«Okay, fürs Foto ziehe ich die Maske kurz unters Kinn. Aber dann öffnen wir erst das Fenster», sagt Sophie Pautex. Das Fenster ihres Büros liegt ebenerdig zum Parkplatz. Dort wartet der Taxifahrer. Der palliativmedizinische Dienst, der seit zwei Jahren von Frau Professor Pautex geleitet wird, liegt zwanzig Minuten ausserhalb der Stadt Genf. Im Grünen, irgendwo würde ein Bus halten.

«Ich mag diese Strecke nicht», sagt der Taxifahrer, als er die Adresse hört. Er dreht den Kopf zum Journalisten auf der Rückbank und fragt: «Fehlt Ihnen etwas?» Nein. Warum? «Die beiden letzten Gäste, die ich hierher gefahren habe, kamen nicht mehr zurück. Darf ich auf Sie warten?»

Beklemmende Leere

Genf ist im Lockdown. Geschlossen die Luxusläden und teuren Hotels. Manche für immer. Noch nie war die Stadt so leer. Bedrückend die Fahrt nach Collogne-Bellerive, zum Spital Bellerive, das ein Teil der Alten und Kranken nicht mehr lebend verlässt. 104 Betten in Einzel-, Doppel- und Viererzimmern. Manche mit Blick auf den See. Ältere Covid-Kranke werden allerdings im «Zu den drei Eichen» behandelt, dem «Trois-Chêne», Zentrum für Altersmedizin. In der ersten Covid-Welle zählte man dort 200 Erkrankte, in der zweiten 400. Sie waren im Schnitt 85 Jahre alt. Ein Viertel starb.

Woran?

«An der sehr starken Lungenentzündung. Sie bekommen nicht genügend Sauerstoff.»

Haben sie Schmerzen?

«Sie spüren die Atemnot viel weniger stark als andere Lungenpatienten. Sie riechen und sie schmecken wenig oder nichts. Es ist durchaus möglich, dass viele deshalb relativ spät ins Spital gehen, weil sie nicht merken, dass ihnen die Luft ausgeht.»

Gibt es Kranke, die eine Sterbebegleitung wünschen?

«Dafür reicht die Zeit nicht. Seit Beginn der Covid-Krise haben Sterbehelfer wie Exit meines Wissens ihre Dienste eingestellt. Der Verlauf von Covid ist extrem unberechenbar. Manchmal geht es den Kranken überraschend gut, und innert weniger Tage dramatisch schlecht. Dann kommt der Tod sehr schnell. Wir benachrichtigen die Familie, und manchmal bleibt nicht einmal genügend Zeit zur Anreise. Dann sterben die Kranken allein, ohne Angehörige, das ist traurig.»

In Genf leben viele Menschen aus mehreren Kulturen zusammen.

«Das ist für uns schon lange Alltag. Diese Vielfalt widerspiegelt sich seit langem auch in der Zusammensetzung unseres Personals.»

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Der Tod ist fremd geworden

Im letzten Jahrhundert starb der Mensch meist im Kreise seiner Angehörigen, konnte vielleicht noch letzte Dinge regeln, die Beichte ablegen und seine Seele Gott empfehlen. Am liebsten würden sieben von zehn Menschen in der Schweiz auch heute zu Hause sterben. In Wahrheit hauchen vier von fünf ihr Leben in einem Spital aus, oder im Alters- oder Pflegeheim. Da brauche es ein Umdenken. «Wir müssen diesem Wunsch nachkommen, so lange wie möglich zu Hause zu bleiben.»

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Covid sei ein Augenöffner dafür, wie fremd der Tod unserer Gesellschaft geworden sei, schrieben Sophie Pautex und vier Kollegen in der Lausanner Zeitung «Le Temps»: «Sterbende werden aus ihrem Alltag herausgerissen, und ihr Tod wird im Krankenhaus versteckt.»

Die eigene Verantwortung wahrzunehmen, ist den Angehörigen in Zeiten von Covid verwehrt, auch wenn sie diese noch hätten wahrnehmen wollen. «Die Familien waren noch mehr als sonst gezwungen, die Betreuung Sterbender an Ärztinnen und Pfleger zu delegieren und ihnen die Begleitung am Lebensende zusätzlich aufzubürden.» In den Spitälern hätten sich viele Angestellte mit Covid angesteckt, sagt Sophie Pautex. «Ich glaube, es geht ihnen allen gut. Aber alle sind erschöpft.»

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Es fehlt an Personal

Das Verhältnis Pflegende zu Betreuten betrage etwa eins zu eins. Selbstverständlich könne man in einer Turnhalle oder einem Notspital ein Bett aufstellen. Aber woher das Personal nehmen, das medizinisch geschult ist und die Beatmungsmaschinen bedienen kann? Schon jetzt sei die Personalplanung äusserst schwierig.

Demonstrationen von Covid-Skeptikern hält Pautex für «unangebracht und nervend». Da versammeln sich Leute, «während wir in den Spitälern Überstunden machen müssen.» Auch so schon sei die Arbeit hart. Immer aufpassen, dass man sich nicht ansteckt, keine gemeinsamen Essen, kein Austausch mehr unter Kollegen.

Der verordnete Stillstand des wirtschaftlichen Lebens in der Romandie habe den Anstieg der Covid-Zahlen stark bremsen können, sagt Pautex. «Das war eindrücklich.» Und, ja, sie werde sich impfen lassen. «Ich bin davon überzeugt: Das ist der beste Weg für uns medizinische Fachkräfte und für unsere Patienten.»

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Das 73. Mitglied der Covid-19-Taskforce

Mitte November wurde Sophie Pautex in die Expertenkommission Covid-19 gewählt. Als erste Palliativmedizinerin. Da zählte die Schweiz schon Tausende von Covid-Toten. Sie wurde das 73. Mitglied der Kommission alias Taskforce. Pautex durchlief in Genf die zwei Privatschulen «Brechbühl» und «Moser». Sie studierte Medizin an der Uni Genf und in Harvard und habilitierte zum Thema Schmerzeinschätzung von Menschen mit Demenz. Heute leitet sie die Abteilung für Palliativmedizin des Universitätsspitals Genf und doziert an der örtlichen Uni.

Seit neun Jahren ist sie Co-Präsidentin von Palliativ.ch, der Schweizerischen Gesellschaft für Palliative Medizin, Pflege und Begleitung. Dank eines Schreibens dieser Organisation an Gesundheitsminister Alain Berset kam Pautex schliesslich zur Taskforce. Ihr Job ist es, «die beste palliative Versorgung für Patienten mit schwerer Covid-19-Erkrankung zu gewährleisten». Ein Honorar ist für Mitglieder der Taskforce nicht vorgesehen.

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Ein Ehepaar stirbt allein

Man dürfe nicht vergessen, dass viele Junge stark von Covid betroffen seien. Manchmal auch ganze Familien, betont Pautex. «Das kannten wir bisher nicht.» Und sie erinnert sich an ein Ehepaar. Beide litten an Covid. Und beide starben. Allein.

Weiss man schon etwas über die Langzeitfolgen bei Überlebenden?

«Es gibt wenig gesicherte Daten. Manche Genesene berichten von Atemschwierigkeiten und lang anhaltender Müdigkeit. Jede Person reagiert anders auf Covid, das ist das Bemerkenswerte an dieser Krankheit.»

Wird sich künftig an der Architektur der Spitäler etwas ändern? Also überschaubare Einheiten statt Riesengebäude?

«Diese Frage habe ich mir bisher nicht gestellt. In Genf sind die Spitäler eher dezentral und kleiner. Ich weiss es nicht», sagt Pautex.

Sie zieht die Maske hoch und schliesst das Fenster. Der Fotograf packt die Kameras ein. Wir verabschieden uns herzlich, aber ohne Handschlag.

«Schön, dass Sie wiederkommen», sagt der Taxifahrer und öffnet die Wagentür. Anderthalb Stunden lang hat er auf dem Parkplatz vor dem Spital gewartet. «Sie haben die vielen wartenden Taxis vor dem Bahnhof ja selber gesehen», sagt er.

Wer waren die zwei Gäste, die er ins Bellerive brachte und die er nie mehr wiedersah? Er atmet tief ein. «Zwei Arbeitskollegen. Krebs.»

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