Irgendetwas hat gefehlt. Un­vermittelt stehen Jugendliche auf dem Pausenplatz, schwatzen und albern herum. Nach 20 Minuten sind sie ebenso plötzlich wieder weg. «Einen Gong gibt es hier nicht», erklärt Schulleiter ­Gregory Turkawka. Ein Detail, scheinbar belanglos – und doch richtungs­weisend. Im Sekundarschulhaus Seehalde im zürcherischen Niederhasli regeln die Schülerinnen und Schüler vieles in eigener Verantwortung.

Sogar das Heiligtum der Schulen, das Mass aller Dinge, arrangieren hier die Lernenden teils in Eigen­regie: die Noten.

Nach den Ferien, zu ­Semesterbeginn, legen die Schülerinnen und Schüler in den Kernfächern Mathematik, Deutsch, Englisch und Französisch ihre persönlichen Notenziele fest. Dann versuchen sie diese in ihrem eigenen Tempo zu ­erreichen, mit so viel Unterstützung durch die Lehrpersonen, wie sie dafür benötigen. Auf «Kann-Listen» haken sie den Stoff ab, den sie beherrschen. Das sorgfältige Führen dieser Listen bringt Punkte. Weitere Punk­te können sich die Lernenden durch Re­fle­xion, Planung und Fachberatung erarbeiten. Die Punkte machen zusammen bis zu 30 Prozent der Zeugnisnote aus. Die restlichen 70 Prozent bilden Leistungsnachweise durch Fachtests oder mündliche Prüfungen.

Eine Frage der Transparenz

Das Prinzip, die Schülerinnen und Schüler zu Managern ihrer eigenen Zensuren zu machen, findet bei immer mehr Fachleuten Zustimmung. «Die abstrakte Ziffer bekommt Inhalt, wenn die Schüler miterleben, wie es dazu gekommen ist», sagt ­Martin Schäfer, Rektor der Pädago­gischen Hochschule Bern. «So ist es die Note des Jugendlichen und nicht die des Lehrers.»

Diese transparente Art der Notengebung ist nur ein Aspekt einer Organisationsform, die die Sekundarschule Niederhasli für ihre 240 Lernenden im Schuljahr 2013/14 eingeführt hat. Das Modell stellt das selbstorganisierte Lernen – Fachkürzel: SOL – ins Zen­trum. Dafür wurden die alten Klassenstrukturen aufgelöst und altersdurchmischte Stammgruppen der Niveaus A oder B geschaffen. Zugleich hat man die Lerninhalte digital aufbereitet, ­alle Schüler arbeiten mit Tablets.

«Das ist kein Experiment! Wir bilden exakt den Lehrplan ab.»

Gregory Turkawa, Schulleiter

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Schulleiter Turkawka, ein 45-jähriger Quereinsteiger, früher im Medienbereich tätig und Mitgründer des ­Kurierdienstes Veloblitz, kennt die ­Reflexe, die Formeln wie «Selbstorganisation» und «Altersdurchmischung» auslösen. Deshalb stellt er klar, noch ehe er gefragt wird: «Das ist kein Experiment! Wir bilden exakt das ab, was bezüglich Lehrplan und Beurteilung im Gesetz steht.»

Bezüglich des bisherigen Lehrplans, wohlgemerkt. Denn das neue Regelwerk, der umstrittene Lehrplan 21, soll in den meisten Kantonen erst noch eingeführt werden (siehe Grafik). Für kontroverse Debatten sorgt er wegen seiner Grundausrichtung auf Kompetenzen. Es ist nicht mehr in erster Linie massgeblich, was die Kinder wissen, sondern was sie können sollen. Und weil solche übergreifenden Fähigkeiten nicht ausschliesslich wie Wissen abgefragt und be­urteilt werden können, entfacht der Lehrplan 21 die ­alte Diskussion um die ­Rolle von ­Noten neu.

 

Ein Schulprojekt nach dem Konzept des selbstorganisierten Lernens (SOL): Ein schwächerer Schüler holt sich Hilfe bei einer stärkeren Kollegin:

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Ziffern, Sätze oder was?

Soll man schulische Leistung künftig anders messen als mit den – nur vermeintlich – präzisen Ziffern 1 bis 6? Etwa mit ausformulierten Bewertungen? Einem sauberen Schnitt zwischen «bestanden» und «nicht ­bestanden»? Oder stellt sich gar die Schwarz-Weiss-­Frage: Gibt es eine Schule ganz ohne Noten?

«Eine Beurteilung mit Noten ist auch mit dem Lehrplan 21 möglich», steht dazu vorsichtig in den ­Informationen zum neuen ­Regelwerk. Bloss noch als Option? Christoph Mylaeus, Geschäftsleiter der federführenden Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz, präzisiert: Der neue Lehrplan definiere die Form der Leistungsbeurteilung nicht. Daher: «Die Lehr­personen werden weiterhin die Lernziele setzen und deren Erreichen überprüfen. Die Kantone planen nicht, die Notenzeugnisse abzuschaffen.»

Das sei zurzeit auch unrealistisch, sagt Tina Hascher vom Institut für ­Erziehungswissenschaft der Univer­sität Bern. «Eigentlich müsste man gemäss Lehrplan 21 keine Noten geben, aber so weit sind wir noch nicht» ­(siehe Interview).

Die Prognose: Die Zensuren bleiben der Volksschule einstweilen er­halten – aber die Art, wie sie entstehen, wird sich verändern.

Wo steht der Lehrplan 21?

Die Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz (D-EDK) hat den Lehrplan 21 in den Jahren 2010 bis 2014 erarbeitet. Mit diesem ersten gemeinsamen Lehrplan für die Volksschule haben die 21 deutsch- und mehrsprachigen Kantone den Artikel 62 der Bundesverfassung umgesetzt, mit der Absicht, die Schulziele zu harmonisieren. Über die Einführung des Lehrplans 21 entscheidet jeder Kanton gemäss den eigenen Rechtsgrundlagen. Während die Regierungen hinter dem Projekt stehen, gibt es an der Basis Widerstand. In zwölf Kantonen wird der neue Lehrplan mit Volksinitiativen bekämpft.
 

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Fahrplan der Einführung

Zeitpunkt (Beginn des Schuljahrs) der geplanten Inkraftsetzung des Lehrplans 21 in den einzelnen Kantonen. In den beiden Basel gilt das neue Regelwerk bereits.
 

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Was braucht es für schulischen Erfolg?

Das führt zurück nach Niederhasli, in Gregory Turkawkas Büro, wo man sich in einem ­behaglichen Studio wähnt: orangefarbenes Sofa, niedriger Couchtisch. Aus der Anlage ­plätschert Popmusik, aber Turkawka übertönt sie locker, als er mit Ver­ve von den Ursprüngen des Modells in der ­«See­halde» erzählt. «Unsere Leitfrage war: Was brauchen die Schüler, um erfolgreich zu sein im Leben?» Nur für den jeweils erforderlichen Notenschnitt zu büffeln, um sich von Stufe zu Stufe weiterzuhangeln, schien da­für nicht ausreichend.

Damals, 2011, war die Kompetenzorientierung des Lehrplans 21 bereits absehbar. Ebenso die in staksigem Amtsdeutsch formulierte Absicht, «das Lernen verstärkt als selbstgesteuerten Prozess zu verstehen». Ausgerichtet auf diese Punkte, entstand eine Struktur, die die Schüler in ihrem dreijährigen Zyklus an der Oberstufe «zu ­Ex­perten ihres Lernens» ­machen soll, so der Schulleiter. Ein Element ist die hohe Gewichtung der über­fach­lichen Kompetenzen wie Teamfähigkeit oder Termin­treue – die Soft Skills auf der zweiten, unbenoteten Seite des Zeugnisses, die gerade künftige Lehr­meister stark beachten.

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«Hier kann niemand schlüüfe»

Die Selbstorganisation ist im Schulhaus Seehalde sichtbar. Anderswo ist es zu Unterrichtszeiten in den Gängen totenstill, doch hier sind die Lernenden unterwegs – um sich Wissen für die angestrebte Zeugnisnote zu beschaffen. Ziel sind vor allem die Lern­ateliers «Magrathea», «Flow» und ­«Viva», eine Art Grossraumbüros für die individuelle Ver­tiefung der Lerninhalte. Für die Fachberatung stehen neben den Lehrpersonen auch be­gabte Kollegen zur Verfügung: Schüler können andere Schüler, die im Stoff schon weiter sind und sich im Lernstadium «Fortgeschritten» oder «Experte» befinden, gezielt um Rat fragen.

Von aussen betrachtet, läuft das scheinbar zufällig ab. Das Gegen­mittel ist eine ganze Palette von Orientierungs- und Übungsinstrumenten. Sie stellen für jedes Semester sicher, dass in allen Fächern die erforder­lichen Stoffgebiete gemäss Lehrplan behandelt werden. Die Schüler müssen die entsprechenden Dokumente ­minutiös führen: «Niemand kann schlüüfe», sagt Gregory Turkawka. Das System sei anspruchsvoll, findet der reformfreudige Schulleiter.

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In der Schullandschaft stösst das Modell aus dem Zürcher Unterland auf reges Interesse. Soeben hat es den ­Lissa-Preis 2016 erhalten, den die Stiftung für hochbegabte Kinder verleiht. Gelobt wurde das Projekt für sein «an den individuellen Begabungspoten­zialen aller Lernenden orientiertes Lernkonzept». Auch in anderen Schulen – Wädenswil, Basel, Neftenbach – setzt man auf selbstorganisiertes ­Lernen, im luzernischen Entlebuch sogar auf der Primarstufe.

In Niederhasli bricht man aber wohl am radikalsten mit der Tradition. Und doch: Selbst hier verbringen die Schüler nur acht bis zehn Stunden pro Woche in ­freien Lernphasen. Der Rest der 32 bis 36 Lektionen ist gewöhn­licher Fachunterricht – auch in der klassischsten aller Formen: die Lehrperson frontal vor der Klasse. Die «Revolution von Niederhasli», wie es in Medienberichten schon hiess, ist womöglich nur ein Revolutiönli.

Der Lehrer machts aus

Das hilft vielleicht, die ­Methodendiskussion etwas gelassener zu führen. Dafür sprechen etwa die Erkenntnisse des Bildungsforschers John Hattie. Nach Auswertung von über 50000 Einzelstudien kommt der Neuseeländer zum Schluss: Das weitaus Wichtigste für den Lernerfolg der Schüler sind die Fähigkeiten der Lehrer. Das mag banal klingen, birgt aber bildungspolitisch Sprengkraft. Vor allem wenn man auf die Faktoren mit vergleichsweise wenig ­Effekt schaut. Die Unterschiede zwischen traditionellem ­Frontalunterricht und offenen Formen sind gemäss Hattie minim. Der Schlüssel ist nicht die Form, sondern die Qualität des Unterrichts.

In seiner Untersuchung «Visible Learning» listet Hattie 138 Wirksamkeitsfaktoren für eine gute Lern­entwicklung auf. Weit oben auf der ­Skala steht das Feedback durch die Lehrperson, Noten hingegen spielen keine Rolle. «Leider verwechseln viele Lehrer Feedback mit Noten», so der Bildungsforscher in einem Interview. «Gutes Feedback meldet dem Schüler hingegen zurück, wo er bei einer Aufgabe richtige, wo falsche Wege gegangen ist und wie er noch anspruchs­vollere Ziele erreichen kann.»

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Kinder vergleichen ihre Zensuren sofort untereinander, sagt die Pädagogin Tina Hascher. Sie plädiert deshalb für einen gelasseneren Umgang mit Noten.

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Quelle: Janosch Abel

Auch bei Noten: Der Weg ist das Ziel

Solche sachlichen Beurteilungen von Schulleistungen können reine Ziffernnoten nicht erbringen. Das ist unter Experten unbestritten. Dafür sind sie zu undifferenziert, von zu vielen Störfaktoren beeinflusst. «Objektive Noten gibt es nicht», fasst ein Zürcher Mittelstufenlehrer nach langjähriger Praxis im Klassenzimmer seine Probleme mit Schulnoten zusammen (siehe «Die ­Nöte mit dem Notengeben»).

Die Aussagekraft einer nackten 4,5 ist gering. Das zeigt sich etwa daran, dass derselbe durchschnittlich begabte Schüler in einem schwächeren Umfeld bessere Zensuren bekommt als in ­einem stärkeren. Weil eben nicht die Fortschritte des einzelnen Kindes bewertet werden, sondern stets der Vergleich mit den anderen aus der Klasse gezogen wird. Man misst Felix an ­Emma und Emma an Julian, statt zu schauen: Was kann Felix im Sommer 2016, was er im Herbst davor noch nicht konnte?

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Angesichts solcher Schwächen ­erstaunt es Martin Schäfer von der ­Pädagogischen Hochschule Bern, wie unantastbar die Noten im Schweizer Schulsystem sind. «Dabei sind sie ­eigentlich nur noch ein Kommunika­tionsmittel», sagt er. «Für die Selektion haben sie ihren Wert, fürs Lernen nicht.» Schäfer, als Rektor für die ­Ausbildung der Berner Lehrpersonen verantwortlich, erhofft sich durch die Philosophie des Lehrplans 21 eine ­Gewichtsverlagerung. Die Begleitung des Lernprozesses werde an Be­deutung gewinnen, vermutet er – der Weg zur Note wird wichtiger werden als die Note selber.

Schäfer hat das früher als Lehrer an einer öffentlichen Schule in Köniz BE selbst erlebt. Dort verzichtete man zehn Jahre lang gänzlich auf Zensuren – das gibt es heute nur noch in pri­vaten Instituten wie den Steiner-­Schulen. Als Kriterium genügte die Unterscheidung «erfüllt» und «nicht erfüllt». Eine gute Erfahrung: «So sind wir weggekommen von der Fixierung auf die Noten und haben stattdessen mehr über die Kinder geredet: Was können sie, was nicht?»

Schweden benotet besonders spät

Am ehesten dürfte sich die Notengläubigkeit in den unteren Primarklassen aufweichen. In gutföderalistischer Manier unterscheiden sich die Be­urteilungssysteme in der Schweiz von Kanton zu Kanton. Basel-Stadt geht heute am weitesten: Noten gibt es dort erst ab der fünften Primar-klasse. «­Genügt vollkommen», findet Dieter Baur, ­Leiter Volksschulen des Kantons. Das sei kein Plädoyer ­gegen Zeugnisse und den Leistungsgedanken an der Schule, doch die ­Kinder sollten sich zuerst «im geschützten Rahmen» daran gewöhnen können. Andernorts ist der Trend zu späten Zensuren noch ausgeprägter. In Schweden etwa wird erst ab der achten Klasse benotet.

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Wie weit sich die Schweiz in diese Richtung bewegt, muss sich erst weisen. So oder so wird man das Richtig oder Falsch jeglicher Massnahmen kontrovers debattieren – die Schule ist ein Zankapfel erster Güte. Das erlebt auch Gregory Turkawka. Das Konzept des selbstorganisierten Lernens, das sein Team an der Sek Niederhasli ­eta­bliert hat, hat bis heute Gegner. Die Kinder seien mit dem Schulstoff im Rückstand, die Arbeitsunterlagen ungenügend, die Begleitung durch die Lehrpersonen sei mangelhaft, so die häufigsten Vorwürfe.

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«Seehalde» hat den Test bestanden

Das pionierhafte Modell ist sein ­«Baby», das wird klar, wenn man ­Turkawka auf die Kritik anspricht. Er ­kontert Punkt für Punkt dezidiert, hat auch schon eine Richtigstellung im ­Internet publiziert. Und lässt nicht ­unerwähnt, dass von den 53 Personen, die Ende 2015 – erfolglos – eine Aufsichtsbeschwerde beim Volksschulamt eingereicht haben, gerade mal neun eigene Kinder im Schulhaus hatten und das Konzept somit aus eigener Anschauung kannten.

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Turkawkas stärkstes Argument ist statistisch erfasst: die Resultate der Stell­werktests. Damit wird für die ­Be­rufswahl in der ganzen Deutschschweiz das Wissen aller Zweite-Sek-­Schüler in Mathematik, Französisch, Deutsch, Englisch und Natur­wissen­schaften erhoben. Resultat: 2016 verbesserten sich die Lernenden aus Niederhasli gegenüber 2015 in allen Bereichen. Gemessen an den Bewertungen von 2011, bevor die Selbst­organisation Einzug hielt, ist das ­Leistungsniveau auf der Stufe Sek A in etwa stabil geblieben. Die schwächeren B-Schüler, von den Kritikern als Verlierer des Konzepts des selbstbestimmten Lernens gesehen, haben sich demgegenüber in ­allen ­Fächern teils deutlich verbessert. «Ich würde meinen: Note ‹gut›», sagt der Schulleiter.

Die Nöte mit dem Notengeben: Zwei Lehrer erzählen

Tanja Fischer*, 48, ist seit 15 Jahren Unterstufenlehrerin für die erste bis dritte Klasse

«Ich würde Noten an der Unterstufe abschaffen, wenn ich könnte. Noten sind nicht aussagekräftig, sagen nichts darüber, was ein Kind wirklich kann. Und ständig Noten im Vergleich zu den Leistungen anderer Schüler der Klasse zu geben: Damit wird man einzelnen Kindern oft nicht gerecht.

Aber da ich im Kanton Zürich ab der zweiten Klasse Noten geben muss, erkläre ich an den Elternabenden immer, dass sich meine Zeugnisnoten aus jedem Schultag des Kindes zusammensetzen und nicht nur aus den Prüfungsresultaten. Ich bespreche mit allen Schülern ihre persönlichen Lernziele. Die werden dann auch aufgeschrieben: ‹Ich möchte flüssiger lesen können.› Oder: ‹Ich will sicherer im Malrechnen werden.› Das funktioniert gut. Die Kinder fühlen sich ernst genommen und setzen sich ein. Dazu mache ich regelmässig Standortgespräche mit Eltern und Kindern, ein guter Austausch ist sehr wichtig.

Wenn es schon Zensuren geben muss, wäre es besser, wenn ich nicht nur die sogenannten Kernfächer benoten müsste. Wer in Mathematik weniger erfolgreich ist, hätte vielleicht eine gute Note im Zeichnen oder im Sport.

Ich finde es richtig, dass im künftigen Lehrplan die Kompetenzen eine wichtigere Rolle spielen sollen. Denn heute ist die Grundhaltung ja eigentlich eine andere: immer mehr Prüfungen und Tests, damit die Noten im Zeugnis ‹bewiesen› werden können. Das halte ich für grundlegend falsch.»
 

Werner Huber*, 69, war über 30 Jahre lang Primarlehrer für die vierte bis sechste Klasse

«Notengeben ist etwas sehr Persönliches, jede Lehrperson macht es anders. Sicher ist: Objektive Noten gibt es nicht. Daher hat die Schule die Tendenz, leichter bewertbare Fähigkeiten und Fertigkeiten höher zu gewichten.

Ich kann nachvollziehen, dass sich manche eine Schule ohne Noten wünschen. Ich habe nie eine ungenügende Ziffer unter eine Prüfung geschrieben, nur das Wort ‹ungenügend›. Das reicht fürs Kind. Es weiss dann, dass es schlecht gearbeitet hat. Für die Eltern habe ich mir die ungenügenden Noten schon notiert. Es ist wichtig, die Eltern einzubeziehen, ihnen die Grundlagen für die Zeugnisnoten darzulegen.

Eine Zeugnisnote hat drei Dimensionen: eine formative, also aufs Lernziel bezogene, eine summative, auf den Klassenschnitt bezogene, und eine prognostische, also zukunftsgerichtete. Wer nur den Durchschnitt der Prüfungsnoten als Massstab nimmt, macht etwas falsch. Ich habe mir ein Computerprogramm eingerichtet, das die Noten pro Fach und Kind ausrechnet. Danach habe ich mich aber immer noch einmal hingesetzt und von Hand die ‹menschliche› Komponente in die Note reingebracht: Hat sich das Kind angestrengt, verbessert, Durchsetzungswillen gezeigt? Oder muss ich ihm Mut machen, weil es sich verschlechtert hat und deshalb dringend eine gute Note im Werken oder im Sport braucht? Ein Zeugnis soll ja immer auch Mut machen. Das war mir immer wichtig. Natürlich kann man einwenden, das sei nicht gerecht. Da beisst sich die objektive Gerechtigkeit mit der individuellen. Dazu stehe ich, Noten sind nie völlig gerecht.

Im neuen Lehrplan 21 wird dem mit den Kompetenzen vielleicht mehr Rechnung getragen – ich habe allerdings schon viele neue Lehrpläne erlebt. Meist werden sie überschätzt.»

Fotos: Hanna Jaray
Infografik: Anne Seeger, Quelle: Projekt Lehrplan 21, Recherchen Beobachter

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