine Werke werden sowohl in der Schweiz als auch im Ausland gezeigt: Die bisherigen Höhepunkte seiner Karriere sind eine Einzelausstellung im Kunsthaus Baselland sowie eine Ausstellung in der renommierten Galerie Shibun­kaku in Tokio.

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Godly späht aus einem der kleinen Fens­ter der Pension Edelweiss in Juf. Regenschleier schieben sich vor die grellgrünen Berge, als möchten sie die Existenz dieses kaum besiedelten Bergtals leugnen. Der Maler mag diesen Ort. Seine Weite. Seine Leere. Er richtet sich auf seinem Stuhl auf, der viel zu klein scheint für diesen grossgewachsenen Mann, und spricht über die Sujets seiner Bilder: «Für mich ist ein Berg nichts Materielles, er ist eine Persönlichkeit.» Er spricht den Bergen eine «übergeordnete Kraft» zu. Er bewundert die geheimnisvolle Macht des Gebirges.

«Eine Hommage an die Natur»

Godly versucht, sich malend in das Wesen der Berge einzufühlen, und ist sich zugleich im Klaren darüber, dass er ihm nie ganz gerecht wird: «Aber ich kann meine Wertschätzung zeigen. Meine Malerei ist eine Hommage an die Natur», sagt er, während sein Blick auf seine Hände sinkt und dort hängenbleibt. Die Finger der einen Hand zieren veilchenfarben angemalte ­lange Nägel, die andere Hand schmückt ein baumnussgrosser japanischer Silberring.

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Godlys Bildern gehen fotografische Skizzen voraus, Fotos, die er auf seinen Wanderungen macht. Nie jedoch bildet er sein Motiv eins zu eins ab, vielmehr studiert er anhand der Fotos die Berge und wuchtet danach seine eigenen auf die Leinwand. Kleine und grosse Berge. Fels, Schnee, Nebel, viel Licht. Er malt die Bilder in einem Zug, ohne auch nur einmal einen Schritt zurückzutreten. Für die kleinen benötigt er selten mehr als fünf Pinselstriche. Sein grösster Pinsel ist 70 Zentimeter breit. Godly sagt, er sei ein extremer Typ. Er macht keine halben Sachen.

Es gab eine Zeit, in der sich sein Leben weniger leicht anfühlte als heute. In der er sich fragte, wohin sein Malerdasein führen würde. In der er seine heutige Frau, eine Japanerin, noch nicht kannte und sich einsam fühlte. «Sobald ich mein Atelier verliess, fiel ich in ein Loch.» Durch diese Tage hat ihn die Malerei getragen.

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Godlys Atelier liegt in einer Industriehalle in Sils im Domleschg, etwa 20 Autominuten von seiner Wohnung in Chur entfernt. Bis auf ein paar Leinwände und einen Tisch mit drei Tuben Ölfarbe füllt nichts als Leere den Raum. Durch eine Dachluke fällt etwas Licht auf eine Gruppe Bilder, dicke Farbschichten türmen sich auf jedem einzelnen übereinander. Erst aus der Distanz erwachen die Farben zum Leben: Der Berg wird plastisch; Nebelschwaden treiben über die Kreten; Fels schimmert im Mondschein. Godlys Galerist Tony Wuethrich sagt: «Conrad Jon Godly gelingt es, die ‹Seele› der Berge zu erfassen. Beim Betrachten dieser magischen Landschaften entsteht eine Verbindung mit eigenen Sehnsuchtsbildern, die uns überwältigt staunen lässt.»

Fragt man den Maler, was für ihn heute Schönheit bedeute, sagt er in sorgfältig gewählten Worten, Schönheit sei für ihn, wenn da mehr sei als Oberfläche. «Eine vollkommenere Schönheit als die der Natur gibt es für mich nicht.» Alles von Menschenhand Gemachte betrachtet er als blossen Versuch, sich dieser Schönheit anzunähern.

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Quelle: Tanja Demarmels

Der schöne Schein der Modebranche

Und die Schönheit der Menschen? Der Fotograf hat zu viel gesehen, als dass er sich noch täuschen liesse. Er weiss, dass die Frauen in Hochglanzmagazinen schöner aussehen, als sie in Wirklichkeit sind. Wie jung die heutigen Topmodels sind – selten älter als 16. Wie ihr Alltag aussieht. Er hat selber Castings durchgeführt; manchmal fühlte er sich an Viehmärk­te erinnert. «Fast hätten wir den Mädchen noch in den Mund geschaut.» Man merkt ihm an, dass er froh ist, solche Entscheidungen nicht länger treffen zu müssen.

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Aus dem Himmel über Juf ist jede Farbe gewichen. Würden die Cars nicht ständig neue Mittagsgäste ankarren, könnte der Tag auch schon vergangen sein. Godly schiebt sich ein Stück Bratwurst in den Mund. Seine Bodenständigkeit habe ihn daran gehindert, abzuheben, hat er zuvor im Auto gesagt. Vielleicht hat ihm dieselbe Bodenständigkeit geholfen, sich so gut in sein neues Leben einzufügen. Das er wohl nie begonnen hätte ohne seine Erfahrungen in der verrückten Modewelt. Godly sagt: «Der lange Weg war nötig, um hier anzukommen.»

Vor drei Jahren brannte sein Fotoarchiv ab. Tausende von analogen Bildern. Zum ers­ten Mal hatte er sie nicht in feuer­sicheren Schränken gelagert, sondern temporär in einer Halle. «Am Anfang war ich geschockt. Ich habe auch alle privaten Bilder verloren», sagt Godly, während sein Blick aus dem Fenster wandert. Dann fährt er mit veränderter Stimme fort, aus der fast so ­etwas wie Erleichterung klingt: «Aber wahrscheinlich ist der Schnitt so noch sauberer.»

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Quelle: Tanja Demarmels