Zur Person

David Ehm ist Facharzt für ­Gynäkologie und Geburtshilfe. Er präsidiert die Schweizerische ­Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (SGGG).

Quelle: PD (Pressedienst)

Beobachter: Immer mehr Frauen ­misstrauen der Pille. Was läuft schief
David Ehm: Das ist eine gesellschaft­liche Entwicklung. Die zunehmende Skepsis gegenüber der Pille ordne ich dem allgemeinen Misstrauen zu, das Ärzten, Schulmedizin, Antibiotika und Impfungen entgegenschlägt. Auch die Verschreibung von anderen Hormonen, ­etwa Kortison, nehmen Patienten sehr kritisch auf. Wenn ich das verordne, ernte ich oft skeptische Blicke: «Der Typ ist die ganze Zeit korrekt gewesen, aber jetzt will er mich umbringen!»

Beobachter: Ist das Misstrauen gegenüber der Pille berechtigt?
Ehm: Nein. Aus meiner Sicht nicht.

Beobachter: Im Herbst 2016 zeigte eine dänische Studie, dass hormonell verhütende Frauen eine erhöhte Anfälligkeit für Depressionen haben. Ist denn das reine Angstmacherei?
Ehm: Im Gegenteil. Die Studie ist absolut wegweisend. Depressionen und Stimmungsschwankungen sind Nebenwirkungen der hor­monellen Verhütung, die ­Frauenärzten seit Jahren bekannt sind. Forschungen in diese Richtung sind wichtig. Alle Gynäkologinnen und Gynäkologen sollten die ­Ergebnisse dieser Studie in ihre Verschreibungspraxis einflies­sen lassen.

Beobachter: Inwiefern?
Ehm: Laut der Studie können vor allem Präparate Depressionen auslösen, bei denen das Gestagen dominiert. Frauen, die schon ­ohne Pille unter depressiven Verstimmungen leiden, sollten wir ­also auf keinen Fall ­solche ­Mittel verschreiben. Viel eher sollte man ihnen etwas Hormonfreies empfehlen.

Beobachter: Wird sich die Verschreibungspraxis wirklich ändern
Ehm: Momentan sind wir daran, die Merkblätter und Empfehlungsschreiben der Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe zu überarbeiten.

Beobachter: Trotzdem halten Sie die Skepsis gegenüber der Pille für nicht berechtigt.
Ehm: Idealerweise nimmt man ja gar nichts ein – das birgt keine Neben­wirkungen. Die Pille hat selbstverständlich ihre Risiken und unerwünschten Wirkungen. Aber sie ist ­eine der sichersten und besten Ver­hütungsmethoden, die wir Frauen bieten können. Es ist wie mit dem ­Autofahren: Im besten Fall kommen wir trocken und sicher zu Hause an, im schlimmsten Fall landen wir im Paraplegikerzentrum. Trotzdem steigen wir immer wieder ins ­Auto. Mit ­Risiken umzugehen gehört zu unserem Alltag.

Beobachter: Wissen junge Frauen, die zum ersten Mal eine Pille verschrieben bekommen, überhaupt genug, um die Risiken richtig einschätzen zu können?
Ehm: Als Frauenärzte sind wir in der Pflicht, mit den jungen Frauen über die Vor- und Nachteile der verschiedenen Verhütungsmethoden zu sprechen. Dazu gehören das Thromboserisiko und ­zukünftig natürlich auch die psychischen Nebenwirkungen.

«Idealerweise nimmt man gar nichts ein – das birgt keine Nebenwirkungen.»

Beobachter: Es gibt immer wieder Frauen, die sagen, dass sie nie solche Informationen ­erhalten haben.
Ehm: Als Gynäkologie-Gesellschaft können wir nur Empfehlungen he­rausgeben. Wir wissen schon, dass Kollegen teils nicht oft in diese Guidelines schauen. Es gibt einzelne Frauenärzte, die einfach den Rezeptblock hervornehmen und die Pille verschreiben, ohne zu ­informieren, ­ohne den familiären Hintergrund medizinisch abzuklären. Ich habe auch schon ­eine 21-Jährige angetroffen, die schwanger geworden war, weil sie und ihr Freund abwechselnd die Pille nahmen. Da hat ein Gynäkologe seine Informa­tionspflicht massiv verletzt.

Beobachter: Frauen sind zu wenig aufgeklärt in Sachen ­Verhütung?
Ehm: Ja. Dafür sind aber nicht nur die Frauenärzte verantwortlich.

Beobachter: Sondern?
Ehm: Die Gesellschaft, die Mütter, die Schulen. Und un­bedingt auch die Medien. Wir Frauenärzte haben zwar die Verantwortung für die einzelne Patientin. Aber es ist nicht unsere Auf­gabe, die Gesellschaft ­generell über Verhütung aufzuklären.

Beobachter: Beeinflussen denn Schlagzeilen, wie Frauen über die Pille denken?
Ehm: Ja, und zwar extrem. Nach jeder Schlagzeile über das Risiko der Pille steigt an der Frauenklinik in Bern die Zahl der Abtreibungen. Es ist zwar ­tragisch, aber oft reicht ein Blick auf eine überspitzte Schlagzeile, und ­junge Frauen stoppen die Einnahme der Pille augenblicklich. Natürlich gibt es auch Frauen, die nachdenklicher sind und ihre Bedenken zuerst mit dem Gynäkologen besprechen. Aber solche Schlagzeilen zeigen Wirkung. Und wir Frauenärzte haben langsam genug ­davon.

Beobachter: Welche Verhütungsmethode verordnen Sie, wenn Sie nicht die Antibabypille verschreiben?
Ehm: Ja, was ist denn eine gute Alternative zur Pille? Die Spirale ist zwar sehr ­sicher, aber es ist abenteuerlich, einer jungen Frau ein solches Produkt ­reinzumachen. Denn es tut weh und traumatisiert. Manchmal ist man als Gynäkologe verzweifelt. Die Frauen wollen eine verlässliche, sichere Verhütung. Aber sie darf keine einzige ­Nebenwirkung haben. Dazu muss ich sagen: Die Pille ist und bleibt ein ­Medikament. Das darf man einfach nicht ver­gessen. Kein Sugus, kein Smartie, sondern ein Medikament, das eine Schwangerschaft verhütet. Und das ist nicht gerade nichts.

Beobachter: Gibt es denn überhaupt eine ideale ­Verhütung?
Ehm: Klar. Ideal ist ganz ohne Chemie. Ich halte etwa die Verhütungscomputer für ­eine ­sichere und super Lösung. Allgemein ist alles ohne Nebenwir­kungen super. Nur nicht für eine ­lebenslustige, mitten in der Ausbildung stehende 16-Jährige. Die Alternative – Abtreibung – ist immer eine psychologische Katastrophe. Dessen muss man sich immer bewusst sein, trotz allen Nebenwirkungen der hormonellen Verhütung.

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