«Ich hätte mein Tier niemals dort behandeln lassen, wenn ich das gewusst hätte», sagt eine Beobachter-Leserin. Nach einer Operation in der Bessy’s Kleintierklinik starb ihre Katze. Erst später erfuhr sie, dass die Klinik nicht Bessy gehört, sondern der IVC Evidensia Schweiz AG. Das schwedische Unternehmen betreibt 16 weitere Kleintierpraxen in der Schweiz.

Evidensia gilt als weltgrösster Betreiber von Tierarztpraxen. Nestlé hält einen Fünftel der Aktien. Der Schweizer Konzern will damit im Tierfuttergeschäft wachsen. Branchenmedien sprechen von «hohem Potenzial», etwa durch Hundesnacks mit hohen Margen.

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«Preise führen in der Tiermedizin immer wieder zu schwierigen Gesprächen.»

Ansgar Solecki, CEO von Vettrust

Die Kette behält alte Namen wie Bessy’s bei und taucht nur im Impressum auf. «Wer schaut bei der Wahl einer Tierklinik ins Impressum oder googelt, ob ein Grosskonzern dahintersteckt?», sagt die Tierhalterin.

Zudem kritisiert sie, dass Investoren Profit über das Tierwohl stellen. In Deutschland, wo viele Praxen bereits Konzernen gehören, äussert der Verbund Unabhängiger Kleintierkliniken diesen Vorwurf seit längerem. «Es wird nicht immer nach bestem medizinischen Wissen gehandelt, sondern nach dem, was sich gut verkaufen lässt», sagte eine Tierärztin aus Hannover der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ).

Evidensia weist den Vorwurf zurück: «Unser Anspruch ist es, medizinische Qualität, Patientensicherheit und transparente Kommunikation in den Mittelpunkt zu stellen. Behandlungsentscheidungen erfolgen stets auf Basis medizinischer Indikation und im Dialog mit den Tierhaltern.»

«Der Schweizer Markt verändert sich gerade»

In der Schweiz führen die meisten Tierärztinnen ihre Praxen noch selbst. Doch der Einfluss internationaler Ketten wächst. Neben Evidensia betreibt Anicura acht Praxen. Die Kette gehört zum US-Konzern Mars, der mit Marken wie Whiskas und Pedigree Marktführer im Tierfuttergeschäft ist.

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«Der Schweizer Markt verändert sich gerade», bestätigt Ansgar Solecki, CEO von Vettrust, der grössten Schweizer Tierarztgruppe mit über 400 Mitarbeitenden an 38 Standorten. 

Er wehrt sich gegen den Profit-Vorwurf: «Natürlich führen Preise in der Tiermedizin immer wieder zu schwierigen Gesprächen.» Anders als in der Humanmedizin zahlen Tierhalter viele Leistungen selbst. «Sie kommen oft emotional belastet in die Praxis.» Transparenz und gute Kommunikation seien entscheidend. Nur so könne man frühzeitig klären, was erwartet wird, was medizinisch möglich ist und was es kostet.

Roberto Mossi, Präsident der Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte, kennt die Problematik der hohen Preise in modernen Tierarztpraxen, wie sie die Ketten anbieten: «Früher brachte man das Tier zum Tierarzt, der machte, was nötig war, und am Ende bezahlte man die Rechnung.» Heute haben Haustiere emotional eine höhere Bedeutung. Und deshalb steigen laut Mossi die Ansprüche. Tierhalter würden heute moderne Untersuchungen wie etwa ein CT erwarten. Das treibe die Kosten spürbar in die Höhe.

Junge Tierärztinnen und Tierärzte wollen Teilzeitanstellungen

Dass immer mehr Tierarztpraxen einer Kette angeschlossen sind, liegt aus seiner Sicht auch daran, dass junge Tierärztinnen und Tierärzte ihre Rolle heute anders sehen. Kein anderes Studium hat einen so hohen Frauenanteil. «Früher war es selbstverständlich, nach dem Studium eine eigene Praxis zu führen. Heute suchen viele eine Stelle, die Beruf und Privatleben besser vereinbaren lässt.» 

Diese Entwicklung schaffe Raum für kommerzielle Ketten. Mossi versteht, dass dies bei manchen Tierhaltern Ängste auslöst wie bei jener Frau, die sich nach der Erfahrung bei Bessy’s Kleintierklinik getäuscht fühlte. Der Trend sei jedoch eine «logische Folge» eines Strukturwandels, der kaum aufzuhalten ist.

Hinweis: Dieser Artikel wurde erstmals am 20. Mai 2026 veröffentlicht.

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Quellen