Lachen SZ: An der Decke baumeln bunte Ballons, darauf Einhörner und Smileys. Zum Zmorge gab es Schoggikuchen, mit Marzipanblumen und Gummibärchen. Sasha Volkov ist nicht nach Feiern zumute, aber ein letzter Rest Alltag müsse trotz Krieg sein. Seine Tochter wurde gestern sechs, sein Sohn wird heute acht.

Am Tag, als der Kleine zur Welt kam, verfasste der 46-Jährige seinen ersten Blogbeitrag auf Deutsch. Das war 2014. «Es gilt, Putin jetzt zu stoppen. Jegliche Zögerung wird zu immer schwereren Konsequenzen für die ganze Welt führen», schrieb er. Dann klappte er den Laptop zu und fuhr seine schwangere Frau ins Spital. Später hisste er auf dem Balkon die blau-gelbe Fahne. Es war der Frühling, in dem Putin die Krim annektierte.

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Jetzt hat Putin die Ukraine überfallen. Ein Angriff auf ihr Land auch für die mehr als 7000 Ukrainerinnen und Ukrainer, die in der Schweiz leben. IT-Berater wie Volkov, Professorinnen und Putzhilfen, Ehefrauen und Grossväter. Plötzlich sind auch sie im Krieg. Mittendrin und doch aussen vor. Gefordert wie nie. «Der Krieg in der Ukraine hat unser Leben auf den Kopf gestellt», sagt Volkov. «Das gilt für jeden und jede von uns.»

Ein bisschen Leben

Wauwil LU: In Lwiw hatte Halyna Chop Muff nie Blumen. Als Journalistin habe sie keine Zeit gehabt, sich um Pflanzen zu kümmern, erzählt die 33-Jährige. Heute zieren zwei pinke Orchideen ihr Küchenfenster. Es tue ihr gut, etwas am Leben zu erhalten, wo in ihrer Heimat nur Zerstörung herrsche.

«Meine Mutter trat aus dem Zimmer und weinte. Sie sagte: ‹Wir sind im Krieg.›»

Halyna Chop Muff, fotografiert in Wauwil LU

Halyna Chop Muff

Quelle: Gabi Vogt

Der Krieg kam für Chop frühmorgens aus dem Gästezimmer. Ihre Mutter ist dort einquartiert, schon seit fünf Wochen. Sie kam, als die Lage in der Ukraine bedrohlich wurde, und besuchte die Enkelkinder, solange sie noch konnte. «Meine Mutter trat aus dem Zimmer und weinte. Sie sagte: ‹Halyna, wir sind im Krieg.›» Sie stockt, als sie die Worte der Mutter wiederholt. Als könnte sie es noch immer nicht fassen. 

Sofort rief sie ihren Stiefvater und ihre beiden Brüder an. Sie leben in Tscherwonohrad, einer Stadt im Westen der Ukraine, nahe der polnischen Grenze. Chop lebte bis vor fünf Jahren in Lwiw. Bei einem Freiwilligenprogramm im Berner Oberland lernte sie ihren Mann kennen, einen Koch aus Luzern. Nach den Anrufen sei sie in die Küche gegangen, Kokosnuss-Guetsli backen mit ihren dreijährigen Zwillingen. Die verkaufte sie in der Nachbarschaft. Um Spenden zu sammeln – vor allem aber, um irgendwie mit ihrer Hilflosigkeit klarzukommen.

Alle Kanister verschenkt

Ihre Familie in der Ukraine hilft, wo sie kann. Der Vater fährt Hilfsgüter aus Polen ins Landesinnere. Die Brüder besorgen Essen, Kaffee und Mitfahrgelegenheiten für Menschen auf der Flucht. Ein Bruder, Inhaber eines Ladens für Autozubehör, hat alle Öl- und Benzinkanister verschenkt. Die Leute bauten daraus Molotowcocktails. Ihr Cousin ist Soldat. Er kämpft an der Front, sie weiss nicht, wo. Aus Sicherheitsgründen darf er keinen Kontakt zur Familie haben. Nur ab und zu schreibt er seiner Mutter, er lebe noch.

Auch Chop will nicht tatenlos zusehen. Bisher sei sie in der Schweiz etwas orientierungslos gewesen. Der Krieg habe sie verändert. «Ich bin fokussierter, zielstrebiger.» Die frühere Journalistin teilt Informationen auf Facebook und vernetzt Flüchtende mit Helfern. Später will sie helfen, ihr Land wiederaufzubauen. Von der Schweiz aus, aber auch vor Ort. Eine Lebensaufgabe.

Täglich hält sie Kontakt zur Heimat. Auch jetzt klingelt immer wieder das Telefon. Oft ertrage sie die Berichte von Freunden und Verwandten nur schwer. Beim Erzählen kommen ihr die Tränen. Sie wischt sie schnell weg, als die Buben in die Wohnung stürmen, in dicken Jacken und mit blauen Mützen. «Sie leiden schon genug», sagt sie. Immer wieder fragen sie, warum Mutter und Grossmutter weinen. «Meine Mutter sagte ihnen, die Ukraine sei verletzt.»

Manchmal hält sie die Distanz kaum aus, will hinfahren. Dann sagt ihr Mann: «Du hast Kinder, du kannst nicht in den Krieg.»

Spezialistin für Fake News

Rohr AG: «Hallo Frühling», verkündet das Schild am Blumengesteck auf Anastasiia Grynkos Esstisch. Doch die Schneeglöcklein sind vertrocknet. 

Die 37-Jährige ist Kommunikationsforscherin, spezialisiert auf Krisen und Fake News Fake News im Ukrainekrieg Bleiben Sie skeptisch! . Und sie ist Ukrainerin. Eine aufreibende Kombination. Informationen aus ukrainischen, russischen und internationalen Medien, die sie beruflich analysiert, vermischen sich mit Meldungen von Freunden und Verwandten. «Die vergangenen Wochen waren die anstrengendsten in meinem Leben», sagt sie. Ihre Töchter sind zehn und anderthalb Jahre alt. Die Worte sprudeln nur so aus ihr heraus. «Seit Krieg ist, schlafe ich wenig und trinke viel Kaffee.»

«Leute, die wir kaum kennen, bieten Hilfe an. Aber unsere russischen Freunde schweigen.»

Anastasiia Grynko

Anastasiia Grynko

Quelle: Gabi Vogt

Als Wissenschaftlerin fasziniert Anastasiia Grynko, wie sich ihre Theorien jetzt bestätigen. Zugleich falle es ihr schwer, Distanz zu halten, wie sie das als Forscherin eigentlich müsste. Sie kann keinen kühlen Kopf bewahren, wenn sie die Bilder zerstörter Strassenzüge sieht. Es bricht ihr das Herz, wenn eine Freundin schreibt, wie sie mit ihrem Jungen vergeblich einen Fluchtweg sucht. Ihrem Co-Dozenten an der Hochschule Luzern habe sie aufgetragen, alles kritisch zu prüfen, was sie beruflich zum Thema mache.

Zu Hause ist alles anders. Seit dem 17. Februar lebt Grynkos Mutter im Gästezimmer. Der Vater wollte nicht fliehen. Der Gedanke, dass ihre Mutter als Kriegsflüchtling bei ihr ist? «Unwirklich!»

Auch der 15-jährige Ostap wohnt im Moment bei Grynko und ihrem Mann. Er ist der Sohn eines befreundeten Paars, sie arbeitet als Ärztin, er bei einer Zeitung. Beide wollen in der Ukraine bleiben, man brauche sie jetzt dort. «Ich bin extrem stolz auf alle, die unser Land verteidigen», sagt Grynko. Zugleich fühle sie sich hilflos.

Die Wahrheit finden

Dass in Russland so viele der Staatspropaganda glauben, macht sie wütend. «Ich kann alle verstehen, die sich nicht öffentlich zu wehren wagen. Wenn man aber nicht bereit ist, Nachrichten zu hinterfragen, wird es schwierig. Die Wahrheit findet man relativ schnell, wenn man will.» Die Situation belaste auch das Verhältnis zu russischen Freunden in der Schweiz. Einige hätten bis jetzt nicht angerufen, nichts gefragt. «Leute, die wir kaum kennen, melden sich und bieten Hilfe an. Aber unsere russischen Freunde schweigen.»

Im Wohnzimmer hängt das Gemälde einer Tante, die Künstlerin ist. Es zeigt den Kosaken Mamaj – eine Figur aus der ukrainischen Volkskultur. Er symbolisiert den Freiheits- und Kampfeswillen der Ukrainerinnen und Ukrainer. Er hängt schon lange da an der Wand. Doch noch nie war er so präsent wie in diesen Wochen.

Brav sein

Lachen SZ: Im Haus von Sasha Volkov, dem IT-Berater, sind die Wände tapeziert mit Zeichnungen seiner Kinder. «Ich habe sie gebeten, jetzt besonders brav zu sein.» Er hat weniger Zeit für die Familie. Geburtstagskuchen liegt drin, eine Feier kaum. 

Stattdessen: Messenger, Laptop, Telefon. Ständig vibriert oder klingelt etwas. Volkov lebt seit über 20 Jahren in der Schweiz, ist aber mit der Ukraine verbunden geblieben. Verschlang News, sprach mit Journalisten und vernetzte sich – vor allem nach der Besetzung der Krim. Trotzdem war er lange ein Mann ohne Stimme. 

«Die Arbeit hier ist effizienter als das, was ich an der Front tun könnte.»

Sasha Volkov

Sasha Volkov

Quelle: Gabi Vogt

Der Krieg hat den 46-Jährigen in die Öffentlichkeit katapultiert. Plötzlich gilt er als genauer Beobachter seiner Heimat, als scharfer Kritiker Putins. Tritt an Demos auf, spricht an Podien und im Fernsehen. «Kommen Sie gleich nach dem Mittag», sagt Volkov am Telefon, der Terminkalender ist voll. Zwei Stunden später spricht er vom Krieg – in einer Stube voller Spielsachen.

Volkov weiss nicht, wo er beginnen soll. Bei der orangen Revolution oder den Maidan-Protesten? Bei Selenski oder Putin? Er spricht schnell, fast gehetzt. Das Wissen muss raus, die ganzen Frustrationen gleich mit. Dazwischen kocht er literweise Rooibostee. «Seit Kriegsbeginn trinke ich weder Kaffee noch Alkohol, sonst kann ich nicht schlafen.» 

Tagsüber ist er manchmal so nervös, dass nur noch Joggen hilft. Eine Stunde ums Dorf, bis der Körper erschöpft und der Kopf entspannt ist. «Ich bin zum Glück ziemlich stressresistent und habe schon immer viel gearbeitet.» Sein Arbeitgeber, die Swisscom, habe viel Verständnis. Solange der IT-Berater seine Aufgaben erledigt, darf er sich tagsüber auch mal der Ukraine widmen.  

«Wir können Putin nur aufhalten, wenn der Westen vereint agiert», sagt er. Schon vor acht Jahren forderte er auf seinem Blog Sanktionen, den Boykott von Erdöl, die Sperrung privater Konten. Das verlangt er noch immer – jetzt als Sprachrohr der ukrainischen Diaspora. Auf jeder Plattform, die ihm geboten wird. «Ich sehe das als meine Pflicht. Die Arbeit hier ist effizienter als das, was ich an der Front tun könnte.» Leute mobilisieren, Unterstützung finden, Netzwerke knüpfen. Widerstand leisten – irgendwie.

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