Zur Person

Marion Schafroth ist Fachärztin für Anästhesie in Liestal BL und stellt sich der Sterbehilfeorganisation Exit seit zwölf Jahren als beratende Ärztin und seit sechs Jahren als Vorstandsmitglied zur Verfügung.

Quelle: Christian Flierl

Beobachter: Exit verhalf letztes Jahr 782 Menschen zum Freitod. Darunter waren solche mit Demenz im Anfangsstadium. Muss man denn nicht todkrank sein, damit Exit den Giftbecher bereitstellt?
Marion Schafroth: Nein. Wenn die Diagnose beginnende Demenz feststeht und jemand im Zustand der Urteilsfähigkeit sagt, mit dieser Perspektive will ich nicht weiterleben, dann ist die Sterbebegleitung gemäss unserer Rechtsprechung erlaubt.

Beobachter: Vielleicht war der Demente nach der Diagnose depressiv. Ist Exit in der Lage, das zu erkennen?
Schafroth: Ja, und in diesem Fall würde Exit keine Freitodhilfe gewähren. Wenn jemand bei einer schweren Krankheit Phasen der Traurigkeit erlebt, heisst das nicht, dass er an einer Depression leidet. Unsere Gegnerschaft vermischt oft den Suizidimpuls bei akuter Depression oder im Affekt wegen einer Krisensituation mit dem klaren, wohlüberlegten Bilanzsuizid.

Beobachter: Dennoch reicht Exit auch Depressiven den Giftbecher.
Schafroth: Wir begleiten pro Jahr rund zehn psychisch Kranke. Aber das sind andere Menschen als jene mit beginnender Demenz. Es sind vielmehr schwerst psychisch Kranke, deren Leben im Laufe der Jahre völlig aus den Fugen geraten ist und denen auch die Psychiatrie nicht helfen konnte. Nötig sind mindestens zwei Gutachten von verschiedenen Psychiatern. Die Abklärungen dauern Monate oder Jahre.

Beobachter: Schwerer Liebeskummer genügt nicht?
Schafroth: Nein, das genügt ganz klar nicht. Wer sich für eine Freitodbegleitung interessiert und am Telefon ein schweres Leiden angibt, bekommt einen Zehn-Punkte-Fragebogen für den behandelnden Arzt. Wenn der Arzt eine schwerwiegende Diagnose bestätigt – er muss den Freitodwunsch nicht selbst befürworten –, teilt Exit eine Freitodbegleiterin zu, die abklärt, ob die erforderlichen Voraussetzungen vorliegen. Sie prüft unter anderem, ob der Wunsch wohlerwogen und ohne Druck von aussen entstanden ist und ob eine Depression oder eine Einschränkung der Urteilsfähigkeit vorliegen könnte.

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Beobachter: Wer ruft Exit um Hilfe?
Schafroth: Vor allem Menschen mit Krebs. Dann folgen Betagte mit mehreren Gebresten, die nicht immer tödlich krank, aber sehr leidend sind. Dann Leute mit neurologischen Erkrankungen sowie Schmerzpatienten. Das Durchschnittsalter liegt bei über 77 Jahren.

«Nur psychisch Gesunde wirken als Freitodbegleiter. Todessüchtige haben bei Exit nichts zu suchen.»

Beobachter: Belgien erlaubt sogar den begleiteten Suizid von Kindern.
Schafroth: Ein Kind ist durchaus ab 14, vielleicht sogar ab 12 Jahren als urteilsfähig zu betrachten. Exit hatte jedoch konkret noch nie eine solche Anfrage und akzeptiert gemäss Statuten ohnehin nur Volljährige als Mitglieder. Persönlich finde ich, es gibt ethisch keinen Grund, einem 15-, 16-Jährigen mit hoffnungsloser Prognose und grossem Leiden einen wohlüberlegten und erwünschten begleiteten Freitod vorzuenthalten, wenn auch die Fachleute zum Urteil kommen, er sei urteilsfähig.

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Beobachter: Das schliesst Wachkoma-Patienten aus.
Schafroth: Ja. In der Schweiz fusst die Zulässigkeit der Suizidhilfe auf der Urteilsfähigkeit und der Tatherrschaft. Daran gekoppelt ist, dass man den finalen Akt selber vornimmt. Entweder muss man das Sterbemittel selber schlucken oder die Infusion selber öffnen …

Beobachter: … wie im November 2014 der Glarner Ständerat This Jenny.
Schafroth: Genau.

Beobachter: Und Angehörige fragen das Grosi, das ins Heim muss: «Weisst du überhaupt, was das kostet?»
Schafroth: Gegner behaupten, auf Betagte entstehe ein gesellschaftlicher Druck, weil ein begleiteter Suizid die Gesellschaft weniger koste als jahrelange Pflege. Diesen Druck stellen wir nicht fest – weder von Angehörigen noch von dritter Seite. In der Schweiz ist der begleitete Suizid weiterhin selten, er betrifft rund 1,5 Prozent aller Sterbefälle. Und gerade das Grosi, von dem man meint, man müsse es beschützen, muss enorm für seinen Freitod kämpfen …

Beobachter: … wenn es noch kämpfen kann.
Schafroth: Wenn das nicht mehr möglich ist, kommt das Grosi nicht zu Exit. Man braucht Wille und Durchsetzungskraft. Man kann nicht einfach bei uns anrufen, und wir kommen mit dem Giftbecher. Hat jemand keinen nachvollziehbaren Grund, stellt kein Arzt das Rezept für das Sterbemittel aus.

Beobachter: Würden Sie selber Exit rufen?
Schafroth: Ich hoffe, eines natürlichen Todes zu sterben. Aber ich bin weder Masochistin noch religiös. Wenn das Leiden zu gross wird, werde ich eine rationale Bilanz ziehen und rechtzeitig gehen. Das entscheide ich aber erst, wenn es so weit ist. Wie das die allermeisten tun.

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Beobachter: Warum soll man in den Lauf der Dinge eingreifen?
Schafroth: Weil wir das unser ganzes Leben lang tun.

Beobachter: Wir treiben also unseren Individualismus auf die Spitze.
Schafroth: Sterbehilfeorganisationen sind Kinder unserer Zeit und unserer Gesellschaft. Dank Hygiene und Medizin werden wir heute extrem alt und geraten in einen kranken oder gebrechlichen Zustand, ohne sterben zu können. Und wir leben seit der 68er Bewegung immer selbstbestimmter.

«Warum soll man in den Lauf der Dinge eingreifen?» –
«Weil wir das unser ganzes Leben lang tun.»

Beobachter: Allein schon das Anbieten von begleitetem Suizid sei ein Akt der Entsolidarisierung, sagt der katholische Philosoph Robert Spaemann. Wir sollten stattdessen als Gesellschaft die palliative Pflege verbessern.
Schafroth: Ja, aber es gibt Menschen, die keine Palliation mehr wollen. 99 Prozent der Exit-Mitglieder wissen, was Palliative Care ist. Diese Woche besuchte ich einen Mann mit Darmkrebs im Endstadium im Spital. Er ist 50 und geistig völlig klar. Er sagte, er habe nur einen Wunsch. Er will nach Hause, den Garten geniessen und in der Sonne sitzen. Er will nicht in einem neuen Spital liegen, neues Pflegepersonal kennenlernen und dort sterben.

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Beobachter: Todkranke Ärzte verzichten oft auf Palliative Care.
Schafroth: Interessant, nicht? Als ich bei Exit anfing, fragte ich mich, ob die Hilfesuchenden überhaupt wissen, worum es geht? Ich erkannte: Auch Leute mit sogenannt schlechter Schulbildung wissen das sehr genau. 

Beobachter: Wer sind die gut drei Dutzend Leute, die andere in den Freitod begleiten?
Schafroth: Meist sind sie über 50 Jahre alt, kommen aus der Pflege oder sozialen Berufen und haben privat oder beruflich bereits vorher mit Krankheit und Tod zu tun gehabt.

Beobachter: Sie selbst sind ebenfalls öfter bei Freitoden anwesend.
Schafroth: Nur drei-, viermal pro Jahr, wenn ein Sterbewilliger das Medikament nicht schlucken kann und eine Infusion braucht. Ich bin keine Freitodbegleiterin, sondern in der Regel nur bei den Vorabklärungen beteiligt, wenn der Hausarzt das Rezept für das Sterbemedikament nicht ausstellen will.

Beobachter: Ertragen Sie das gut, Menschen beim Sterben zu begleiten?
Schafroth: Ja. Sonst würde ich das nicht tun. Exit achtet übrigens sehr bewusst darauf, dass nur psychisch Gesunde als Freitodbegleiter wirken. Todessüchtige haben hier nichts zu suchen.

Beobachter: Ich bin eines von rund 100'000 Exit-Mitgliedern*. Kann ich bei Exit deponieren, dass man mich erlöst, wenn ich völlig dement bin?
Schafroth: Nein, auch wenn genau dieser Wunsch Exit gegenüber oft geäussert wird. An der letzten Generalversammlung haben Mitglieder den Vorstand aufgefordert, sich dafür einzusetzen, dass das in der Schweiz möglich wird. Doch das wäre verbotene Tötung auf Verlangen und wäre in der Praxis nicht durchführbar. Stellen Sie sich nur mal einen Dementen vor, der das Leben noch zu geniessen scheint. Wer soll denn entscheiden, heute gibt man ihm das Sterbemittel? Und dann will er es nicht trinken. Soll man ihn fesseln und die Infusion legen? Das geht doch nicht! Der Antrag wurde mit einer grossen Mehrheit abgelehnt.

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Quelle: Christian Flierl

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Quelle: Beobachter Edition
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* Anmerkung der Redaktion: Nach dem Gespräch ist Autor René Ammann aus Exit ausgetreten.