Politikerinnen wollen Antworten zu Terre-des-Hommes-Praktiken
Von Terre des Hommes in der Schweiz vermittelte Adoptivkinder mussten medizinische Experimente über sich ergehen lassen. Jetzt wollen Politikerinnen wissen, wer dafür verantwortlich war.

Veröffentlicht am 24. Juni 2026 - 17:38 Uhr

Terre des Hommes brachte Kinder aus Indien oder Korea in die Schweiz – wie hier im Bild 1973 bei ihrer Ankunft in Genf.
Es sind fragwürdige Praktiken, die der Beobachter Anfang April publik machte: Adoptivkinder aus Indien, Korea und anderen Ländern mussten in den 1960er- und 1970er-Jahren in mindestens zehn Schweizer Spitälern für medizinische Tests herhalten. Dazu wurden sie nach ihrer Einreise systematisch unter Quarantäne gestellt. Der Beobachter konnte mit einer Vielzahl von Dokumenten diese Fälle belegen.
In den gleichen Jahren brachte das Hilfswerk Terre des Hommes Lausanne zudem eine grosse Anzahl herzkranker Kinder und Jugendliche aus Krisengebieten wie Marokko und Algerien hierher. Am Unispital Genf wurden sie anschliessend am offenen Herzen operiert, damals ein hochexperimenteller Eingriff: Mehrere Ärzte – darunter der Herzchirurg und Professor Charles Hahn – sassen selbst im Vorstand des Hilfswerks. Bei den Operationen kam es immer wieder zu Todesfällen, zeitweise misslang fast jede zweite Operation, wie aus Dokumenten hervorgeht, die der Beobachter im Staatsarchiv Lausanne gefunden hat.

Edmond Kaiser gründete das Hilfswerk Terre des Hommes. Er verstarb im Jahr 2000.
Politikerinnen stellen Fragen
Jetzt greift die Politik diese Praktiken des Hilfswerks auf. SP-Nationalrätin Barbara Gysi fordert vom Bundesrat, dass der Missbrauch von Adoptivkindern zu Forschungszwecken aufgearbeitet wird. In einer Interpellation schreibt Gysi, der Missbrauch von Kindern für medizinische und pharmakologische Versuche ergänze «die unrühmliche Geschichte» der Auslandsadoptionen in der Schweiz um ein «weiteres schockierendes Kapitel».
Vom Bundesrat will sie nun wissen, wie er die Aufsicht und Kontrolle der involvierten Kantone zu dieser Zeit beurteilt. Der Hintergrund: Die Quarantäne, unter die Terre des Hommes systematisch alle Adoptivkinder stellte, war nicht von einem Kanton angeordnet worden, wie es gesetzlich vorgesehen war, sondern vom Hilfswerk selbst.
«Quarantänen waren rechtswidrig»
Für Nationalrätin Gysi ist klar: «Die Quarantänen waren folglich rechtswidrig.» Ins Spital gebracht wurden die Kinder gleich nach der Landung auf dem Flughafen in Genf – ob gesund oder krank. Hier wurden sie etwa geröntgt und mussten verschiedene Untersuchungen durchlaufen. Den Kindern wurden aber auch Blut und Körpersekrete entnommen, die anschliessend für pharmakologische Tests verwendet wurden.
Die Nationalrätin fordert vom Bundesrat, dass Betroffene bei der Einsicht in ihre Patientenakten unterstützt werden. Dazu will sie wissen, ob der Bundesrat Möglichkeiten zur «Anerkennung und Wiedergutmachung» der Betroffenen sehe.
Politische Vorstösse in der Waadt und in Genf
Ähnliche Fragen wurden inzwischen auch in den Kantonsparlamenten Waadt und Genf eingereicht. Die Waadtländer Grossrätin Oriane Sarrasin und der Genfer Parlamentarier Matthieu Jotterand (beide SP) wollen ebenfalls Antworten auf offene Fragen. Etwa ob der Staatsrat von den Quarantänen der Adoptivkinder und den experimentellen Operationen an Kindern aus Krisengebieten wusste. Beide fordern auch Unterstützung bei der Akteneinsicht der Betroffenen und thematisieren eine Wiedergutmachung – symbolisch und finanziell.
- Bundesversammlung: Interpellation 26.3593 (Barbara Gysi, SP)
- Kanton Waadt: Interpellation (Oriane Sarrasin, SP)
- Kanton Genf: Interpellation (Matthieu Jotterand, SP)


