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Samenspende«Wenn ein Kind nachfragt: Ehrlich antworten»

Die Psychologin Heidi Simoni will Reproduktionsmediziner in die Pflicht nehmen. Sie sollen Eltern dazu ermahnen, das Kind über seine Herkunft aufzuklären.

«Eltern können ihre Lebenslügen heute kaum mehr durchsetzen», sagt Psychologin Heidi Simoni. (Symbolbild)
von aktualisiert am 04. Januar 2018

Beobachter: In der Schweiz haben Kinder heute ein Recht, ihre Herkunft zu kennen. Anonyme Samenspenden sind seit 2001 verboten, zum Schutz der Kinder. Warum ist das wichtig?
Heidi Simoni: Den Kindern hilft die Kenntnis der Abstammung, eine tragfähige Identität herauszubilden. Mädchen und Knaben wollen schon im Vorschulalter wissen, in welchem Bauch sie einst waren und wer vor ihnen da war.

Beobachter: Was geschieht, wenn man das Kind nicht über seine biologischen Wurzeln aufklärt?
Simoni: Wenn Kinder ihre Wurzeln erst als Erwachsene entdecken, kann das zu einem Bruch in der Biografie führen. Und dieser muss verarbeitet werden. Aus der Adoptionsforschung wissen wir, dass das eine jahrelange, manchmal verzweifelte Elternsuche auslösen kann.

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Beobachter: Es gibt Hunderte Spenderkinder, Adoptivkinder und Kuckuckskinder, die nichts von ihrer Herkunft ahnen. Vielleicht erfahren sie auch nie davon. Wieso ist das ein Problem?
Simoni: Das Risiko ist sehr gross, dass das Kind auch gegen den Willen der Eltern von seiner Abstammung erfährt. Geheimnisse bergen immer die Gefahr, gelüftet zu werden. Heute kann zusätzlich auch ein DNA-Test Gewissheit schaffen. Wenn das Kind per Zufall oder durch gezieltes Nachforschen von seiner Herkunft erfährt, kann es sich von den Eltern hintergangen fühlen. Das ist verheerend. Zudem kann eine lebenslange Tabuisierung auch für die Eltern sehr belastend sein.

Beobachter: Und trotzdem klammern sich viele Eltern von Spenderkindern an eine Lebenslüge. Warum?
Simoni: Weil sie normal sein wollen. Für viele Ehemänner ist zudem ihre Unfruchtbarkeit ein Makel. Ein ungezwungener Umgang damit ist oft schwierig.

«Ich wünsche niemandem, per DNA-Test über seine Herkunft aufgeklärt zu werden.»


Heidi Simoni, Psychologin

Beobachter: Spenderkinder ab Jahrgang 2001 können amtlich verlangen, dass sie die Identität ihres biologischen Vaters erfahren, sobald sie 18 sind. Eine gute Lösung?
Simoni: Das an sich fortschrittliche Schweizer Gesetz hat zwei Haken. Erstens müssen die Eltern ihrem Kind zumindest sagen, dass der leibliche Vater ein anderer ist. Wenn das Kind das aber nicht weiss, hat es auch keinen Anlass, eine Auskunft einzuholen. Zweitens kommt die Information mit 18 Jahren zu spät.

Beobachter: In welchem Alter sollte man ein Kind über seine Herkunft aufklären?
Simoni: Passend zu den kindlichen Fragen, ab Geburt. Zwischen drei und fünf Jahren interessieren sich Kinder stark für ihre Herkunft. Wenn ein Dreijähriger fragt, wie er auf die Welt gekommen ist, braucht es eine ehrliche Antwort. Wer auf Kinderfragen offen antwortet und mit dem Kind ins Gespräch kommt, kann gar nichts falsch machen. Die Kinder fragen weiter, wenn ihnen die Antwort nicht genügt – oder sie überhören, was ihnen noch nicht wichtig ist. Je selbstverständlicher es für die Eltern ist, dass es verschiedene Papis gibt, desto einfacher ist es für das Kind.

Beobachter: Schweizer Paare pilgern wegen des Gesetzes von 2001 vermehrt in ausländische Kliniken. So gibt es erneut Kinder, die ihre leiblichen Eltern nie kennenlernen werden. Ist das ein Rückschritt?
Simoni: Es ist eine Gratwanderung. Je strengere Regeln die Schweiz im Interesse der ungeborenen Kinder vorgibt, desto mehr Paare lassen sich im Ausland behandeln. Auch ausländische Kliniken müssten den Eltern klarmachen, warum Transparenz wichtig ist. Man muss Kinderwunschkliniken bei uns und anderswo stärker in die Pflicht nehmen. Sie könnten zum Beispiel den Eltern drei Jahre nach der Geburt eine «Transparenzermahnung» mit Aufklärungstipps senden – oder ein Gespräch dazu vermitteln.

Beobachter: Heute können Kinder per DNA-Test einfach überprüfen, ob die Eltern ihnen etwas verheimlichen. Halten Sie das für eine gute Entwicklung?
Simoni: Ja und nein. Gut ist, dass so Transparenz selbstverständlicher wird. Eltern können ihre Lebenslügen heute kaum mehr durchsetzen. Ich finde es aber höchst unethisch, Kinder auf Vatersuche im Internet zu schicken. Ich wünsche niemandem, per DNA-Test über seine Herkunft aufgeklärt zu werden.

Zur Person

Die Psychologin Heidi Simoni leitet das Marie-Meierhofer-Institut für das Kind in Zürich. Sie lehrt und forscht unter anderem über die frühe Entwicklung von Kindern und ist Mitglied der Kindesschutzkommission des Kantons Zürich.