In Peter Bollers Waffenladen in Sempach LU stehen die Schiesseisen grimmig Spalier. Der Besucher blickt in Dutzende Läufe: Karabiner, Revolver, Schrotflinten – es riecht nach Gewehrfett und alten Zeiten. Über dem Tresen, neben unzähligen grauen Patronenschachteln, mahnt ein Schild: «Rauchen verboten!»

Bis vor einigen Jahren konnte hier jeder hereinspazieren, es gab lediglich eine Glocke über der Tür. Jetzt müssen Kunden eine Klingel betätigen. Peter Boller drückt auf den Knopf – es surrt –, und ins Geschäft stapft ein kauziger Bauer mit dickem Bauch. «Gibt es noch Spatzenschrot?», will der Mann wissen. Und ob es gefährlich sei, im Schlafzimmer damit auf die Viecher zu schiessen, die ihm die Möbel ruinieren.

«Nur für den Picasso an der Wand», sagt der Büchsenmacher. «Aber warum machst du nicht einfach die Fenster zu?» Der Bauer stopft die Patronenschachtel in die Tasche und sagt: «So weit kommt es noch!» Er lasse sich doch nicht von ein paar Piepmatzen vorschreiben, wann er lüften dürfe. 

«Mir fehlt der Arm, wenn mir die Waffe fehlt»

Auf einem Flyer, den Waffenfreunde derzeit landauf, landab verteilen, steht: «Nein zum Entwaffnungsdiktat der EU.» Ein blauer Keil amputiert den rechten Arm des Schweizerkreuzes. Das Logo ist ein Schiller-Zitat. Der Dichter liess seinen Wilhelm Tell einst voller Pathos deklarieren: «Mir fehlt der Arm, wenn mir die Waffe fehlt.»

Wie der Schweizer Nationalheld in der Sage denken viele Büchsenmacher, Schützen, Jäger und Waffensammler. Sie und die SVP wehren sich gegen die Übernahme der neuen EU-Waffenrichtlinie Endlich verständlich Darum geht es beim Waffengesetz . Für den Bundesrat und die Befürworter der Vorlage geht es um kleine Anpassungen, die weder Traditionen noch Schiesswesen beeinträchtigen. Für die Gegner geht es um alles: um Freiheit und Selbstbestimmung. (Lesen Sie dazu auch unser Interview mit Justizministerin Karin Keller-Sutter)

Nicht nur wer mit Pulverdampf und Pistolenrauch wenig anzufangen weiss, hält Waffen für Mordinstrumente, die nichts in Zivilistenhänden verloren haben. Doch für diese Sichtweise fehlt Peter Boller das Verständnis. Ihn fasziniert die Mechanik einer Waffe, das Handwerk. «Sonst wird ja heute jeder Mist als Kunst verkauft.»

Boller erzählt die Geschichte einer «Lady aus dem Aargau», die mit ihrem Mercedes bei der Entsorgungsstelle vorgefahren sei und darauf bestanden hätte, dass ihre alten, mit filigranen Gravuren verzierten Gewehre auf der Stelle eingeschmolzen würden. Dass diese antiken Waffen womöglich Zehntausende Franken Wert hatten, sei ihr egal gewesen. «So was verstehe ich einfach nicht.»

Halbautomatische Gewehre würden zu verbotenen Waffen

Ein Ja am 19. Mai hätte für Büchsenmacher Boller vor allem administrativen Mehraufwand zur Folge. Er müsste sämtliche Transaktionen einer kantonalen Stelle melden. Der Bürokram, sagt Boller, wäre bewältigbar. Es geht ihm aber ums Prinzip: Halbautomatische Gewehre würden zu verbotenen Waffen – zumindest auf dem Papier.

Wenn ein Sportschütze künftig ein Sturmgewehr 90 kaufen will, das Standardgewehr der Schweizer Armee, brauchte er eine Ausnahmebewilligung. Heute benötigt man dazu einen Waffenerwerbsschein, ein Käufer muss volljährig sein und darf keinen Eintrag im Strafregister Strafregister Wer darf meine Sünden sehen? haben. Neu müsste ein Kunde nachweisen, dass er Mitglied in einem Schützenverein ist oder regelmässig schiesst. Boller sagt: «Jahrhundertelang vertraute man dem Bürger, und jetzt soll das plötzlich nicht mehr gelten?»
 

«Wenn einer mit dem Messer auf mich zugerannt kommt, muss ich mich doch verteidigen können!»

Peter Boller, Büchsenmacher


Jedem, dem er eine Waffe verkauft, gibt Peter Boller einen Rat auf den Weg: «Schau einfach, dass du damit nie auf jemanden schiessen musst.» Boller selbst besitzt einen Waffentragschein. Sein Revolver steckt hinten im Gürtel unter dem Gilet, zeigen mag er ihn nicht. Aber ziehen würde er ihn, falls «die Bösen» in sein Haus wollten. «Wenn einer mit dem Messer auf mich zugerannt kommt, muss ich mich doch verteidigen können!»

Das Geschäft betritt nun aber eine Frau, die Alteisen loswerden will: zwei Karabiner, eine Einlaufflinte, eine Pistole und einen Offiziersdolch. Nachdem ihr Mann verstorben war, bekam sie Post von der Polizei. Sie müsse die Waffen innerhalb von sechs Monaten abgeben oder auf ihren Namen registrieren lassen. Peter Boller prüft mit routinierten Griffen, ob die Waffen noch geladen sind. «Ist alles schon vorgekommen», sagt er.

Die Karabiner behalte er ein paar Jahre, vielleicht interessiere sich ja mal ein Junger dafür. Der Dolch kommt in die Kiste zu den sieben anderen. Für die Pistole, eine Parabellum aus dem Jahr 1906, händigt Boller der Witwe 500 Franken aus. Er wird die Waffe auf Vordermann bringen und dann verkaufen. Wenn er Glück hat, bezahlt ein Sammler einen Tausender dafür.

Das Interesse an alten Waffen habe aber abgenommen. «Ein ähnliches Exemplar hüte ich schon seit fünf Jahren im Laden.» Sie sei schlicht froh, dass sie die Dinger endlich los sei, sagt die Frau. Peter Boller zuckt nur mit den Schultern.

Immer weniger wollen ihre Armeewaffe behalten

Infografik: Armeewaffen in Privatbesitz

110'000 Armeewaffen gingen in den letzten 15 Jahren in Privatbesitz über. Letztes Jahr waren es noch 2287 Sturmgewehre und 821 Pistolen. Das bedeutet ein Rückgang von 43 auf 13 Prozent.

Quelle: ASTAB – Infografik: Beobachter/Anne Seeger

Mehr Waffen, mehr Tote

Geht es um Waffen, sind die Fronten verhärtet. Ein tiefer Graben teilt die beiden Lager. Jeder Schusswaffentote sei einer zu viel, betonen stets die einen. Es sei der Mensch, der töte, und nicht die Waffe, wiederholen bei jeder Gelegenheit die anderen.

Eine Schätzung geht davon aus, dass sich in der Schweiz 2,4 Millionen Schusswaffen in Privatbesitz befinden. Und es werden mehr: In den letzten Jahren ist die Zahl der ausgestellten Waffenerwerbsscheine in vielen Kantonen förmlich explodiert. Dass dies eine Gesellschaft nicht sicherer macht, ist wissenschaftlich erwiesen. Zahlreiche Studien zeigen, dass mehr Schusswaffen zu mehr Schusswaffentoten führen.

Der Spruch, dass nur ein guter Mensch mit einer Waffe einen schlechten Menschen mit einer Waffe aufhalten könne – er ist längst widerlegt. Schon vor zehn Jahren sagte der Zürcher Philosoph Georg Kohler in einem Interview mit dem Beobachter: «Je zivilisierter eine Gesellschaft ist, desto mehr wird sie sich bemühen, private Waffen zu kontrollieren und weitgehend einzuziehen.

Waffenerwerbsscheine pro Kanton

Infografik: Waffenerwerbsscheine in der Schweiz

38'000 Waffenerwerbsscheine wurden 2017 schweizweit ausgestellt, das sind 13'000 mehr als 2012. Die Karte zeigt die Anzahl gelöste Scheine pro 1000 Einwohner nach Kanton.

Quelle: TA/2018/De Carli und TA/2016/Müller und AZ/2019/Meier – Infografik: SEE

Zu den erbittertsten Gegnern der Revision des Waffenrechts gehört die Waffenlobby Pro Tell. Noch vor Jahresfrist stand es nicht gut um die «Gesellschaft für ein freiheitliches Waffenrecht». Intern tobten Machtkämpfe, Ex-Brigadier Hans-Peter Wüthrich trat nach acht Monaten als Präsident zurück, der radikale Flügel übernahm.

Jean-Luc Addor, SVP-Nationalrat aus dem Wallis, amtet seither als Interimspräsident. Er ist ein Hardliner, forderte in einer parlamentarischen Initiative, dass Bürger ihre Waffen in der Öffentlichkeit tragen dürfen. 2017 wurde er wegen rassistischer Äusserungen auf Twitter zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt.

Reicht die jetzige Gesetzgebung aus?

Addor vertritt in Sachen Waffen eine ähnliche Haltung wie die erzkonservativen Mitglieder der amerikanischen National Rifle Association (NRA). Er ist nicht unbedingt ein Sympathieträger, der Zweifler dazu bewegen könnte, am 19. Mai ein Nein in die Urne zu legen. Für diese Aufgabe hat Pro Tell zu Beginn des Jahres eine neue Vizepräsidentin aus dem Hut gezaubert: Olivia de Weck.

Die 32-Jährige ist alles andere als eine verschrobene Waffennärrin. Sie sagt, sie habe kein besonderes Interesse an Waffen, wolle schon gar nicht mit einer aufs Bild. Für die parteilose Anwältin ist ein Sturmgewehr primär ein Sportgerät und ein Verteidigungsinstrument. Ihre Pistole – Olivia de Weck befehligt als Hauptmann eine Aufklärungskompanie – bewahrt sie in einem gut getarnten Versteck in ihrer Lausanner Wohnung auf. Sie fühle sich auch ohne Waffe sicher in der Schweiz, und Selbstjustiz Selbstjustiz Haltet den Dieb! Aber wie? sei schon gar nicht ihre Sache. Vielmehr gehe es ihr um Freiheit und Bürgerrechte.
 

«Wir leben ja nicht im Wilden Westen, wo es an jedem Kiosk ein Sturmgewehr zu kaufen gibt.»

Olivia de Weck, Vizepräsidentin Pro Tell


Pro Tell will den Status quo erhalten. Die Gesetzgebung in der Schweiz sei völlig ausreichend, sagt Olivia de Weck. «Wir leben ja nicht im Wilden Westen, wo es an jedem Kiosk ein Sturmgewehr zu kaufen gibt.» Was der Bundesrat auf Geheiss der EU vorhabe, sei eine Bevormundung rechtschaffener Bürger. «80 Prozent der Waffen, die Schützen zur Ausübung ihres Sports benötigen, würden über Nacht illegal», so Olivia de Weck. Das Gleiche würde für die persönliche Waffe gelten, die Rekruten während ihrer Ausbildung vom Vorgesetzten in die Hände gedrückt bekommen. «Das war immer schon ein Ritual, in dem der Staat zeigt, dass er Vertrauen in seine Bürger hat.»

Dass die EU und die Schweiz der Terrorbekämpfung eine hohe Priorität einräumen, findet Olivia de Weck richtig. Nicht einverstanden ist sie mit den Mitteln: «Da werden wir für dumm verkauft.» Sämtliche Waffen, die beim Terroranschlag in Paris zum Einsatz kamen, seien illegal beschafft worden. «Die Anpassungen betreffen einmal mehr nur Menschen, die die Gesetze bereits befolgen.»

Mit dem neuen Waffengesetz würde sein Sportgerät zur «verbotenen Waffe»

Thomas Steiger, Präsident des Schweizer Verbands für Dynamisches Schiessen

Thomas Steiger, Sportschütze und Vereinspräsident.

Quelle: Herbert Zimmermann

Über 140'000 Mitglieder zählen die Schweizer Schützenvereine. Thomas Steiger ist einer von ihnen. Er sagt: «Das Schiessen sorgt bei mir für eine positive Work-Life-Balance Work-Life-Balance Kluge suchen das Gleichgewicht .» Den Umgang mit der Waffe hat Steiger von seinem Grossvater gelernt, einem Aktivdienstler. Als Teenager trat der heute 51-Jährige den Stadtschützen Luzern bei, er pedalte Samstag für Samstag mit dem Velo zum Schiessstand, die Waffe stets fest auf dem Rücken. «Damals war das normal.»

Seit zehn Jahren ist Thomas Steiger Präsident des Schweizer Verbands für Dynamisches Schiessen. Bei dieser Variante gilt es, auf einem Parcours in möglichst kurzer Zeit verschiedene Ziele zu treffen. Mit Pistole und Gewehr. Steiger nennt es die «hohe Kunst des Schiessens». Nur wer Zeit und Raum im Griff habe, reüssiere. Im letzten Jahrzehnt hat die Schweiz vier Weltmeister hervorgebracht. Diese Erfolgsgeschichte sieht Steiger nun bedroht.

Denn mit dem neuen Waffengesetz würde auch sein Sportgerät zur «verbotenen Waffe». Für den Erwerb einer Pistole mit einem Magazin, in dem mehr als 20 Patronen Platz finden, brauchte er eine Ausnahmebewilligung. Das neue Gesetz, sagt Steiger, sei ein Angriff auf den Lifestyle der Schützen.

In der Schweiz besitzen 28 von 100 Personen eine Waffe

Infografik: So viele Waffen befinden sich weltweit in Privatbesitz

Weltweit befinden sich 85 Prozent aller Waffen in Privatbesitz – am meisten in den USA und im Jemen. (Anzahl Waffen pro 100 Personen)

Quelle: Small Arms Survey – Infografik: Beobachter/Anne Seeger

Folgen bald noch schärfere Gesetze?

Als die Stimmberechtigten 2005 Ja zu Schengen und Dublin sagten, hätten die Schützen zu den Befürwortern gehört. «Damals hatte man uns versprochen, dass sich am Waffengesetz nichts ändern werde.» Weil die Politiker nicht Wort gehalten hätten, müsse jetzt eine rote Linie gezogen werden.

Steiger warnt vor allem vor dem, was noch kommen könnte. Die EU überprüft alle paar Jahre ihre Richtlinien auf ihre Wirksamkeit. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sprach zuletzt von einem «Meilenstein», deshalb rechnet Steiger damit, dass bald über noch schärfere Gesetze diskutiert wird. «Wenn die EU den privaten Besitz halbautomatischer Waffen ganz verbieten würde, müssten wir mitziehen.» Das könne niemals im Interesse der Schützen sein.

Thomas Steiger vergleicht das Schiessen mit Golf. «Man drückt am Abzug und hat sofort ein Feedback.» Der Golfball landet im Green, der Schuss im Ziel. «Das ist eine der grössten Befriedigungen in dem Sport.»

Aber natürlich bleibe eine Waffe ein gefährliches Utensil. Deshalb müsse der Umgang auch gelernt werden. Die vier Sicherheitsregeln zum Beispiel. Sie kommen bei ihm wie aus der Pistole geschossen:

  • Die Waffe immer als geladen betrachten.
  • Niemals auf etwas richten, das man nicht zerstören will.
  • Finger weg vom Abzug, solange nicht gezielt wird.
  • Sich seines Zieles sicher sein.» 


Konzentration und Selbstbeherrschung, sagt Steiger, nützten auch im Alltag, im Büro oder in der Beziehung. Man mache sich mehr Gedanken über die Folgen einer Handlung. Und: «Man atmet definitiv ruhiger.» Er schiesse jetzt seit über 40 Jahren, sagt Thomas Steiger, 700'000 Schüsse ungefähr, und doch lerne er jeden Tag dazu.

Herr über 1000 Waffen

In Bauma ZH, im Untergeschoss eines unscheinbaren Einfamilienhauses, befindet sich die grösste private Sammlung militärischer Waffen in der Schweiz. Robert Sonderegger öffnet die mehrfach gesicherte Tür zu seinem Museumskeller. In Holzgestellen reiht sich Gewehr an Gewehr. Hellebarden, Langspiesse, Säbel – man könnte eine Theatergruppe damit ausstatten, die historische Schlachten nachspielt. «Nicht berühren, Rostgefahr» steht da. Vor 50 Jahren hat Sonderegger mit dem Sammeln angefangen, inzwischen sind es an die 1000 Waffen, die hier lagern, so genau weiss das der 81-Jährige nicht. Er sagt: «Ich müsste mal Inventar machen.»

Sonderegger hatte schon immer «Freude am Klöpfen». Als Schüler kauften er und seine Freunde beim örtlichen Pulverhändler Schwarzpulver, stopften es in Patronenhülsen, versahen die Bastelei mit einer Zündschnur und sprengten damit Löcher in Kieshaufen. «Der Händler dachte, das Schwarzpulver sei für unsere Väter», erinnert sich Sonderegger und lacht. «Beim dritten Mal bekamen wir dann nichts mehr.»

Er besitzt die grösste private Sammlung militärischer Waffen in der Schweiz

Robert Sonderegger, Waffensammler

Robert Sonderegger (81) aus Bauma ZH.

Quelle: Herbert Zimmermann

Von der Steinschlosspistole aus dem 17. Jahrhundert bis zum Sturmgewehr 90 hat Sonderegger fast alles, was die Herzen von Waffenfans höher schlagen lässt. In seiner Sammlung befinden sich auch ein paar Raritäten mit spezieller Geschichte.

Ein Degen etwa, der einem Piloten gehört haben soll, der mit seiner Maschine während des Zweiten Weltkriegs bei einem Militärmanöver um 1941 in den Vierwaldstättersee gestürzt ist.

Oder ein Infanteriegewehr aus dem Privatbesitz von Rudolf Gnägi, den der 1985 verstorbene Bundesrat von der Eidgenössischen Waffenfabrik in Bern geschenkt bekommen hatte.

Richtig stolz ist Robert Sonderegger auf ein Scharfschützengewehr, das offenbar einem Peter Oppliger gehörte, der im Franzosenkrieg 1798 besondere Heldentaten vollbracht hat. Auf dem Lauf steht eingraviert: «P. Oppliger von Signau Scharpf Schütz. Im Gefecht zu Laupen 1798 durch den Edlen und Tapferen anführer H. Comadant May von Brandis über 50 Kugeln durch das Rohr geschossen dem Feinde ist das Blut geflossen.»

Die eidgenössische DNA geprägt

Waffen seien ein Kulturerbe, sagt Robert Sonderegger. Auch wenn sich für ihn als Sammler nicht viel ändern würde mit dem neuen Gesetz, dürfe man jetzt vor der EU nicht einknicken. «Es geht um unsere Wurzeln», sagt er und schlägt ein vergilbtes Geschichtsbuch aus dem Jahr 1894 auf. Darin heisst es über die Eidgenossen: «Nichts war ihnen verhasster als die Einmischung Fremder in ihre inneren Angelegenheiten.»

In der Geschichte der Schweiz hätten Waffen immer eine besondere Rolle gespielt, sagt Sonderegger. Sie prägten sozusagen die eidgenössische DNA. Das möge mit ein Grund dafür sein, dass sich jetzt Widerstand rege gegen schärfere Gesetze. «Unsere Kriegsfähigkeit kam immer aus der Bevölkerung.» Während umliegende Länder stehende Heere pflegten, die viel Geld kosteten und oft aus Soldaten bestanden, die zum Dienst gezwungen wurden, musste in der Eidgenossenschaft jeder Bürger auf eigene Kosten aufrüsten. Wer heiraten wollte, brauchte ein Gewehr. Wer ein Haus kaufen wollte, ebenso. Und bei Bedarf rückten die Eidgenossen mit ihren Waffen ein.

Vor zwei Jahren hat Sonderegger das letzte Mal geschossen. Nun sei er zu alt dafür. «Auf 300 Meter sehe ich die Scheibe nicht mehr einwandfrei», sagt er, der früher bestimmt jedes zweite Wochenende an einem Schützenfest teilgenommen hat. Jetzt verbringe er halt mehr Zeit im Museumskeller. Seine Frau habe nie ein Problem gehabt mit seinem Hobby. Das sei doch besser, als ständig nur in der Beiz zu hocken, sage sie jeweils.

Sonderegger wünscht sich, dass sich irgendwann ein Museum oder ein privater Käufer bei ihm meldet. Von den drei Kindern mag keines die Sammlung weiterführen. Der Sohn wurde Informatiker. Die erste Tochter hat Bijouterieverkäuferin gelernt, die zweite Gärtnerin.

Streit ums Stgw 90

Nach den Terrorattacken in Paris 2015 mit 137 Toten hat die EU ihre Waffengesetze verschärft. Als Dublin- und Schengen-Mitglied ist die Schweiz verpflichtet, nachzuziehen.

Streitpunkt ist die strengere Regulierung halb automatischer Waffen. Dazu gehört das Sturmgewehr 90, die Schweizer Ordonnanzwaffe (Stgw 90). Künftig muss ein Käufer eines Sturmgewehrs mit einem Magazin für mehr als zehn Patronen eine Ausnahmebewilligung beantragen. Diese erhält er als Mitglied in einem Schützenverein oder wenn er regelmässig schiesst. Für Soldaten, die ihre Waffe nach Dienstende übernehmen, ändert sich nichts.

Die Revision sieht zudem vor, dass alle Waffenteile markiert werden müssen. Auch müssen Händler neu sämtliche Transaktionen innerhalb von 20 Tagen melden.

Gegen die Revision hat die Interessengemeinschaft Schiessen Schweiz mit der Waffenlobby Pro Tell und der SVP das Referendum ergriffen. Für das Gesetz sind alle anderen Parteien und Wirtschaftsverbände.

Am 19. Mai kommt die Vorlage an die Urne. Bei einem Nein wäre der Verbleib bei den Sicherheitsabkommen Schengen und Dublin ungewiss. Bern müsste mit Brüssel innerhalb von 90 Tagen eine Lösung finden. Die Chancen schätzen Experten als gering ein.

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Peter Aeschlimann, Redaktor

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