«Ich bin eine junge Frau, dick, mittelgross, halblanges Haar, verheiratet. Brillenträgerin, ausgebildete Pflegefachfrau und Mutter.»

So beschreibt sich die 37-jährige Melanie Dellenbach. Die Bernerin sagt, sie wolle sich das Wort «dick» zurückerobern, als normales Adjektiv wie «schlank» oder «klein», ohne negative Wertung, einfach als Beschreibung ihres Körpers. «Ich bin dick, das ist eine Tatsache, das kann man ruhig aussprechen.»

So einfach, wie das klingt, ist es nicht.

«Dick» wird noch immer mit «dumm», «faul» oder «hässlich» assoziiert. Wer dick ist, habe halt einfach keine Disziplin und keinen Durchhaltewillen, sei selber schuld an den Pfunden, habe sich nicht im Griff, sei charakterschwach. «Fettsack», «Dickwanst» oder «fette Sau» sind gängige Schimpfwörter, die zu selten hinterfragt werden. Sie tun weh, stigmatisieren und hinterlassen Wunden.

«Bereits als Kind habe ich verinnerlicht, dass etwas mit mir nicht in Ordnung war. Nur weil ich dick war», sagt Dellenbach. «Immer war da dieser Makel, der wegmusste, aber nicht wegging.» Sie habe geglaubt, dass sie wegen ihres Gewichts niemals werde heiraten können.

Der schädliche Wahn

Aber langsam tut sich etwas. Länder wie die USA sind schon weiter im Umgang mit dem Stigma – beziehungsweise bei der Sensibilisierung in Sachen Gewicht. Ein Beispiel.

Als ein Journalist des Nachrichtensenders CNN letzten November Präsident Donald Trump wegen seiner Lügen über die Wahl als «fettleibige Schildkröte auf dem Rücken» bezeichnete, löste das einen Shitstorm aus. Nicht weil der Journalist gegen Trump gewettert hatte, sondern wegen seiner Wortwahl. «Fettleibig» als Schimpfwort zu benutzen, ging vielen dicken Amerikanerinnen und Amerikanern gegen den Strich. Ein paar Tage später musste sich der Journalist öffentlich entschuldigen.

Melanie Dellenbach gefällt diese Episode. «In der Schweiz sind wir von solchen Reaktionen noch weit entfernt», sagt sie. Letztes Jahr gründete sie deshalb den Verein Body Respect Schweiz. Ziel sei es, eine Gemeinschaft aufzubauen aus dicken Menschen und Verbündeten. «Wir setzen uns ein für eine neue Kultur von Körperrespekt und für die Sichtbarkeit von dicken Menschen in ihrer Vielfalt.»

Der «Adipositas-Wahn» des letzten Jahrzehnts habe den Dicken geschadet, sagt Dellenbach. Schlagzeilen wie «Jeder zweite Mann und jede dritte Frau in der Schweiz sind übergewichtig» suggerierten, dass das schlimm ist und jede dicke Person krank sei. «Das stimmt nicht. Genauso wenig stimmt, dass jede dünne Person gesund ist.» Zum Gesundbleiben gehörten viele Aspekte, zum Beispiel genügend Schlaf, Hobbys, Freundschaften, Bewegung, gute Ernährung.

Natürlich gibt es Folgeerkrankungen wie Diabetes Diabetes Haben Sie «den Zucker» im Griff? , Bluthochdruck oder Herzinfarkte, die mit dem Gewicht zusammenhängen. Daraus aber einen «absoluten Zusammenhang» heraufzubeschwören, sei diskriminierend, sagt Dellenbach. Es entspreche nicht den Tatsachen.

Auch die Diskussion über Magen-Bypässe oder Magenbänder gehe ihr auf die Nerven. Selber unterzöge sie sich nie einer solchen Operation. «Ich lege Wert auf Körperautonomie. Ich verstehe aber, dass eine solche OP für einige Personen der letzte Weg sein kann, um nicht mehr diskriminiert zu werden.»

Hinzu komme: Mit Dicken werde viel Geld gemacht. Diätprodukte und Pillen sind Verkaufsschlager. Nützen tun sie wenig. Zahlen belegen das. Fünf Jahre nach der Diät haben die meisten wieder mindestens dasselbe Gewicht wie zuvor. «Schlankheitsdiäten helfen nicht, sie sind nur ein Riesenbusiness», sagt Dellenbach.

Zahlreiche Studien belegen, wie stark dicke Menschen in der Arbeitswelt benachteiligt werden. Viele erhalten weniger Lohn und werden seltener befördert. Auch dicke Schulkinder werden von den Lehrpersonen oft schlechter bewertet als schlanke. Genau diese Mechanismen müsse man durchbrechen, so Dellenbach. Gerade im medizinischen Bereich sei noch viel zu tun.

Bei jedem Arztbesuch werde sie auf ihr Gewicht angesprochen. Ungefragt. Auch wenn sie aus einem ganz anderen Grund in die Praxis gekommen sei. Das gehe nicht nur ihr so. Viele dicke Menschen schöben deshalb Arztbesuche auf und kämen oft zu spät mit ihrem Leiden. Weil sie sich schämen und die Bevormundung nicht ertragen. «Es gibt zum Beispiel oft keine geeigneten Blutdruck-Messmanschetten für Dicke», sagt Dellenbach.

Als sie kürzlich in einer Drogerie einem Mann auswich, rief der ihr nach: «Sie müsste man in eine Galeere ans Ruder setzen.» Sie habe erst gedacht, sie habe sich verhört, war sprachlos. Statt direkter Beleidigungen seien in der Schweiz Mikroaggressionen gegen Dicke viel üblicher. Damit meint sie schräge Blicke mit Getuschel, Augenverdrehen oder Stöhnen, wenn sie sich neben jemanden im Bus setzt. Die Fettphobie ist weit verbreitet.

«Kindern einen gesunden Umgang mit dem eigenen Körper mitzugeben, ist eines der höchsten Ziele.»

Melanie Dellenbach, Gründerin des Vereins «Body Respect Schweiz»

«Früher wollte ich immer eine ‹good fatty› sein», erinnert sich Melanie Dellenbach. Sie trieb Sport, ass gesund, wollte zeigen, dass sie das auch kann. Heute sei sie gelassener, unterwerfe sich nicht mehr jedem Trend. Sie habe dank einer Psychotherapie gelernt, zu sich und ihrem Gewicht zu stehen. «Das war ein langer Weg», erzählt sie. «Wenn man sein Leben immer nur auf dünnere Zeiten verschiebt, lebt man nie.» Sie hat Frieden mit ihrem Körper geschlossen, geheiratet, viel getanzt und bekam eine Tochter.

In ihrer Familie gibt es klare Regeln. «Alle dürfen so aussehen, wie sie wollen. Diäten um der Schönheit willen gibt es bei uns nicht.» Wenn Kolleginnen ihrer Tochter sagten, sie habe eine «fette» Mutter, werde darüber geredet und erklärt, dass «die fette Mutter» in Ordnung sei, so, wie sie eben sei. Ihre siebenjährige Tochter solle ein gesundes Körperbewusstsein entwickeln und niemals wegen ihres Gewichts diskriminiert werden, sollte sie einmal dick werden.

Dellenbach möchte insbesondere Lehrerinnen und Lehrer für das Thema sensibilisieren. «Kindern einen gesunden Umgang mit dem eigenen Körper mitzugeben, ist eines der höchsten Ziele», sagt sie. Sie möchte deshalb an den pädagogischen Hochschulen aktiv werden und angehende Lehrpersonen schulen. Das sei gerade in der Pubertät wichtig, wenn sich der Körper stark verändert, besonders von Mädchen. Die Gewichtszunahme in diesem Alter ist völlig normal, aber gerade im Moment, wenn sie ohnehin besonders verletzlich sind, werden die Jugendlichen stigmatisiert.

Vorbild Island

Wie es anders und besser geht, macht Island vor. Dort ist Körperrespekt seit Jahren ein Thema. So hat die Hauptstadt Reykjavík in ihren Statuten zu den Menschenrechten verankert, dass Dicke nicht diskriminiert werden dürfen. Unter anderem steht dort:

  • Personen dürfen aufgrund ihres Körperbaus, ihres Aussehens oder ihres Körpertyps nicht entlassen werden. Die Arbeit, der berufliche Aufstieg, Lohnerhöhungen oder Belohnungen ihrer Arbeit dürfen nicht verweigert werden.
  • Die Stadt Reykjavík bemüht sich, an den Arbeitsplätzen der Stadt eine konstruktive Atmosphäre zu schaffen, die frei von Stereotypen, Vorurteilen und Diskriminierung in Bezug auf Körperbau, Aussehen und Körpertyp ist.
  • Die Bemühungen der Stadt zur Gesundheitsförderung sollten sich nicht direkt auf den Körperbau der Mitarbeitenden konzentrieren, sondern vielmehr darauf, bessere Möglichkeiten für einen gesunden Lebensstil zu schaffen und die soziale Eingliederung zu fördern.

Für Melanie Dellenbach ist Island Vorbild. «Es geht ja, wenn man nur will.»

Infografik: Verzerrte Körperbilder bei Kindern

Ländervergleich: So viele Kinder fühlen sich dick
Quelle: Unicef: «Worlds of Influence» – Infografik: Beobachter/SEE

Wir alle diskriminieren, ohne es zu wollen

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Grosse Menschen machen leichter Karriere als dicke. Warum ist das so? HSG-Professorin Gudrun Sander erklärt, warum wir alle unbewusste Vorurteile haben und wie man gegen diese vorgehen kann.

Quelle: Beobachter Bewegtbild

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