Beobachter: Warum missbraucht ein Jugend­licher seine Freundin?
Gabriela Kaiser: Es ist heikel, allgemein­gültige Aussagen zu machen. Jeder Fall ist anders. Was auffällt: Viele jugendliche Sexualstraftäter kommen aus patriarchalen Familienstrukturen, in denen Frauen nicht als gleichberechtigt angesehen werden. Viele dieser Jugendlichen haben ein schlechtes Selbstwertgefühl und Schwierigkeiten in der persönlichen Entwicklung.

Beobachter: Das heisst, ein grosser Anteil dieser Täter hat einen Migrationshintergrund…
Kaiser: Ja, das ist so. Täter mit Migrationshintergrund sind übervertreten im Vergleich zum Bevölkerungsanteil, den sie ausmachen. Patriarchale Vorstellungen wie: «Ich bin ein Mann, ich hole mir grundsätzlich, was ich will und wie ich das will» spielen oft mit. Oft ist von «Frauen» die Rede, die selber schuld seien, wenn sie sich «so anziehen oder so verhalten».
Charles Baumann: Das stimmt für einen Teil der Täterschaft. Auch Jugendliche aus Familiensystemen, die zu wenig Grenzen setzen oder zu wenig Werte vermitteln, neigen eher zu Grenzüberschreitungen.

Beobachter: Beides gab es doch schon immer. Trotzdem nehmen die Übergriffe unter Jugendlichen zu.
Baumann: Unsere Erfahrungen sprechen dafür. Wir gehen davon aus, dass das veränderte Freizeitverhalten von Jugendlichen einen starken Einfluss hat. Die Tat­sache, dass Partys die ganze Nacht dauern, das Rauschtrinken – und das Internet. Die erste Kontaktaufnahme geschieht oft via Chat oder Facebook. Nicht selten verkehrt der Täter im gleichen Umfeld oder ist sogar befreundet mit dem Opfer. Wenn es zur Tat kommt, sind oft Drogen oder Alkohol im Spiel.
Kaiser: Das Internet spielt eine sehr grosse Rolle. So lernt man sich kennen, so sucht man Kontakte. Häufig gehen die Täter im Internet sehr gezielt auf die Suche nach potentiellen Opfern.

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Beobachter: Können Sie einen typischen Fall schildern?
Kaiser: Nehmen wir eine Jugendliche, die sich bei Facebook relativ offensiv und ungeschützt präsentiert. Das Mädchen sucht Anerkennung, einen Freund. Der Täter spricht sie an, macht ihr Komplimente, überredet sie zu einem Date. Man trifft sich in einem Park, im Ausgang. Es wird getrunken, sehr oft zu viel und zu schnell. Die Mädchen haben vielleicht wenig Erfahrung mit Alkohol und wissen nicht, wie viel sie vertragen. Wenn sie betrunken sind, kommt es zu den für diese Übergriffe schon fast typischen sexuellen Handlungen. Ich sage es jetzt so, wie es die Jugendlichen sagen: Der Junge drängt das Mädchen, ihm einen zu «blasen», also Oralsex mit ihm zu haben. Wenn das Mädchen Pech hat, wird es dabei fotografiert oder gar gefilmt. Nicht selten landen diese «Trophäen» dann im Internet. Für die Mädchen ist das verheerend, ihnen droht der «soziale Tod».

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Beobachter: Was heisst das?
Kaiser: Stellen Sie sich vor, Sie werden in einer für Sie ganz schlimmen Situation gefilmt und die halbe Welt kann sich das ansehen. Das ist dramatisch. Natürlich versuchen wir, die Filme vom Netz zu bekommen, mit Hilfe der Täter oder der Polizei. Daneben ist oft auch eine Krisenintervention im Umfeld des Mädchens nötig. Gelingt es nicht, Verständnis und Empathie zu schaffen, bleibt manchmal nur ein Schulhauswechsel.

Beobachter: Einen sexuellen Übergriff zu begehen und das danach auch noch ins Netz zu stellen erscheint mir ziemlich abgebrüht für einen Jugendlichen.
Kaiser: Ja, das erschreckt mich auch nach elf Jahren in dieser Arbeit immer wieder. Aber das sind leider keine Einzelfälle. Solche Taten werden oft inszeniert und geplant. Sehr bewusst. Es geht diesen Tätern nicht im Entferntesten um ein Gegenüber, um ein Du, eine Beziehung. Sie wollen zum Ziel kommen.

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Beobachter: Warum lässt sich ein Mädchen darauf ein, eine Internetbekanntschaft allein im Park zu treffen?
Baumann: Neugierde? Naivität? Oft ist der Wunsch nach einer Beziehung, nach einem Freund einfach stärker als die Bedenken, die vielleicht durchaus da sind. Manchmal kennen sich Opfer und Täter bereits. Die Täter sind ein paar Jahre älter und locken die Jugendliche bewusst in eine Falle. Es gibt wenige 15-Jährige, die sich gegen einen 23-Jährigen, in den sie vielleicht ein wenig verliebt sind, durchsetzen können.
Kaiser: Für viele Täter gehört dieses Planen des Übergriffs, das Gefügigmachen des Mädchens, bereits zum Spiel.

Beobachter: Ist das bis zu einem gewissen Grad nicht normal in diesem Alter? Die Jungs wollen schon, die Mädchen noch nicht. Die Jungs drängen…
Kaiser: Durchaus, aber ein Jugendlicher mit einem einigermassen intakten Gefühl für Grenzen kennt die Codes. Er spürt, wann er zu weit geht, und respektiert sein Gegenüber. In den Situationen, die meine Klientinnen erlebt haben, war das nicht der Fall. Wir reden nicht von Jugendlichen, die etwas ungeschickt erste sexuelle Erfahrungen machen.
Baumann: Es kann immer Situationen geben, in denen ein Jugendlicher das Verhalten eines Mädchens falsch interpretiert. Fehler gehören nun einmal zur Pubertät. Wenn wir allerdings von einem sexuellen Übergriff sprechen, dann meinen wir damit, dass ein Nein wiederholt ignoriert und übergangen worden ist. Für die These der Planhaftigkeit spricht übrigens auch die aktuelle Kriminalstatistik. Sie zeigt, dass ein hoher Anteil der Übergriffe auf eine kleine Anzahl Wiederholungstäter zurückgeht.

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Beobachter: Wenn man das schon weiss: Warum stoppt niemand diese Wiederholungstäter?
Baumann: Sie dürfen nicht vergessen, dass längst nicht alle Übergriffe, von denen wir in der Beratung erfahren, zu einer Straf­anzeige führen. Für viele Opfer ist das mit sehr viel Scham verbunden. Vor allem in den Fällen, in denen die jungen Frauen sich ein Stück weit mitschuldig fühlen. Weil sie zum Beispiel getrunken haben oder sich ohne Wissen der Eltern auf ein «Date» einliessen.
Kaiser: Da muss man auch ehrlich sein. Die Chancen, dass es zu einer Verurteilung kommt, sind nach wie vor nicht besonders hoch. Auch wenn heute das Handy überall mit dabei ist: Oft fehlen Zeugen, und meist bleibt es in wichtigen Punkten bei Aussage gegen Aussage.

Beobachter: Das motiviert einen nicht wirklich dazu, eine Strafanzeige zu erstatten.
Kaiser: Es gibt trotzdem gewichtige Argumente für eine Strafanzeige: Eine Anzeige führt fast immer zu Abklärungen des familiären Hintergrunds des Täters, zu Gutachten und eventuell zu einer Therapie. Somit hat eine Anzeige eine stark präventive Wirkung. Die meisten Täter sind nicht ohne Grund so, wie sie sind. Das ist für einige Mädchen eine Motivation für eine Anzeige. Sie wollen verhindern, dass noch andere zu Opfern werden.
Baumann: Früher waren wir bei jungen Tätern zurückhaltend mit Strafanzeigen, vor allem, wenn sie noch am Anfang der Pubertät standen. Heute weiss man, dass solche Taten oft die ersten Schritte in eine längere Karriere sind.
Kaiser: Hinzu kommt, dass viele Täter selber Gewalt erlebt haben, oft in der eigenen Familie. Wenn es zu einer Anzeige kommt, fühlt man diesen Familien auf den Zahn. Das ist wichtig.

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Beobachter: Wir haben viel von den Tätern gesprochen. Gibt es bei den Opfern ebenfalls so etwas wie Risikofaktoren?
Kaiser: Zuerst einmal: Man kann einfach zur falschen Zeit am falschen Ort sein. Jede Frau, jedes Mädchen. Aber es gibt Faktoren, die Mädchen gefährden: eine Familie, die wenig Halt bietet, ein schlechtes Selbstwertgefühl, wenig Wissen über Sexualität, intellektuelle Defizite. Ausserdem machen vorangegangene belastende Lebensereignisse Mädchen anfälliger.
Baumann: Jugendliche mit einer körper­lichen Behinderung werden fast fünfmal häufiger Opfer von sexuellen Übergriffen. Und auch bei den Opfern spielt die Erziehung eine Rolle: Mädchen, die daheim einen harschen Erziehungsstil erleben, geraten eher an sexuell gewalttätige Partner.

Beobachter: Das sind alles Faktoren auf der persönlichen Ebene der Jugendlichen. Wie stark prägt der gesellschaftliche Umgang mit Sexualität ihr Verhalten?
Kaiser: Stark. Wir präsentieren Jugendlichen heute täglich, wie ein perfekter Frauenkörper auszusehen hat. Wir vermitteln ihnen, dass Sexualität ständig und überall verfügbar ist. Für Jugendliche vermischen sich überdreht romantische Vorstellungen à la «Twilight», in denen sich die Protagonisten vor der Heirat nicht einmal küssen dürfen, und Bilder aus Pornofilmen, in denen Sex reines Konsumgut ist. Das führt zu einer heillosen Überforderung, in der Jugendliche dringend Unterstützung brauchen würden.

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Beobachter: Was können Eltern tun?
Kaiser: An erster Stelle steht wie bei all diesen Themen das Gespräch. Eltern müssen mit ihren Kindern über Sexualität sprechen, ihnen ihre Werte vermitteln. Am besten bereits bevor die Kinder in die Pubertät kommen. Und dann geht es da­rum, mit Jugendlichen zu besprechen, was man im Ausgang tut und was nicht.
Baumann: Ich komme mir ein wenig altbacken vor, wenn ich diese Tipps geben soll. Ich bin ja schon lange nicht mehr an den Orten unterwegs, an denen sich Jugendliche treffen. Aber es gibt natürlich Dinge, die nach wie vor gelten, zum Beispiel, dass man betrunkene Kolleginnen nicht alleine lässt, dass man aufeinander achtgibt.
Kaiser: Es ist für viele junge Frauen mit einer gewissen Enttäuschung verbunden, zu merken, dass der Ausgang nicht einfach nur toll ist, sondern dass er auch gewisse Gefahren birgt. Es ist eine phantastische Zeit, wenn man merkt, welch starke Wirkung man auf Männer hat. Man ist frei, ungebunden, aber man muss auch lernen, sich in dieser Partyszene richtig zu bewegen. Das ist eine grosse Anforderung. Auch hier sind Eltern in der Pflicht: Reden Sie mit Ihren Kindern, auch wenn es in diesem Alter alles andere als einfach ist.

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Charles Baumann ist Psychologe FSP und Co-Leiter der Fachstelle Okey, einer Opferberatungsstelle für Kinder und Jugendliche. Okey wird durch die Justizdirektion des Kantons Zürich finanziert und von der Kinderklinik des Kantonsspitals Winterthur und dem Jugendsekretariat Winterthur in Kooperation geführt. Charles Baumann ist Vater einer Tochter und zweier Söhne.

Quelle: Oscar Lebeck/13photo

Gabriela Kaiser ist Musikpädagogin und Familienberaterin; sie begleitet bei der Fachstelle Okey jugendliche Opfer von Gewaltdelikten. Kaiser ist Mutter zweier Söhne und einer Tochter.

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Quelle: Oscar Lebeck/13photo

Sexuelle Übergriffe: Beratungsstelle verzeichnet Zunahme

Sexuelle Übergriffe sind für viele Schweizer Kinder und Jugendliche bittere Realität. Rund 15 Prozent der 15- bis 17-Jährigen haben bereits einen sexuellen Übergriff erlebt, zeigt die kürzlich veröffentlichte repräsentative Optimus-Studie. 22 Prozent der Mädchen gaben an, bereits einmal zum Geschlechtsverkehr oder unangenehmen Berührungen gezwungen worden zu sein. Acht Prozent der Buben haben Übergriffe erlebt. Die Mehrheit der Täter ist gleichaltrig, männlich – und der Liebespartner, ein Kollege oder ein «Date».

Zudem sind jedes dritte Mädchen und etwa jeder zehnte Knabe von Cybermobbing mit sexuellem Inhalt betroffen. Weibliche Opfer vertrauen sich deutlich häufiger Freunden, Verwandten oder einer Fachstelle an. Die Winterthurer Opferberatungsstelle Okey war letztes Jahr in 584 Missbrauchsfälle involviert, zehn Prozent mehr als im Vorjahr. In den letzten zehn Jahren verzeichnete Okey eine Verdoppelung der Fallzahlen. – Opferhilfe schweizweit: www.opferhilfe-schweiz.ch

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