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VergebungWann gelingt es, zu verzeihen?

Vergeben, versöhnen, verzeihen: Das gelingt, wenn wir der Spirale aus Schuld und Sühne entkommen, erklärt die Philosophin Svenja Flasspöhler.

Wer verzeiht, kann endlich wieder frei atmen. Philosophin Svenja Flasspöhler: «Es fühlt sich an, wie die Baumgrenze zu überschreiten.»
von aktualisiert am 23. November 2017

Beobachter: Sie haben ein Buch über das Verzeihen geschrieben. Warum haben Sie es Ihrer Mutter gewidmet?
Svenja Flasspöhler: Meine Mutter hat die Familie verlassen, als ich 14 Jahre alt war. Sie hat daraufhin den Kontakt zu mir und meiner Schwester abgebrochen. Das hat mich lange beschäftigt.

Beobachter: Haben Sie ihr verziehen?
Flasspöhler: Seit einigen Jahren haben wir wieder Kontakt. Als meine Tochter etwa vier Jahre alt war, realisierte ich, dass ich nicht mehr den Wunsch verspüre, sie zur Rede zu stellen oder eine Entschuldigung von ihr zu hören. Da habe ich mich gefragt, ob ich ihr verzeihe – oder nur verdränge?

Beobachter: Warum fällt Verzeihen oft so schwer?
Flasspöhler: Weil man es nicht willentlich tun kann. Und weil es eine fundamentale Logik unserer Gesellschaft durchbricht, die Tauschwertlogik. Sie besagt: Du hast dich schuldig gemacht, jetzt musst du dafür bezahlen. Das Verzeihen durchbricht diesen Schuldausgleich. Daher hat Verzeihen auch nichts mit Gerechtigkeit zu tun: Jemand bekommt für seine Tat eben gerade nicht die Quittung. Man befreit ihn aus diesem Zusammenhang.

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Beobachter: Gibt es einen Unterschied zwischen Verzeihen und Vergeben?
Flasspöhler: Die deutsche Sprache macht hier einen interessanten Unterschied: Verzeihen meint den Verzicht auf Vergeltung. Vergeben kommt vom Begriff Gabe und betont einen anderen Aspekt: Man macht jemandem ein Geschenk. In der Regel vergibt Gott, und wir Menschen verzeihen.

Beobachter: Und was bedeutet Versöhnung?
Flasspöhler: Der französische Philosoph Jacques Derrida hat herausgearbeitet, dass das Versöhnen immer den anderen braucht, es spielt sich zwischen zwei Subjekten ab, die sich wechselseitig verstehen. Das Verzeihen hingegen braucht den anderen nicht unbedingt. Ich kann auch jemandem verzeihen, der schon tot ist. Für Derrida ist das «reine» Verzeihen etwas Radikales. Es braucht dafür keine Bedingungen. Der Täter muss weder seine Schuld eingestehen noch Reue zeigen. Denn wenn man das einfordert, wäre man wieder in der Tauschwertlogik. Aber natürlich ist das nur ein Ideal.

Beobachter: Haben Sie sich mit Ihrer Mutter versöhnt?
Flasspöhler: Der Prozess ist in Gang gekommen. Auch wenn wir uns nicht einmal ausgesprochen haben. Aber es gibt den unbedingten Wunsch von uns beiden, dass wir in den Jahren, die uns noch bleiben, am Leben des anderen teilhaben – soweit es uns möglich ist.

Beobachter: Wann gelingt Verzeihen?
Flasspöhler: In meinem Buch nehme ich drei Bedingungen in den Blick: Verstehen, Lieben und Vergessen. Es wäre aber falsch, zu sagen: Wenn du verstehst, liebst, vergisst, dann gelingt das Verzeihen. Dem Verzeihen wohnt Unverfügbares inne, wie einem Kunstwerk. Um ein Bild zu malen, brauchen Sie eine Leinwand, Pinsel, Farbe, aber das heisst nicht, dass Ihnen das Bild gelingt.

«Vielleicht muss man erst vergeben, damit sich der andere mit seiner Schuld auseinandersetzen kann.»


Svenja Flasspöhler, 42, Philosophin

Beobachter: Haben Sie jemals verstanden, warum Ihre Mutter den Kontakt abgebrochen hat?
Flasspöhler: Ich kann nachvollziehen, dass sie noch einmal ganz neu anfangen wollte – aber ich kann ihr Handeln trotzdem nur bis zu einem gewissen Punkt verstehen. Danach kommt das Verzeihen ins Spiel. Denn der Akt des Verzeihens ergibt ja nur Sinn, wenn eine Schuld vorliegt.

Beobachter: Im religiösen Kontext wird uns nur vergeben, wenn wir bereuen. Wie wichtig ist die Reue beim weltlichen Verzeihen?
Flasspöhler: Aus meiner Sicht sollte sie keine Bedingung für das Verzeihen sein, weil man dann in der Logik verharrt, die man überwinden will. Man verlangt etwas, bevor man gibt. Vielleicht muss man es genau umgekehrt sehen: Wir müssen zuerst vergeben, damit sich beim anderen eine Verhärtung lösen kann und sich eine Bereitschaft einstellt, sich mit der eigenen Schuld auseinanderzusetzen.

Beobachter: Der Täter profitiert also, wenn ich ihm verzeihe. Habe ich auch einen Gewinn davon?
Flasspöhler: In der Regel sicherlich. Gisela Mayer, die ihre Tochter 2009 bei dem Amoklauf in Winnenden bei Stuttgart verloren hat, hat das sehr schön beschrieben: Wenn Sie verzeihen, ist das so, wie wenn Sie die Baumgrenze überschreiten. Sie können endlich wieder atmen, haben Weitsicht, können in die Zukunft sehen, sind nicht mehr in dieser Enge, diesem Hass gefangen. Ja, das Verzeihen geht meistens mit einer Befreiung einher.

Zur Person

Svenja Flasspöhler, 42, ist promovierte Philosophin und leitende Redaktorin bei Deutschlandfunk Kultur. Ab Januar ist sie Chefredaktorin des «Philosophie-Magazins». Ihr Buch «Verzeihen. Vom Umgang mit Schuld» ist 2016 bei DVA erschienen.

Svenja Flasspöhler

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1 Kommentar

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tessa
Jacques Derrida hat aber auch gesagt, dass einzig das Unverzeihbare nach Verzeihung ruft… Ich sehe es wie die Buddhisten. Vergeben heißt nicht, dass wir verdrängen und vergessen, was in der Vergangenheit passiert ist, erst recht nicht, dass wir es billigen. Vergeben heißt auch nicht, dass wir mit dem Täter sprechen müssen. Es geht dabei um uns, nicht um den Anderen. Vergebung sagt ja zu unseren Gefühlen und nein dazu, dass so etwas nochmal passiert.