Aufgezeichnet von Anina Frischknecht:

Es fühlt sich noch nicht ganz richtig an, zurück in der Schweiz. Denn was ich in Saudi-Arabien erleben durfte, ging weit über den Sport hinaus. Manchmal ist es, als sei ich eben aus einem Traum erwacht. Ich frage mich, ob das wirklich alles so passiert ist.

Aber zurück zum Anfang. Im Herbst 2021 wurde ich angefragt, das erste saudi-arabische Frauen-Nationalteam im Fussball mit aufzubauen, als Co-Trainerin. Ich war ehrlich gesagt ziemlich skeptisch. Ich kämpfte mit Vorurteilen: unterdrückte, voll verschleierte Frauen, ungewisse Sicherheitslage. Und war Fussball für saudi-arabische Frauen nicht bis vor kurzem noch verboten, wie das Autofahren und Wählen?

Ich wäre aber nicht ich, wenn ich mir kein eigenes Bild gemacht hätte. Kurz vor Weihnachten flog ich für vier Tage nach Riad, Hauptstadt des Königreichs. Und war schnell überzeugt, allen Vorurteilen zum Trotz: Saudi-Arabien meint es ernst mit dem Frauenfussball.

Es wurde zu viel

Ich weiss noch, wie ich damals mit Fussball angefangen habe. Wir Frauenteams mussten um alles kämpfen: um einen Trainingsplatz, gute Ausrüstung, Sponsoren. Und vor allem um Anerkennung. Ich bin in den USA Meisterin geworden, habe für den FC Basel gespielt. Mit 27 Jahren habe ich alles an den Nagel gehängt. Es wurde mir zu viel Mentale Erschöpfung Sich alles bis zur Grenze abverlangen .

In Saudi-Arabien haben sie das Nationalteam der Frauen erst letztes Jahr aus dem Boden gestampft. Fast 700 Spielerinnen haben damals für einen Platz im Kader vorgespielt. Für einen Sport, der für Frauen bis vor kurzem noch illegal war. Anscheinend hat man sich aber um dieses rückwärtsgewandte Verbot foutiert – die meisten Spielerinnen im Team kicken schon seit 15 Jahren. Ohne Verband, sondern selbst organisiert. Fast alle Frauenuniversitäten haben Fussballplätze, zudem sind Matches in den Familien keine Seltenheit. Das ganze Land ist fussballverrückt.

«Reiche Erbinnen, Mädchen aus armen Verhältnissen – der Fussball hat sie alle zusammengebracht.»

Sandra Kälin, Trainerin

Die Spielerinnen, die es ins Team geschafft haben, sind Studentinnen, Bankangestellte, Pflegefachfrauen. Zum Teil reiche Erbinnen, aber auch Mädchen aus armen Verhältnissen. Extrem durchmischt – der Fussball hat sie alle zusammengebracht.

Wir hatten sechs Wochen Zeit, die Spielerinnen technisch, taktisch, athletisch und mental Leistungssteigerung Was bringt Mentaltraining? für ihre ersten Länderspiele vorzubereiten. Das Schöne war, dass wir aus dem Vollen schöpfen konnten. Mit einem 14-köpfigen Trainerinnenteam, samt einer Videoanalystin, die mit Chelsea schon die Champions League gewonnen hatte.

Die Welt sieht zu

Als wir für das erste Länderspiel Ende Februar auf die Malediven flogen, war der Druck riesig. Am Flughafen wurden wir mit weissen Rosen und Polizeieskorte empfangen. Wir spürten die Augen der ganzen Welt auf uns. Es ging um das Image des neuen Saudi-Arabien, das sich gewandelt und fortschrittlich gibt.

Als unsere Spielerinnen gegen die Seychellen aufs Feld liefen, wusste ich schon in der ersten Minute, dass sie das packen werden. Wir gewannen 2:0. Und als wir kurz nach Mitternacht im Hotel ankamen, ging plötzlich ein Freudenschrei durchs Team: «Pelé hat uns auf Twitter zum Sieg gratuliert!» Wir waren alle in Tränen.

Trainerin Sandra Kälin mit zwei ihrer Spielerinnen beim Match gegen die Seychellen

Der Triumph: Das saudi-arabische Frauenteam schlägt im ersten Spiel die Seychellen.

Quelle: Saudi Arabian Football Federation

Diese Tränen sind immer noch nah, wenn ich daran denke, was dieser Sieg für die Frauen und den Fussball bedeutet. Es geht um Fortschritt, Ermächtigung, Gleichberechtigung. Für Saudi-Arabien gibt es jetzt kein Zurück mehr. Zumindest im Fussball nicht. Unsere Spielerinnen sind über Nacht zu Vorbildern geworden und werden Mädchen im ganzen Land dazu inspirieren, zum Sport zu finden. Das ist der Traum. Ob ich erneut zum Einsatz komme, ist noch offen. Reizen würde es mich.

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Anina Frischknecht, Redaktorin
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