Brigitt Gebs, 53, ist mit dem reformierten Pfarrer Simon Gebs verheiratet. Die beiden haben drei erwachsene Kinder; zudem haben sie zwei Dutzend Pflegekinder betreut. Gebs ist Primarlehrerin, studierte später Theologie und Psychologie. Sie unterrichtet seit 30 Jahren. Heute ist sie Fachlehrerin für Religion, Kultur und Ethik in der Zürcher Goldküstengemeinde Zollikon. Gebs ist Mitautorin des Lehrmittels «Blickpunkt Religion und Kultur», das seit 2012 im Kanton Zürich für die Unter- und Mittelstufe und neu auch für die Sekundarstufe verwendet wird.

Beobachter: Beten Sie?
Brigitt Gebs: Ganz wenig. Ich setze mich morgens und mittags aufs Fensterbrett und sinniere ein paar Minuten – eine Art Meditation, bevor die Arbeit beginnt. Und in den Bergen, in der Natur verhandle ich mit einem Du, das ich Gott nenne.

Beobachter: Gibt es religiöse Rituale in Ihrer Familie?
Gebs: Den Sonntagsbraten am Familientisch vor dem «Tatort». (Lacht) An Karfreitag essen wir kein Fleisch, sondern Fisch, da haben die Kinder früher schon Wochen im Voraus drüber gemeckert. An Weihnachten gehen wir zum Gottesdienst. Die Taufen, die Konfirmationen, alles sehr konventionell.

Beobachter: Sie unterrichten wöchentlich über 400 Kinder. Ist bei denen zu Hause Religion ein Thema?
Gebs: Da gibt es alles, die ganze Streuung von 0 bis 10. Viele sind nicht festgelegt auf eine Glaubensrichtung. Die Kinder kommen und nehmen sich, was sie brauchen. Sie sind sehr interessiert am Thema. «Religion und Kultur» ist ein Wissensfach. Es geht ums Verstehen, wie wenn man im Unterricht die Themen Kläranlage, Sonnen­blume oder Hamster behandelt.

Beobachter: Religion ist aber weniger konkret als die ­Funktionsweise einer Kläranlage.
Gebs: Schon, aber auch Religion ist greifbar. Viele Kinder schnappen etwa auf Reisen Sachen auf und bringen die dann in den Unterricht. Zum Beispiel waren schon einige im Wallfahrtsort Lourdes und haben mir von dort Marienbildchen gebracht. Ich ver­wende das dann und rede über Pilgerorte, heilige Stätten und so weiter. Ich trage allen Religionen Rechnung. Unsere tamilische Reinigungsfrau im Schulhaus wird dort zum Beispiel demnächst über ihren Glauben sprechen, den Hinduismus.

Beobachter: Das Interesse der Kinder ist also gross?
Gebs: Sehr gross. Heute reisen ja alle viel. Zum Beispiel nach Dubai: Morgens vor fünf Uhr fangen dort die Gebete an, auch im Hotel. «Allahu akbar, Allahu akbar», «Gott ist grös­ser», ertönt es dann. Das nehmen die Kinder mit ihren Smartphones auf und spielen es im Unterricht vor. Sie wollen wissen, was das bedeutet, was die da sagen und warum. Ich habe eine riesige Vitrine voller religiöser Souvenirs der Kinder im Schulzimmer. Oder ich erzähle vom Turmbau zu Babel, und dann sagt ein Schüler, das Bild vom Turmbau von Pieter Breughel hänge bei ihm daheim im WC. Die Kunst hat schon immer sehr auf religiöse Inhalte reagiert. Es ist alles vernetzt, das macht es so spannend. Es braucht ein Grundwissen über die Religionen, um unsere heutige multikulturelle Gesellschaft zu verstehen.

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Beobachter: Die Kinder bringen also Alltagserfahrungen mit. Was interessiert sie am meisten im Unterricht?
Gebs: Geschichten, nach wie vor. Ich habe wie eine Löwin dafür gekämpft, dass bewährtes Erzählgut aus der Bibel im neuen Zürcher Lehrmittel drinblieb. Ich selber erzähle halt auch sehr gern. Adam und Eva, die Schöpfung, Abraham – das sind wirklich grundarchaische Geschichten, auch aus psychologischer Sicht. Und jetzt kommen ja bald wieder Filme über biblische Gestalten ins Kino, da ist das Interesse erst recht gross. Noah, Moses, Jesus – hochaktuell.

Beobachter: Sind die offiziellen Feiertage auch ein Thema?
Gebs: Das sind die obligaten Fragen, aktuell wieder zu Ostern. In der ersten Klasse erzähle ich eine Hasengeschichte, in der zweiten gehe ich einen Schritt weiter und erzähle von der keltischen Fruchtbarkeitsgöttin sowie Brauchtum. Und in der dritten kommt dann eine erste Tranche Jesus am Kreuz. Aber ich kann ihn ja nicht allzu blutig darstellen, sonst essen die Kinder keine Ostereier mehr. Alles schon passiert.

Beobachter: Ab wann wird es denn «richtig» religiös?
Gebs: In der vierten Klasse erkläre ich die Pas­sionsgeschichte anhand einer Parkscheibe: «Gründonnerstag» kommt von «grunen», «grännen», weinen. Die Trauer über Jesu letztes Mahl mit seinen Jüngern. Dann Karfreitag, das Leiden. Sonntag dann die Auferstehung. Jeder Tag hat seine Bedeutung. In der fünften Klasse müssen sie wissen: Ostern ist ein «Hamburger»-Fest, hat drei Etagen – zuunterst die Kelten, Fruchtbarkeit. In der Mitte Pessach, der Auszug aus Ägypten, ein jüdisches Fest, deshalb kam Jesus ja nach Jerusalem. Und zuoberst dann das Christentum. Zumindest diese Dreiteilung müssen die Schüler dann kennen. Wie gesagt: Es geht um Wissen.

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Beobachter: Sie unterrichten als unabhängige staatliche Lehrperson, nicht als Theologin. Gibt es ­religiöse Dinge, die im Klassenzimmer nicht ­gemacht werden dürfen?
Gebs: Wir dürfen im Schulzimmer nicht beten, und wir dürfen nicht von «Christus» reden. Er heisst «Jesus von Nazareth» – «Christus» ist schon eine Glaubensaussage. Bei den Jahreszahlen sagen wir nicht mehr «500 vor Christus», sondern «500 vor unserer Zeit». Islam, Buddhismus, Hinduismus und das Judentum haben schliesslich eine andere Zeitrechnung als wir.

Beobachter: Was ist der Unterschied zwischen Glauben und Religion?
Gebs: Glauben ist eine subjektive Sache; bei Kindern liegt die Zuständigkeit in der Hand der Eltern. Religion ist objektiv, da kann man einen Gegenstand, ein Fest, eine ­Gottesgestalt kennenlernen. Und genau das machen wir im Unterricht.

Beobachter: Laut einer Nationalfonds-Studie glauben 20 Prozent der Kinder an Gott, 15 Prozent gar nicht. Die restlichen 65 Prozent glauben, wenn auch schwach, an «etwas Göttliches» – an irgendwas. Tragen Sie dem Rechnung?
Gebs: Ja. Wir veranstalten oft eine philosophische Suche nach eigenen Antworten. Wenn ich nicht an Gott glaube, woran dann? Dann kommen Antworten wie «an die Natur», «an die Wissenschaft». Das ist hochspannend. Kürzlich hat uns ein Fünftklässler den Urknall erklärt: Das hat eine angeregte Klassendiskussion über Schöpfung versus Wissenschaft ausgelöst – wunderbar!

Beobachter: Wir haben eine Multioptionsgesellschaft auch im religiösen Bereich. Macht das Ihren ­Unterricht einfacher oder schwieriger?
Gebs: Gewisse Werte wiederholen sich: Recht und Unrecht, Nächstenliebe, Verantwortlichkeit. Werte, die soziales Handeln begründen. Dass solche Inhalte in einer Gesellschaft ein Schulfach sind, das finde ich einen Schatz, das bedeutet etwas. Die Vielfalt ist bereichernd. Ich bevorzuge Geschichten in heiligen Schriften, die genau das belegen, die das Zusammenleben erleichtern. Geschichten, in denen es um Nächstenliebe geht, um gute Hierarchien, um die Vorstellung, dass es noch etwas Höheres gibt.

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Beobachter: Man sagt oft, die Schule nehme den Eltern die Erziehung ab. Auch die religiöse Erziehung?
Gebs: Viele Eltern sind froh, dass ich vieles übernehme. Oder sie senden via Kinder Fragen wie: «Warum gibt es den Osterhasen?» Die Entfremdung von der eigenen Religion ­wegen fehlenden Wissens ist gross.

Beobachter: Nimmt das Interesse der Kinder an Religion mit zunehmendem Alter ab?
Gebs: Ja, als Jugendliche werden die Schüler pragmatischer. Sie interessieren sich für Greenpeace oder Pelztragen. Ethische ­Themen. Deshalb nehmen wir etwa die «goldene Regel» durch, damit meine ich diejenigen Werte, die in allen grossen Religionen gleich sind und eine gemeinsame Basis bilden. Mit solchen Dingen kann man sie abholen.

Beobachter: Ist die Zugehörigkeit zu einer bestimmten ­Religion für die Jugendlichen heute ein ­Identifikationsmerkmal?
Gebs: Nein, davon merke ich nichts, zumindest hier in Zollikon nicht. Wir haben ein paar Kopftuchträgerinnen, ein paar Evangeli­kale, aber ich weiss von keinen Diskussionen unter den Jugendlichen darüber. Die meisten sind sehr liberal, und sie sind nicht praktizierende «Gläu­bi­ge». Das Institutionelle der Religionen hat keine grosse Bedeutung für sie.

Beobachter: Was ist das Hauptziel des Fachs «Religion und Kultur»?
Gebs:
Respekt. Was muss ich wissen, damit ich die Multikultigesellschaft verstehe? Und: Wo gehöre ich hin? Was sind meine Leit­linien? Es geht auch um Individualität, sich selber verorten zu können. Letztlich: um Selbstsicherheit.

Religionsunterricht in der Schweiz

In den Kantonen Aargau, Freiburg, Neuenburg, Tessin, Waadt und Zürich hat der Staat die ­Verantwortung für den Religionsunter­richt übernommen. Bis vor wenigen Jahren war dies ­alleinige Sache der Landeskirchen, die dafür üblicherweise Räumlich­keiten der Schulen nutzen und auch Unterrichtszeit erhalten. Beim staat­lichen Angebot ist der ­Besuch des entsprechenden Fachs ­obligatorisch; der konfessionell aus­gerichtete Religionsunterricht dagegen ist in der ganzen Schweiz freiwillig.

In Zürich etwa ist der Religionsunterricht eingebettet ins obligatorische Schulfach «Mensch und Umwelt». Der Unterricht ist konfessionsneutral. Er vermittelt in erster Linie kulturkundliches Grundwissen über die ­verschiedenen Weltreligionen und ­behandelt ethische Fragen.