Spitzenkampf, es geht um den Aufstieg: Unterbäch gegen Zermatt 2. Wenn der Herbst kommt, stehen in der Oberwalliser Bergdorfmeisterschaft (BDM) die Entscheidungen an. «Wir wollen rauf», hat Michael Briw in der Unterbächner Dorfbeiz die Parole durchgegeben. Jetzt steht er an diesem milden Sonntag in kurzen Hosen auf dem Fussballplatz. Briw ist bei den Gastgebern Präsident und Mittelfeldspieler in einem.

Die Akteure sind noch am Aufwärmen, da passiert das Unweigerliche bereits. Der erste Ball fliegt übers Fangnetz und verschwindet in Richtung Rhonetal. Der unglückliche Schütze eilt hinterher und wird so lange nicht mehr gesehen, dass er die Kabinenansprache verpasst. Bis zur 17. Spielminute gibt es noch keine Tore, aber schon drei solche Ballverluste – hoch geschossen, tief gefallen, lange danach gesucht.

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Im Publikum grinsen sie nur schief: So ist das halt in unserer Meisterschaft. Klein die Plätze, stotzig die Abhänge drum herum. Und himmlisch die Aussicht in die Berge, wie hier hoch über Visp, wo die örtliche Pfarrei den Fussballern ein Stück Land für ihr gänzlich weltliches Tun überlassen hat.

«Ausländer» werden gedeckelt

Die BDM findet ausserhalb aller Verbandsstrukturen statt und ist zweifellos die wunderlichste Fussballliga der Schweiz. In der eben abgeschlossenen Saison haben 27 Teams aus Oberwalliser Minidörfern ihre Meister bei den Männern (Gamsen), den Frauen (Guttet-Feschel) und den Senioren (Gspon) gekürt; dazu die Gewinner in den Cup- und Juniorenwettbewerben. Weil der nationale Fussballverband nichts zu sagen hat, läuft hier einiges anders (siehe «Spezialregeln am Berg»). Zum Beispiel beginnt die Spielzeit dann, wenn sie im restlichen Land zu Ende geht: im späten Frühjahr – sobald die letzten Plätze vom Schnee befreit sind. 

«Bei uns engagieren sich Leute, denen ihr Dorf nicht egal ist.»

Aaron Näpfli, Präsident des Vereins Bergdorfmeisterschaft

Die Bergdorfliga ist auch eine Meisterschaft der Einheimischen. Laut Reglement dürfen pro Team höchstens zwei Spieler gleichzeitig auf dem Platz stehen, die nicht in der Region daheim sind. Diese Nichtoberwalliser gelten generell als «Ausländer».

«Zürcher haben bei uns den Ausländerstatus», sagt Aaron Näpfli, der den organisierenden Verein BDM seit 2019 präsidiert; ein Schmunzeln kann er sich dabei nicht verkneifen. Ein regeltechnischer Anachronismus, aber für Näpfli ein wesentlicher Grund dafür, dass diese «soziale Maschine», wie das Magazin «Zwölf» einmal titelte, überhaupt läuft. «Bei uns engagieren sich Leute, denen ihr Dorf nicht egal ist», sagt der 30-Jährige, selbstredend ein Oberwalliser.

183 Spiele

Näpfli, selber nie Spieler, aber lange Schiedsrichter, rechnet nach, dass allein in dieser Saison 158 Meisterschafts- und 25 Cupspiele ausgetragen wurden. Das heisst: 183-mal ein sozialer Event in abgelegenen Dörfern, in denen sonst wenig läuft.

Auch beim Spitzenkampf in Unterbäch hat der gemütliche Teil inzwischen Betriebstemperatur erreicht. In der Buvette gehen Bier und Wein über den Tresen, der Racletteofen glüht. Zähflüssig läuft es auf dem Rasen: Unterbächner und Zermatter verkeilen sich ineinander, mehr Kampf als Kunst. Weitere Bälle gehen verloren, Goals bleiben Fehlanzeige. Nach je einer roten Karte wird es am Schluss hektisch, und in der letzten Spielminute gelingt dem Heimteam der entscheidende Treffer. 

Aaron Naepfli, Praesident Bergdorfmeisterschaft, posiert fuer ein Portrait nach dem Fussballmatch FC Unterbaech gegen FC Zermatt 2 der Bergdorfmeisterschaft, in Unterbaech, Wallis, am Sonntag, 28. August 2022. (Foto: Dominic Steinmann)

Aaron Näpfli, Präsident des Vereins Bergdorfmeisterschaft: «Bei uns engagieren sich Leute, denen ihr Dorf nicht egal ist.»

Quelle: Dominic Steinmann

Bier kommt vor Dusche

Der Sieg, der den FCU dem anvisierten Aufstieg für den Moment ein Stück näher bringt (am Ende sollte es dann doch nicht reichen), wird standesgemäss gefeiert. Noch bevor die Kicker in Grün und Schwarz zum Duschen in die Kabine gehen, machen sie sich über einen Harass Bier her. Spielerpräsident Michael Briw gönnt sich eine Siegerzigarette. 

Der 33-Jährige ist in Unterbäch aufgewachsen und lebt heute noch hier, wie die meisten aus seiner Equipe. Als Junior hat er ambitioniert beim FC Raron gespielt, unten im Tal. Ab 19 muss man sich festlegen: weiter in der «normalen» Liga kicken oder nur noch Bergdorfmeisterschaft. Briw hat den Entscheid für Letzteres schnell gefällt. «Mit Kollegen aus meinem Heimatdorf zu spielen, hat mich mehr gereizt.» 

Wichtig ist ihm, damit einen Beitrag zum gesellschaftlichen Leben zu leisten – darum engagiert er sich als Präsident. An den Heimspielen und am «FCU-Volksturnier» trifft sich Jung und Alt. «Wir haben über den Sport hinaus eine identitätsstiftende Funktion», ist Briw überzeugt. 

«Die Plätze sind klein, und es gibt kein Offside, das macht es intensiv.»

Michael Briw, Präsident und Mittelfeldspieler FC Unterbäch

Den FC gibt es in Unterbäch seit 1986. Zurzeit hat er 25 Aktivmitglieder – genug, um eine Mannschaft für den regelmässigen Spiel- und Trainingsbetrieb zusammenzustellen. Selbstverständlich ist das nicht in einer Berggemeinde mit 450 Einwohnerinnen und Einwohnern. Briw mag sich an Zeiten erinnern, als an den Matchtagen noch einzeln Leute in den Beizen eingesammelt werden mussten, um überhaupt genügend Spieler auf den Platz zu bringen. 

Was braucht es, um in der Bergdorfliga zu spielen? Fest steht: Ein Kindergeburtstag ist die BDM nicht. Zweikampfstärke ist von Vorteil, filigrane Technik eher Zugabe. «Die Plätze sind klein, und es gibt kein Offside, das macht es intensiv», sagt Michael Briw.

Eine Plauschliga sei es keinesfalls, das Niveau sei in den letzten Jahren gestiegen. Was nicht heisst, dass die Ernsthaftigkeit gleich überbordet. Briw kommt eine kuriose Episode in den Sinn: Als der Trainer einen Unterbächner Spieler aufs Feld schicken will, der sonst wenig Einsatzzeit hat, bleibt dieser störrisch auf der Reservebank sitzen. Begründung: «Zuerst esse ich hier mein Raclette fertig.» Mehr Wallis geht gar nicht.

Ein Spieler vom FC Unterbaech streicht Raclette nach dem Fussballmatch FC Unterbaech gegen FC Zermatt 2 der Bergdorfmeisterschaft, in Unterbaech, Wallis, am Sonntag, 28. August 2022. (Foto: Dominic Steinmann)

Ohne Raclette läuft im Wallis nichts: Ein Helfer an der Arbeit.

Quelle: Dominic Steinmann

Gegründet wurde die Liga 1984. Bis dahin gab es in der Region nur Dorfkämpfe an Grümpelturnieren, bei denen es der Legende nach öfter ruppig zuging. Der eigene Wettbewerb war der Versuch, diese verwilderte Form des Fussballs in geordnete Bahnen zu lenken. Und vor allem sollte damit eine Alternative geschaffen werden für Kleinstgemeinden, die nicht genügend Geld, Spieler und geeignete Infrastruktur hatten, um an der offiziellen Verbandsmeisterschaft teilzunehmen. Diese Leitidee gilt bis heute.

Fehlende Jahrgänge

In bald 40 Jahren hat sich die eigenständige Fussballkultur im Oberwallis prächtig entwickelt. Vielerorts entstanden in Fronarbeit neue Clubhäuser, teils wird heute sogar auf Kunstrasen gespielt. Zeitweise nahmen über 40 Teams an der BDM teil, zuletzt hat sich dieser Wert bei 25 bis 30 eingependelt. Im kleinen Reservoir der Bevölkerung immer genügend Akteure zu finden, ist eine Herausforderung geblieben, sagt BDM-Präsident Aaron Näpfli. «Zwischendurch fehlen in einem Dorf die Jahrgänge.» Dann muss sich ein Team zurückziehen.

So gibt es seit dieser Saison keine Mannschaft aus Randa mehr. Im 430-Einwohner-Dorf weit hinten im Mattertal liessen sich zwar immer genug Junioren finden, doch das Aktivteam im gehobeneren Alter bröckelte in den letzten Jahren zusehends auseinander. Die Zwangspause durch Corona besorgte den Rest. «Wir konnten die Truppe nicht mehr reaktivieren», sagt Vereinspräsident Samuel Zumtaugwald.

Die Bratwurst-Skala

Dennoch ist er ein glücklicher Präsident – schliesslich hat Randa ja noch seine Frauen. Darum steht an diesem Freitagabend in pinkem Dress eine Frauschaft auf dem Feld, der die Lust auf Fussball schon beim Einlaufen anzumerken ist. «Chomed, Wiiber!», machen sie sich gegenseitig stark.

Die Begeisterung färbt ab, auf dem von schroffen Felswänden umgebenen Platz hat es erstaunlich viel Volk. «Die Frauen sind ein Publikumsmagnet», sagt Zumtaugwald. «Schon beim ersten Match haben wir mehr Bratwürste verkauft als in der ganzen letzten Saison bei den Männern.»

Samuel Zumtaugwald, Praesident FC Randa, posiert fuer ein Portrait in der Spielpause waehrend dem Fussballmatch FC Randa gegen FC Eischoll der Bergdorfmeisterschaft, in Randa, Wallis, am Freitag, 16. September 2022. (Foto: Dominic Steinmann)

Samuel Zumtaugwald, Präsident des FC Randa: «Ein solches Projekt kann nur funktionieren, wenn alle mithelfen.»

Quelle: Dominic Steinmann

Einige der Spielerinnen haben im vergangenen Herbst zum ersten Mal überhaupt Fussball gespielt. Jetzt sind sie Teil eines Teams, das gut genug ist, schon in der ersten Saison auf den dritten Schlussrang zu kommen. Auch die heutigen Gegnerinnen vom FC Eischoll ziehen den Kürzeren – 1 : 0 für Randa. Samuel Zumtaugwald ist während des ganzen Spiels nervös durch die Zuschauerreihen getigert, da ein Schwatz, dort einer. Am Schluss strahlt er, stolz wie ein Hahn im Korb – der er in diesem Verein irgendwie auch ist.

Der 31-Jährige, ein blonder Schlaks, hat an der ETH Elektrotechnik studiert und ist in Zürich hängen geblieben. Aber trotzdem kommt er nicht los von seinem Heimatdorf. Hier findet er den Gemeinsinn, ohne den es einen Fussballclub mitten in den Bergen nicht gäbe. «Ein solches Projekt kann nur funktionieren, wenn alle mithelfen», sagt er. Zumtaugwald denkt an die Leute im Vorstand, an den Schreiner, der die Leibchen sponsert, an den Dorfladen, wo es fast zu jeder Nachtzeit noch neues Bier gibt, wenn alles ausgetrunken ist. Denn: «Die Feste hier oben dauern manchmal länger.

 

Spezialregeln am Berg

An der Bergdorfmeisterschaft wird nach den Regeln des Schweizerischen Fussballverbands gespielt – mit einigen Ausnahmen:

  • Kleinere Felder: Die Regularien sind hier recht flexibel – das Spielfeld sollte «in etwa die Masse 35–45 m × 60–80 m» haben. Ein gewöhnlicher Platz hat Normgrösse 100 × 64 m. 
  • Kürzere «Elfmeter»: «7 m vor dem Tor, jedoch maximal auf der 16-Meter-Linie».
  • Weniger Spieler: Die «Elf» besteht aus acht Leuten: sieben Feldspieler oder Feldspielerinnen plus Goalie.
  • Kleinere Tore: nicht die klassischen 7,32 × 2,44 m, sondern 5 × 2 m.
  • Einheimische bevorzugt: Spielberechtigt ist in erster Linie, wer seinen Hauptwohnsitz in der Bergdorfmeisterschaft-Region hat oder Burger von hier ist – alle anderen gelten als «Ausländer».

Oberwalliser Bergdorf-Liga (BDM)

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Die Bergdorf-Liga ist eine Meisterschaft der Einheimischen. Pro Team dürfen höchstens zwei Spieler auf dem Platz stehen, die nicht in der Region daheim sind. Diese Nicht-Oberwalliser gelten generell als «Ausländer».

Quelle: Daniel Benz

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Quelle: Beobachter
Beobachter-Spezial

In rund einem Monat beginnt in Katar die Weltmeisterschaft. Fussball ist aber mehr als Spitzensport und Big Business. Doch was ist er eigentlich? Der Beobachter hat sich umgesehen – und den Fussball in seiner ganzen Vielfalt angetroffen. Zum Beispiel an der Bergdorfmeisterschaft im Wallis und in den launigen Erzählungen der Reporterlegende Beni Thurnheer; unterwegs mit einem Groundhopper oder bei einem Juniorentrainer, der auch Sozialarbeiter und Ermutiger ist. Geschichten über den etwas anderen, den echten Fussball. Über die Gefühle, die er weckt, und die Menschen, die ihn ausmachen. Mit schönen Grüssen nach Katar: das Beobachter Spezial «Unser Fussball» inklusive Video, Audio und Wettbewerb.

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