Ihr Leben ist ohnehin ein ständiger Kampf. Das Coronavirus macht den Alltag von Obdachlosen und Randständigen nun noch schwieriger. Viele Notschlafstellen, Suppenküchen und andere Hilfseinrichtungen mussten schliessen. Zwar versuchen Behörden und Hilfswerke Ersatz zu schaffen, etwa Essens-Mitnahme-Möglichkeiten oder neue Übernachtungsplätze. Orte, wo Menschen am Rand der Gesellschaft etwas Gemeinschaft finden, gibt es aber fast keine mehr.

Dabei wären sie jetzt besonders wichtig, sagt Seelsorger Andreas Käser vom Sozialwerk Pfarrer Sieber. Prix Courage Pfarrer Sieber lebte Zivilcourage Er arbeitet unter anderem im Pfuusbus in Zürich, einem Übernachtungsangebot für Obdachlose. Schlafen ist wegen Corona zurzeit nicht möglich, für Bedürftige gibt es aber eine Betreuung rund um die Uhr, Verpflegung, Beratung und Seelsorge.
 

Beobachter: Herr Käser, sind Ihre Dienste gefragter als sonst?
Andreas Käser: Ja, es gibt einen grossen Redebedarf. Das Virus und die Folgen verunsichern jeden, uns nicht-Obdachlose ja auch. Während die meisten von uns aber Partner, Familie oder zumindest Nachbarn haben um sich auszutauschen, fehlt das den Leuten auf der Strasse. Viele leben isoliert, können gar keine Kontakte pflegen, weil sie süchtig sind, weil sie psychisch krank Vorurteile Psychische Krankheiten sind keine Einbildung sind, aus verschiedenen Gründen. Jetzt fällt auch der Austausch untereinander weg, weil man sich auf der Strasse nicht mehr treffen darf und viele Einrichtungen geschlossen sind. Sich mal irgendwo hinsetzen und ein bisschen Zeit in Gesellschaft verbringen ist nicht mehr möglich.


Was bekommen sie in Ihren Gesprächen zu hören? Was beschäftigt die Leute von der Strasse momentan am stärksten?
Wie wir alle fragen sie sich, was jetzt passiert, wie es weitergeht. Ihre Perspektive ist einfach umgekehrt. Normalerweise ziehen sie sich von den Menschen auf der Strasse zurück, leben am Rand der Gesellschaft. Jetzt verkriecht sich die Gesellschaft in ihren Häusern und Wohnungen, und statt am Rand sind Obdachlose plötzlich die einzigen, die noch da sind. Nicht umsonst fallen einem viel mehr verwahrloste Menschen auf, wenn man durch die Stadt läuft. Das Leben ist weg, sie sind die Zurückgelassenen. Diese Angst vor dem totalen Verlassensein ist spürbar. Viele sind noch einsamer als sonst schon. Einsamkeit Wege aus der Isolation

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Sind Obdachlose nicht an Einsamkeit gewohnt?
Ans allein sein vielleicht, aber nicht an Einsamkeit Einsamkeit «Nur wenige sind zum Einsiedler geboren» . Das Gefühl, niemanden zu haben, der auf einen schaut, an das gewöhnt man sich nie. Das Einzelgängerdasein vieler Obdachloser ist nicht selbst gewählt Obdachlose in der Schweiz «Niemand wird freiwillig obdachlos» , auch wenn das manchmal so scheinen mag. Sie können nicht anders aufgrund all der Verletzungen, die sie erfahren haben. Verletzlich sind sie aber immer noch, sogar ganz besonders.


Zurzeit ist viel von Solidarität die Rede, von Gemeinschaft in Zeiten der Not. Sehen sie das auch im Umgang mit Randständigen?
Teils, teils. Viele Leute bieten Hilfe an, die Medien berichten über ihre Situation, es ist den Menschen nicht egal, was mit ihnen passiert. Andererseits leben wir in einer Zeit, in der alle zusammenzucken, wenn jemand nur hüstelt. Da geht man erst recht auf Distanz zu Menschen, die das Stigma von mangelnder Hygiene, Verwahrlosung und Krankheit tragen. Unsere Leute spüren: Die Menschen haben noch mehr Angst oder Widerwillen vor ihnen als sonst. Letzte Woche war ich mit Süchtigen im Tram unterwegs zur Spritzenabgabestelle. Normalerweise laufen sie herum, betteln um etwas Geld, sind auch mal laut. Jetzt nicht mehr, als ob sie niemandem zu nahe treten wollen.


Haben die Leute von der Strasse auch Angst, sie könnten sich selber anstecken?
Klar, auch wenn sie sich das nicht gerne anmerken lassen, lieber in Sarkasmus flüchten. Sie wissen aber, sie gehören zur Risikogruppe, angeschlagen wie sie sind.


Wie können sie sich schützen?
Wir sagen ihnen: wascht euch die Hände, so oft es geht, wechselt mal den Pullover, wenn möglich, haltet Abstand. Es ist schwer. Ich kenne einen Mann, der früher in öffentlichen Toiletten übernachtet hat, weil es dort warm ist. Jetzt meiden er sie, aus Angst sich anzustecken. Manche ziehen sich ganz zurück, lassen sich gar nicht mehr blicken, verkriechen sich irgendwo.

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Was können Hilfswerke für solche Menschen noch tun?
Wir haben unsere Nachtpatrouillen und unsere Gassenarbeit verstärkt, sind mehr unterwegs als sonst. Wichtig sind Zeichen: Wir haben euch nicht vergessen. Manchmal hinterlege ich ein Pack Guetsli mit einem Gruss drauf an einen Ort, von dem ich weiss, da kommt der oder die bestimmt mal vorbei. Oder wir sagen Leuten, die bei uns im Pfuusbus auftauchen: Wenn ihr den Dani sieht, fragt ihn, wie es ihm geht.


Der Pfuusbus will ein Nest sein, Nestwärme geben. Wie ist das möglich, wenn man sich nicht zu nahe kommen darf, Kontakt meiden soll?
Jetzt sind Phantasie und Ideen gefragt. Wir müssen erst lernen, neue Formen von Gemeinschaft zu finden. Ein schönes Erlebnis hatte ich in unserem Fachspital Spital Sune-Egge, einer Einrichtung für Suchtkranke Drogen legalisieren Wie schlimm sind Drogen wirklich? . Für die, die wollen, führe ich dort regelmässig eine Andacht durch. Das ist jetzt nicht mehr möglich. Die Patienten selber haben dann vorgeschlagen, als Ersatz nach dem Essen gemeinsam das Vaterunser zu beten. Da sitzen alle da, jeder an einem Einzeltisch, mit gebührendem Abstand, die einen noch am Essen, aber viele machen mit oder hören still zu. Ein berührendes Bild.
 

Fast 200 Menschen brauchen den Pfuusbus

Offizielle Zahlen zur Zahl obdachlos lebender Menschen in der Schweiz gibt es nicht. Im Pfuusbus des Sozialwerk Pfarrer Sieber in Zürich haben in diesem Winter 182 verschiedene Obdachlose geschlafen, während einer oder mehrerer Nächte. Total waren es über 3400 Übernachtungen. Im Iglu, der Notschlafstelle für obdachlose Arbeitsmigranten aus EU-Staaten zählte das Sozialwerk Pfarrer Siebet im gleichen Zeitraum knapp 1400 Übernachtungen von 239 Personen.

Zur Person

Seelsorger Andreas Käser, Sozialwerke Pfarrer Sieber

Seelsorger Andreas Käser begleitet Bewohner in verschiedenen Wohneinrichtungen des Sozialwerks Pfarrer Sieber, arbeitet im Pfuusbus und hilft notleidenden Menschen auf der Gasse.

Quelle: ZVG
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