Schweizerinnen und Schweizer werden immer älter. Eine positive Entwicklung, die jedoch auch Nebenwirkungen mit sich bringt. «Dank Hygiene und Medizin werden wir heute extrem alt und geraten in einen kranken oder gebrechlichen Zustand, ohne sterben zu können», erklärt Marion Schafroth, Fachärztin für Anästhesie und Vorstandsmitglied von «Exit», im Interview mit dem Beobachter. Menschen in einer solchen Situation soll durch Schweizer Sterbehilfeorganisationen wie Exit und Dignitas ein würdevoller Tod ermöglicht werden. Dazu stellen sie den Betroffenen eine tödliche Dosis des Medikaments Natrium-Pentabarbital bereit, das in Wasser aufgelöst wird. Anschliessend trinkt der Patient die Lösung selbstständig oder öffnet das Ventil der zuvor gelegten Infusion.

742 Frauen und Männer entschieden sich 2014 für diese Möglichkeit zu sterben, wie ein kürzlich veröffentlichter Bericht des Bundesamts für Statistik (BfS) zeigt. Das sind 26 Prozent mehr als im Vorjahr. Bernhard Sutter, Geschäftsführer Exit, relativiert den grossen Sprung: «Der Anstieg von 2013 auf 2014 ist normal und nichts Neues. Das entspricht den Werten der Jahre davor und danach, welche bei circa 25 Prozent liegen.» Ausserdem dürfe nicht ausser Acht gelassen werden, dass 98,8 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer ohne Sterbehilfeorganisationen sterben. «Dennoch wird die Selbstbestimmung in der medizinischen Behandlung, auch am Lebensende, für immer mehr Menschen immer wichtiger», so Sutter.

Sterbehilfe

loading...

3 Tipps, was es beim Thema Sterbehilfe zu bedenken gilt.

Anzeige

Wer nimmt Sterbehilfe in Anspruch?

Assistierte Suizide machten 2014 1,2 Prozent aller Schweizer Todesfälle aus, wobei 94 Prozent der Betroffenen 55-jährig oder älter waren.

Die häufigsten Gründe sind laut dem BfS schwerwiegende körperliche Krankheiten wie Krebs (42%), neurodegenerative Krankheiten (14%), Herzkreislaufkrankheiten (11%) und Krankheiten des Bewegungsapparats (10%). Weitere Ursachen sind unter anderem Schmerzsyndrome und Depressionen.

Marion Schafroth kann diese Statistik für Exit bestätigen. An die Sterbehilfeorganisation gelangen «vor allem Menschen mit Krebs. Dann folgen Betagte mit mehreren Gebresten, die nicht immer tödlich krank, aber sehr leidend sind. Dann Leute mit neurologischen Erkrankungen sowie Schmerzpatienten.»

Anzeige

Während die Anzahl der assistierten Suizide deutlich steigt, bleiben die Suizidfälle ohne Sterbehilfe seit 2010 relativ konstant: 2014 nahmen sich 1029 Personen (754 Männer und 275 Frauen) das Leben, der Grossteil davon war depressiv.

«Angehörige können nicht mitentscheiden»

Eine Frau erzählt die Geschichte ihrer kinderlosen Tante, die mit Exit aus dem Leben schied. Zudem: Heidi Vogt von Exit beantwortet die wichtigsten Fragen zum begleiteten Freitod. 

zum Artikel

Quelle: Getty Images

Mehr zum Thema

Würden Sie selber Exit rufen?

Noch nie haben so viele Schweizer ihr Leben mit dem Giftbecher beendet wie 2015. Die Ärztin Marion Schafroth vom Selbstbestimmungsverein Exit sagt, warum.

zum Artikel

Quelle: Getty Images
Anzeige

Tod auf Verlangen – auch für «Lebenssatte»

Alte Menschen, die nicht todkrank aber des Lebens müde sind, sollen künftig ebenfalls Suizidbeihilfe in Anspruch nehmen können - dafür spricht sich ein grosser Teil der Schweizer Bevölkerung aus.

zum Artikel

Quelle: Getty Images

Buchtipp

Buchcover: Leben, Tod und Selbstbestimmung

Über den Sinn des Lebens, den Umgang mit Schicksalsschlägen, das Altern und das Sterben.

Quelle: Beobachter Edition
Anzeige