DampfenDie Zukunft der E-Zigarette ist ungewiss

Könnte sich bald durchsetzen: die tabakfreie E-Zigarette Bild: Fotolia Bildagentur

E-Zigaretten verbreiten sich in Windeseile. Unternehmer wittern ein Riesengeschäft – und der Staat macht sich auf, eine Scheibe davon abzuschneiden.

von Peter Johannes Meier

Wichtig ist der Schlag auf die ­Kehle, der Throat-Hit. Dann der sanfte Druck auf die Bronchien. Der süsse Schmerz lässt den Raucher spüren: Er lebt noch. Innert Sekunden erreicht das Nikotin das Hirn, Blutdruck und Konzentration steigen, gleichzeitig fühlt sich der Raucher entspannt. Das macht süchtig – und zerstört den Körper schleichend.

Für den Ausstieg aus der Sucht empfehlen Ärzte und Pharmafirmen seit Jahren Nikotin in teuren Kaugummis, Pflastern oder Inhalatoren. Hinzu kommen allerlei Psychotipps und Therapien. Doch die Bilanz dieser Ausstiegshilfen ist ernüchternd: Der Anteil der Exraucher in der Schweiz stagniert seit Jahren bei 20 Prozent.

97 Prozent der Raucher werden rückfällig

Völlig nutzlos für einen Ausstieg sind Nikotinpräparate: US-Forscher hatten 798 Aussteiger über mehrere Jahre begleitet. Die Rückfallquote war bei starken Rauchern, die Ersatzpräparate verwendeten, sogar doppelt so hoch wie bei denen, die darauf verzichteten. Und hoch ist die Rückfall­quote so oder so: 97 Prozent greifen nach dem Ausstieg wieder zur Zigarette.

Neben nackten Zahlen fordert nun Dampf die Gesundheitspolitiker heraus, erzeugt von der rauchlosen Zigarette. Statt Tabak zu verbrennen, verdampft ein akkubetriebener Apparat eine Flüssigkeit, die Aromastoffe enthält, darunter meist auch Nikotin.

Phil Scheck zog 2010 zum ersten Mal an einer dieser E-Zigaretten aus China und bestellte ohne Zögern eine im Internet. Es sollte das wertvollste Päckchen sein, das er je erhalten hat. Denn seither hat er keine Pyros mehr geraucht, wie Dampfer Tabakzigaretten nennen. «25 Jahre lang schlotete ich täglich zwei bis drei Päckchen Zigaretten. Dann, von einem Tag auf den anderen, runter auf null. Ich war begeistert. Und ich fragte mich, warum ich erst jetzt von dieser Möglichkeit erfahren hatte.»

Scheck begann zu recherchieren, saugte alles auf, was er zum Thema E-Zigaretten fand. Ein Jahr später beschloss er, seine Erkenntnisse im Internet zu teilen. Heute betreibt der Zuger als Philgood den grössten deutschsprachigen Videoblog zum Thema. Auf Dampferhimmel.de testet er Geräte, berichtet über politische Entwicklungen und über wissenschaftliche Erkenntnisse. «Dampfen war von Beginn an auch eine Internetgeschichte. Es gab ja lange Zeit ­keine Ladengeschäfte, die solche Produkte verkauften. Man musste sie über Online-Shops besorgen. Das Bedürfnis nach Informationen war riesig», sagt Scheck.

Die grossen Player auf dem Suchtmarkt zeigen wenig Interesse. Tabakfirmen wollen Tabak verkaufen und Pharmafirmen teure Nikotinersatzprodukte. Steigt ein Raucher aus, verflüchtigen sich die Steuereinnahmen: Über die Hälfte des Verkaufspreises einer Zigarettenpackung fliesst in die AHV und die IV. Dem Versuch, die ­Tabaksteuer auch auf Dampferprodukte zu schlagen, erteilte das Parlament vor zwei Jahren eine Abfuhr.

Im Schatten von Pharma- und Tabak­industrie verkauften Kleinhändler günstige E-Zigaretten aus China, entstanden Luxusprodukte in den USA und Europa. Diesen Sommer brachte die erste Schweizer Firma einen Verdampfer auf den Markt. Drei ­Lehrer und ein Finanzberater – alles passionierte Dampfer – haben den Squape entwickelt. «Wir investierten unser Erspartes und wussten, dass wir mindestens 500 Stück verkaufen müssen, um es wieder reinzu­holen», sagt Mitgründer Christian Lusser. Nach kurzer Zeit waren 2600 Stück weg.

Für Raucher sind E-Zigaretten eine Alternative, aber weniger eine Hilfe zur Abstinenz. Mit nikotinhaltigen Flüssigkeiten lässt sich selbst der für Raucher wichtige Throat-Hit erzeugen. Zusammen mit der Dampfentwicklung kommt das Erlebnis dem Rauchen sehr nahe. Dampfen ist zudem um ein Mehrfaches günstiger als Rauchen. Und der Dampf hinterlässt keinen Geruch in Kleidern, keine Verfärbungen in Wohnungen oder auf den Zähnen. Aber ist Dampfen auch die gesündere Alternative?

Gesundheitsorganisationen wie die WHO verweisen auf die ungenügende Studienlage zum elektrischen Rauchen und raten davon ab. Tatsächlich gibt es mittlerweile aber Dutzende von wissenschaft­lichen Studien. Keine konnte problema­tische Belastungen für Dampfer und Mitdampfer nachweisen. Wenn überhaupt problematische Stoffe gemessen wurden, waren die Konzentrationen 10- bis 1000-mal niedriger als im Zigarettenrauch.

Die verdampften Flüssigkeiten (Liquids) bestehen vor allem aus Propylenglykol und Glycerin. Beide Stoffe sind als Lebensmittelzusätze erlaubt und in vielen Kosmetik- und Medizinalprodukten enthalten. Hinzu kommen kleine Mengen an Aromastoffen. Alle Stoffe gelten für die vorgesehenen Zwecke als unproblematisch. Doch wie sie sich erwärmt bei jahrelangem Konsum auswirken, ist unerforscht. Als sicher gilt, dass beim Dampfen keine krebsfördernden Verbrennungsstoffe entstehen.

Nach heutigem Kennt­nis­stand sind ­E-Zigaretten massiv weniger schädlich als Tabak. Das EU-Parlament hat darum im Oktober den Vorschlag der EU-Kommis­sion abgelehnt, E-Zigaretten und Liquids mit Nikotin als Medizinalprodukte zu behandeln. Dadurch wären die Produkte in die Apotheken verbannt worden. Der Entscheid ist allerdings nicht definitiv, der Ball liegt jetzt beim EU-Ministerrat.

Auch Aromat macht Dampf: Phil Schecks Sammlung von E-Zigaretten
Quelle: Fotolia Bildagentur

Die Zukunft der E-Zigarette ist ungewiss

In der Schweiz sind E-Zigaretten und Liquids ohne Nikotin dem Lebensmittelgesetz unterstellt und können frei gehandelt werden. Für den Eigenkonsum darf man bis zu 150 Milliliter nikotinhaltige Liquids importieren. Wer in der Schweiz nikotinhaltige Produkte verkaufen will, braucht eine teure Bewilligung von Swissmedic. Und die hat bisher niemand beantragt.

Die Regeln dürften sich jedoch ändern. Gegenwärtig arbeitet das Bundesamt für Gesundheit (BAG) Vorschläge aus. Am einschneidensten wäre es, E-Zigaretten dem Heilmittelgesetz zu unterstellen. Dann wür­den sie – zumindest vorläufig – vom Markt verschwinden. Es gibt ein weiteres Szenario, wie Michael Anderegg, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim BAG, bestätigt. Der Bund arbeitet an einem Lebensmittelgesetz, das keine Regelungen mehr zu Tabak und ähnlichen Produkten enthalten soll. Im Gegenzug soll ein separates ­Tabakproduktegesetz geschaffen werden, unter das auch E-Zigaretten fallen könnten.

«Das würde nicht bedeuten, dass E-Zigaretten den normalen Zigaretten in jeder Hinsicht gleichgestellt werden. Es wäre möglich, den Zugang zu solchen Produkten, die dafür erlaubte Werbung und Warnungen spezifisch zu regeln», sagt Michael Anderegg. Bis das neue Gesetz allerdings in Kraft tritt, kann noch jahrelang gedampft werden.

Verbotenes im Angebot

Manor steigt als erste Warenhauskette ins Geschäft mit elektrischen Zigaretten ein. Neben Geräten aus Fernost sind nikotinfreie Flüssigkeiten im Angebot, sogenannte Liquids, die in den nachfüllbaren elektrischen Zigaretten verdampfen. Alle Produkte stammen von der bisher unbekannten Genfer Handelsfirma Playsure.ch.

Der Verkauf der Produkte entspreche den Vorgaben des Bundesamts für Gesundheit (BAG), versichert Manor. Da täuscht sich das Warenhaus. Denn Playsure.ch verkauft über seine Schweizer Website auch nikotin­haltige Liquids. Das ist in der Schweiz nicht erlaubt. Einzelpersonen dürfen nur bis zu 150 Milliliter Nikotin-Liquid für den Eigenkonsum importieren. Darum ­versendet die Firma den Stoff aus Frankreich. «Das Handelsverbot dürfen Schweizer Firmen nicht umgehen, ­indem sie Kunden die Produkte einfach aus dem Ausland zusenden», sagt Michael Anderegg vom BAG. Die Kantone würden solche Fälle verfolgen.

Veröffentlicht am 2013 M10 29