Klischee-fromm ist Frau Mutter nicht. Und der Teufel kann manchmal auch ganz praktisch sein, findet sie. «So ist da immer jemand, auf den man die Schuld abschieben kann.» Nur ein kleines Grübchen am Mundwinkel verrät den Schalk.

Schwester Regula Scheidegger, Leiterin der Solothurner Spitalschwestern, 82 Jahre alt, passt nicht ins Bild einer Nonne. Sie trägt bunte Schals statt Ordenstracht und wählt sich am Abend in Zoom-Klassen zu feministischer Theologie ein. Vom Beten im stillen Kämmerchen hält Frau Mutter wenig. Von den patriarchalen Strukturen ihrer Kirche noch weniger.

«Verehrte Brüder im Bischofsamt. [...] Die Kirche hält daran fest, dass es aus prinzipiellen Gründen nicht zulässig ist, Frauen zur Priesterweihe zuzulassen.» (Ausschnitte aus: Papst Johannes Paul II., Enzyklika «Ordinatio Sacerdotalis», Mai 1994)

«Frauen – das sind, wenn es nach der göttlichen Ordnung in Rom gehen würde, lediglich die Helferinnen im Hintergrund. Ohne Stimme, ohne Handlungsspielraum, ohne Verantwortung. Und eingeschränkt von den Strukturen und Regeln, die diese Klerikerkirche uns auferlegt hat.» Regula Scheidegger greift zu ihrem Kaffee. Sie trinkt ihn schwarz. «Aber da habe ich noch nie mitgemacht.»

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Irgendwo schlägt eine Standuhr drei Uhr, auf einer Anrichte steht Papst Franziskus in goldenem Rahmen. Frau Mutter sitzt im Gemeinschaftssaal der Spitalschwestern und hat ihr eigenes Drehbuch für das Gespräch.

«Was ein Papst in einer Lehrschrift schreibt, ist für immer in Stein gemeisselt. Dafür hat Pius der Neunte gesorgt, als er sich vor über 150 Jahren für unfehlbar erklären liess.»

Schwester Regula Scheidegger, Oberin

Es war Papst Johannes Paul II., der die Hoffnung, dass Frauen in der katholischen Kirche mitbestimmen dürfen, zunichtegemacht hat. 1994 begründete er in seiner Enzyklika «Ordinatio Sacerdotalis», warum nur Männer zur Priesterweihe zugelassen werden. Ohne Weihe keine Priesterin, keine Bischöfin und schon gar keine Päpstin.

Schwester Regula blickt auf. «Was ein Papst in einer Lehrschrift schreibt, ist für immer in Stein gemeisselt. Dafür hat Pius der Neunte gesorgt, als er sich vor über 150 Jahren für unfehlbar erklären liess. Ein Fehlentscheid, der schon damals umstritten war, aber sich leider kaum mehr korrigieren lässt», sagt sie. «Das Gleiche gilt für die Enzyklika von Papst Johannes Paul II.: Jedes Mal, wenn katholische Frauen ihren Wunsch nach einer Priesterkarriere äussern, zeigt der Klerus auf die Lehrschrift, als wäre das letzte Wort gesprochen.»

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«Zu den Gründen gehören: das in der Heiligen Schrift bezeugte Vorbild Christi, der nur Männer zu Aposteln wählte, die konstante Praxis der Kirche, die in der ausschliesslichen Wahl von Männern Christus nachahmte, und ihr lebendiges Lehramt, das beharrlich daran festhält, dass der Ausschluss von Frauen vom Priesteramt in Übereinstimmung steht mit Gottes Plan für seine Kirche.»

Die «prinzipiellen Gründe», warum Frauen laut Papst Johannes Paul II. nicht für eine Priesterweihe in Frage kommen: Es steht so in der Bibel, und man hat es schon immer so gemacht. Regula Scheideggers Hand fährt genervt über den Tisch. «Frauen wurden in den alten Religionen als Muttergottheiten verehrt. Sie sind es, die Leben auf die Welt bringen. Doch das Patriarchat steckte die Muttergottheiten als Götzen ins Museum und erklärte den geweihten Mann als einzig mögliche Verkörperung Jesu. Hätte er nicht genauso gut eine Sie sein können?»

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Schon in der Schule interessierte sich Regula Scheidegger dafür, wie Macht verteilt ist. Wie sie begründet und erhalten wird. Am liebsten hätte sie Medizin studiert, doch das Geld reichte nicht. Stattdessen wurde sie Lehrerin. Mit 30 trat sie ins Kloster ein. Auch damals wusste sie genau, was sie wollte: Zugang zur Medizin – als Spitalschwester konnte sie sich zur Pflegefachfrau ausbilden lassen. Und Unabhängigkeit.

«Ironischerweise war mein Leben dann gleich von zwei patriarchalen Systemen geprägt. Auf der einen Seite die Götter in Weiss, auf der anderen die Bischöfe und Päpste. Gegen beide habe ich mein Leben lang aufbegehrt. Von den Zeichen der Zeit gelernt hat aber nur die Medizin.»

«Der Vatikan ist gefangen in Prunk, Macht und Dogmen. Blind für die Zeichen der Zeit.»

Schwester Regula Scheidegger, Oberin
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Dabei herrschte Aufbruchstimmung, als Schwester Regula vor 52 Jahren ins Kloster eintrat. Wenige Jahre zuvor war das zweite vatikanische Konzil zu Ende gegangen. Reformen waren gefragt, die Kirchenbänke wurden immer leerer. Mehr und mehr Katholikinnen forderten Mitspracherecht und ein Priestertum für Frauen. Orden und Kirchenverbände gingen über die Bücher, lockerten Kleidungs- und Gebetsvorschriften. Messen hielt man in der Landessprache statt auf Latein. Und die Stimmen der Bischöfe wurden gestärkt.

Die Stimmen der Frauen nicht. Schwester Regula zuckt mit den Schultern, das Silberkreuz am Hals blitzt auf. «Im Vatikan hat man wohl einen Blick auf die neuen Ideen geworfen, kalte Füsse gekriegt und sie wieder in der Schublade verschwinden lassen.»

«Im Übrigen zeigt die Tatsache, dass Maria, die Muttergottes und Mutter der Kirche, nicht den eigentlichen Sendungsauftrag der Apostel und auch nicht das Amtspriester- tum erhalten hat, mit aller Klarheit, dass die Nichtzulassung der Frau zur Priesterweihe keine Minderung ihrer Würde und keine Diskriminierung ihr gegenüber bedeuten kann, sondern die treue Beachtung eines Ratschlusses, der der Weisheit des Herrn des Universums zuzuschreiben ist.»

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So leicht lassen sich die katholischen Frauen aber nicht abspeisen. In den letzten Jahren ist ihr Widerstand gewachsen. Nicht nur bei Vorkämpferinnen, sondern auch bei der Basis.

Kleine Zugeständnisse sind gemacht worden – so darf an der nächsten Bischofssynode erstmals eine Frau unter Hunderten von Männern ihre Stimme abgeben. Das Kirchenrecht ist im Januar so angepasst worden, dass Frauen jetzt auch offiziell Lesungen halten und die Kommunion austeilen dürfen, und in der Schweiz hat erstmals eine Frau die Aufgabe einer Bischofsdelegierten übernommen. Doch der grosse Wandel lässt auf sich warten.

«Ich verstehe jede Frau, die dieser Männerkirche fernbleiben will.» Frau Mutter hält kurz inne, kalibriert ihr Hörgerät und fährt fort. «Der Vatikan ist gefangen in Prunk, Macht und Dogmen. Blind für die Zeichen der Zeit.»

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«Damit also jeder Zweifel bezüglich der bedeutenden Angelegenheit, die die göttliche Verfassung der Kirche selbst betrifft, beseitigt wird, erkläre ich kraft meines Amtes, die Brüder zu stärken, dass die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und dass sich alle Gläubigen endgültig an diese Entscheidung zu halten haben.»

Frau Mutter passt nicht ins Bild. Warum ist sie trotzdem geblieben? «Das jahrhundertalte Patriarchat einer unbeweglichen Kirche lässt sich nicht in einem Leben umpolen.» Und dann ist da noch ihr unerschütterlicher Glaube an die sozialen Werte von Christus und an eine göttliche Kraft, die alles zusammenhält.

Kurz bevor Regula Scheidegger ins Auto steigt, um den alten Priester abzuholen, der jeden Mittwoch mit den Schwestern das Abendmahl feiert, erzählt sie ihre Lieblingsanekdote. Wie sie bei einem Besuch in einem erzkonservativen Orden in Frankreich einmal ein kleines Mädchen beobachtete, das während der monotonen lateinischen Messe durch die Bankreihen tanzte, am Schluss vor dem Altar stehen blieb und den Rock bis unters Kinn hochzog.

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Die Brüder aber sangen ihre Messe mit dem Rücken zur Gemeinde und bekamen von diesem Sittenverstoss in ihrer heiligen Halle nichts mit. «Gibt es eine schönere Metapher für eine Kirche, die sich so weit von der Gesellschaft wegbewegt hat, dass sie diesen Umstand nicht einmal mehr mitbekommt? Gott hat Fantasie.» 

Katholikinnen kämpfen um ihre Stimme

Die katholische Kirche sei lebensfremd und menschenunwürdig, kritisiert eine wachsende Bewegung von Frauen. So sammelte das Netzwerk Voices of Faith weltweit Voten für Gleichberechtigung in der Kirche und übergab sie vor einem Jahr dem Papst und der Kurie als Petition.

Die deutsche Initiative Maria 2.0 befestigte kürzlich Forderungen mit sieben Thesen an den Kirchentüren im ganzen Land. Sie verlangt den Zugang aller Menschen zu allen kirchlichen Ämtern, eine Aufarbeitung der Taten sexualisierter Gewalt, eine neue Sexualmoral und eine Kirchenwirtschaft nach christlichen Prinzipien und ohne Prunk.

Auch in der Schweiz haben noch nie so viele Katholikinnen so konkrete Forderungen gestellt. Die Bischofskonferenz traf sich im September mit den katholischen Frauen im Rahmen des Prozesses «Gemeinsam auf dem Weg zur Erneuerung der Kirche». Diesen Januar gründete der Schweizerische Katholische Frauenbund die reformkatholische «Allianz Gleichwürdig Katholisch», die sich für gleiche Würde und gleiche Rechte für alle einsetzt.

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Anina Frischknecht, Redaktorin

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