Als Negin das letzte Mal in ihrer Heimat Musik gemacht hat, wurde sie verhaftet. Frauen ist es im Iran nicht erlaubt, öffentlich zu singen. Das war 2013. Seither hat sie kaum mehr Musik gemacht. Heute singt die 31-Jährige vor über 1000 Menschen auf der Zürcher Rathausbrücke und trommelt auf einer Daf, einer iranischen Handtrommel.

An einer Strassenlaterne über Negin schwebt eine goldene 22. Der Ballon ist für Mahsa Amini, die vor Kurzem ihren 22. Geburtstag gefeiert hat. Sie starb Mitte September in Teheran, nachdem sie wegen ihrer «unislamischen» Bekleidung von der Sitten- und Religionspolizei verhaftet worden war. Offiziell war es ein Herzstillstand, wahrscheinlicher ist aber, dass sie von den Polizisten zu Tode geprügelt wurde. Ihr Tod führte weltweit zu Protesten gegen den Kopftuchzwang und das islamische Regime im Iran.

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«Frauen eine Stimme geben»

Die Wut spürt man an diesem regnerischen Samstag im Oktober auch in der Schweiz. Daf-Spielerin Negin und ihre Mitprotestierende Sepideh sind hässig. Negins Stimme bricht beim Sprechen, sie hat Tränen in den Augen. Aber sie fasst sich schnell, nutzt ihre Emotionen, um ihren Erzählungen Nachdruck zu verleihen. 

Negin Winkler junge Iranerin in der Schweiz. Kundgebung in Zürich zur Situation im Iran.Performance mit Zoya Mahallati und Negin Winkler spielt Daf ein Kurdisches Musik Instrument.

In ihrer Heimat Iran würde Negin fürs Musikmachen verhaftet werden.

Quelle: Anna-Tia Buss

Sepideh ist ruhiger, wählt ihre Worte sorgfältig, spricht pointiert. Sie ist als Kind in die Schweiz gekommen, war jedes Jahr mehrere Wochen im Iran und möchte irgendwann ganz dorthin zurück. Sie liebt ihr Land und ihre Kultur. Die sei bunt, die Menschen hätten vielfältige Hintergründe, sprechen verschiedene Sprachen.

Jetzt stehen sie alle zusammen, um gegen das unterdrückerische und frauenfeindliche Regime zu protestieren. «Unsere Aufgabe im Ausland ist es, den Frauen im Iran eine Stimme zu geben», sagt die 38-Jährige. Denn Mahsa sei kein Einzelfall, sondern nur die Spitze des Eisbergs. «Sie ist eine junge Frau mehr, die man festgenommen und tot zurückgebracht hat.»

Das Schlimmste daran sei, dass die Polizeigewalt vertuscht werde. Fast alle Frauen, die jetzt im Iran protestieren, hätten bereits Erfahrungen mit der Sitten- und Religionspolizei gemacht. Negin selbst sei von ihr schon viermal verhaftet worden. Das erste Mal, als sie zwölf Jahre alt war – weil sie Sommerschuhe getragen und ihre Nägel lackiert hatte. Die Polizisten hätten sie geschlagen und sie erst wieder freigelassen, nachdem sie eingestanden hatte, etwas falsch gemacht zu haben. 

Das Regime zur Rechenschaft ziehen

Bei den Protesten stehen die Frauen ganz vorne. «Es ist eine feministische Revolution», sagt Sepideh. Es gehe aber um viel mehr als Kopftücher. Die seien nur ein Symbol für die Unterdrückung von Iranerinnen und Iranern durch das islamische Regime. Auch Frauen, die aus religiösen Gründen ein Kopftuch tragen möchten, stehen hinter den Protesten. «Es geht darum, dass man die freie Wahl hat, anzuziehen, was man will.»

Die Protestierenden fordern nicht, dass bloss der Kopftuchzwang verschwinden muss, sondern die ganze Regierung. Negin und Sepideh fordern von der Schweiz Unterstützung und Solidarität mit der iranischen Bevölkerung. Die iranische Regierung müsse für ihre Menschenrechtsverletzungen endlich zur Rechenschaft gezogen werden.

Auch Arian (Name geändert) fordert das. Er ist ein Freund von Negin, sie haben sich im Iran kennengelernt. Er ist queer und hat im Iran keinerlei Rechte. Homosexuelle Handlungen werden dort mit dem Tod bestraft. Arian ist nur vorübergehend in der Schweiz, reist bald zurück in den Iran und möchte deshalb anonym bleiben. Er hat Angst, dass sich sein Name über soziale Medien verbreitet, zum nächsten Hashtag wird. «Damit leben wir Tag für Tag.»

ArashIraner in der Schweiz in der Kundgebung in Zürich zur Situation im Iran.

Arian (Name geändert) darf sich nicht offen zeigen, denn im Iran wird Homosexualität mit dem Tod bestraft.

Quelle: Anna-Tia Buss

Besonders stört ihn die Doppelmoral der religiösen iranischen Elite, welche das islamische Regime unterstützt: «Wenn du reich bist, lebst du in einer Blase. Du bist sicher.» Es seien auch nicht solche Frauen, die von der Polizei verhaftet werden, sondern die Frauen der Mittel- und der Unterschicht.

Sofortige Verhaftung

Ungefährlich ist es nicht, was Negin, Sepideh und Arian tun. Deswegen seien auch viele, die an den Protesten teilnehmen, maskiert. Auch aus Angst vor Mitarbeitenden der iranischen Regierung, die an den Protesten in der Schweiz unterwegs sein könnten, um Teilnehmende zu identifizieren. Sepideh und Negin haben sich entschieden, trotzdem offen zu protestieren. Sie werden darum für längere Zeit nicht mehr in den Iran reisen können. Sie würden dort sofort verhaftet.

Mut geben ihnen die Menschen im Iran. «Zuerst wollten wir nichts riskieren, wir hatten Angst. Doch dann haben wir gesehen, wie die mutigen Frauen ihre Kopftücher ausziehen, und wir haben verstanden, dass sie ihr Leben riskieren.» Der Preis, den sie hier in der Schweiz zahlen müssten, sei nichts im Vergleich dazu. «Die Freiheit beginnt dort, wo die Angst aufhört», sagt Sepideh. «Die Revolution hat begonnen. Einen Plan B gibt es nicht.»

Negin macht jetzt wieder Musik und will nicht damit aufhören. «Ich habe meinen Mut gefunden. Auch wenn mein Land nicht frei ist, ich bin es. Und der Iran irgendwann hoffentlich auch.»

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