Zur Person

Hansueli Gürber, 65, kennt Problem­jugendli­che so gut wie kaum jemand sonst in der Schweiz. Er stand 22 Jahre lang der Jugendanwaltschaft Horgen ZH vor, ehe er 2007 als leitender Jugendanwalt nach Zürich wechselte. Seit September 2014 ist er pensioniert. Der fünffache Vater und Grossvater züchtet Reptilien, Hühner und Gänse. Oft ist er in Namibia und Botswana unterwegs, auch als Reiseleiter.

Beobachter: Sie schreiben an einem Buch. Können Sie nicht abschliessen mit dem Fall «Carlos» und Ihrer Rolle darin?
Hansueli Gürber: Nein, das Buch handelt vom Thema Jugendkriminalität, vom Erziehen und Strafen. Und es geht um meine Person. Es ist schon fast f­ertig und erscheint im Herbst.

Beobachter: «Carlos» kommt gar nicht vor?
Gürber: Ich selbst gehe praktisch nicht darauf ein, weil ich nichts sagen darf. Zwar habe ich einen Antrag auf teilweise Entbindung vom Amtsgeheimnis gestellt, aber der wurde abgelehnt.

Beobachter: Warum?
Gürber: Die Chefs haben Schiss, dass ich sage, was genau gelaufen ist. Ich unterliege dem Amtsgeheimnis für alles, was in meiner Amtszeit lief. Gewisse Leute warten nur darauf, mir eine Anzeige an den Hals zu hängen. Ich muss mich also sozusagen selber zensieren.

Beobachter: Letztes Jahr wurde der Zürcher Justiz­direktor Martin Graf abgewählt, früher Ihr oberster politischer Chef. War das eine Genugtuung? Es hiess, er sei letztlich darüber gestolpert, dass er Sie im Fall «Carlos» hängen liess.
Gürber: Nein, ich muss gestehen, ich habe Herrn Graf verstanden. Bei den unvollständigen Infos, die er damals bekommen hat, hätte ich wohl auch nicht ­anders gehandelt (siehe Chronologie unten: Gürber und der Fall «Carlos»). Als er von möglichen strafrechtlichen Konsequenzen sprach, wunderte mich das schon. Ich realisierte erst etwa zwei Wochen nach dem Film, was gelaufen war, als ich von der Justizkommission angehört wurde. Dann lief ein Politspielchen an. Hier ein grüner Justizdirektor, dort ein Oberjugendanwalt der SVP – und ich im Sandwich. Voilà, die Konstellation war vorgegeben.

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Beobachter: Aber auf diejenigen, die den Regierungsrat falsch informierten, müssen Sie doch sauer sein?
Gürber: Dass er falsch informiert worden sei, haben Sie jetzt gesagt. Ich darf eben auch dazu nichts sagen, das ist eine unglaubliche Geschichte …

Beobachter: … die man aufschreiben müsste.
Gürber: Das ist schon so, ja. Ich habe es mir wirklich überlegt, schliesslich bin ich noch nie verurteilt worden. Einmal im Leben wegen Amtsgeheimnisverletzung, ja und? Aber eben, mit Familie und Kindern ist das nicht so lustig.

Beobachter: Was würde Ihnen drohen?
Gürber: Eine Geld- oder längere Freiheitsstrafe. Nicht ganz harmlos.

«Im Dokfilm mitzumachen war ein Fehler, ich war zu naiv. Punkt.»

Hansueli Gürber, Ex-Jugendanwalt

Beobachter: Wie stark sind die Folgen des Dokfilms «Der Jugendanwalt», der alles ausgelöst hat, für Sie sonst noch präsent?
Gürber: Das ist kein Thema mehr. Mitzumachen war ein Fehler, ich war zu naiv. Punkt. Inhaltlich stehe ich voll zu dem, was der Film damals thematisiert hat. Ich habe in den letzten 15 Jahren meiner Arbeit einfach gemerkt, dass man mit gewissen Jugendlichen auf dem üblichen Weg an Grenzen stösst. Dann gibt es zwei Varianten: Man hört auf, mit ihnen zu arbeiten, weil man es als aussichtslos ansieht – so, wie es heute wieder häufiger passiert. Oder man probiert andere Ansätze mit ihnen, schneidert individuelle Lösungen. Das Wort «Sondersetting» stammt übrigens nicht von mir!

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Beobachter: Was spricht für individuelle Lösungen?
Gürber: Statt gewisse junge Straftäter von einem Heim ins nächste zu schaffen, bis sie dann endlich alt genug sind und im Erwachsenenstrafvollzug landen, gibt man ihnen zum Beispiel eine Wohnung. Was wünscht sich so ein struber Junge denn mehr? Was ja auch kein Wunder ist, solche Jungs hatten meist jahrelang Probleme in der Familie und waren etliche Jahre in Heimen. Eine eigene Wohnung bringt Ruhe und Privatsphäre. Aber die Wohnung gibt es nur unter strikten Bedingungen: keine weiteren Straftaten, fixe Tagesstruktur, Schule oder Ausbildung. Die Mass­nahme läuft nur so lange, wie sich der Jugendliche dran hält. So reissen sie sich dann tatsächlich am Riemen und sind bereit, ihr Verhalten zu ändern, weil ihnen auch etwas gegeben wird.

Beobachter: Wie oft haben Sie solche individuellen Lösungen ausgesprochen?
Gürber: Gar nicht so selten, vielleicht zwanzigmal. Das waren aber nicht derartige Extremfälle wie bei «Carlos». Das gab es in meiner Karriere nur zweimal.

Lesen Sie die Fortsetzung des Interviews unterhalb der nachfolgenden Chronologie.

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Beobachter: Sie sagen, heute schiebe man Jugend­liche vermehrt ins Heim ab. Warum?
Gürber: Wenn ich etwas Neues probiere, und das läuft schief, bin ich als Verantwortlicher exponiert und komme dran. Wir müssen am Laufmeter Menschen einschätzen und geben uns alle Mühe, es richtig zu machen. Aber ab und zu passiert ein Fehler. Es werden aber nur jene Beispiele angeprangert, wo die Justiz zu nachsichtig war. Bei denen, wo man zu streng war, fällt das keinem auf. Wenn ich jemanden in der geschlossenen Abteilung halte, auch wenn ich weiss, der explodiert, wenn er rauskommt, wird mir das nicht ­angehängt.

Beobachter: Das torpediert den Grundsatz unseres Jugendstrafrechts, zu erziehen statt nur zu bestrafen. Ist es bloss die Angst, sich zu exponieren, oder wird das Prinzip infrage gestellt?
Gürber: Das ist eine heisse Frage. Ich glaube, man zweifelt bis weit nach oben in der Justiz am Grundsatz des Jugendstrafrechts. Die Angst ist überall da, bei den Strafuntersuchungen, beim Gutachter, beim Gericht, im Vollzug. Alle tun ­sicherheitshalber nichts, was sie in Schwierigkeiten bringen könnte.

Beobachter: Man schaut also nicht, was gut ist für den Jugendlichen, sondern was gut ist für den Sanktionierenden?
Gürber: So kann man das sagen. Wenn im ­Justizapparat der Rückhalt von oben fehlt, hat man als einzelner Ausführender keine Chance.

Beobachter: Was ist unter diesen Voraussetzungen Ihre Bilanz Ihres Schaffens?
Gürber: Ich habe meine Macht immer für die Jugendlichen eingesetzt, ich wollte den Jugendlichen den Weg ins Gefängnis ersparen. Ich musste am Abend noch in den Spiegel schauen können und wissen, dass ich nicht gekuscht habe. Das ist mir gelungen. Fast immer.

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Beobachter: Was ist aus «Ihren» Jugendlichen mit individuellen Massnahmen geworden?
Gürber: Ausser einem ist keiner völlig gescheitert, soweit ich weiss. Für mein Buch traf ich einige wieder, das war be­rührend.

«Mütter schrieben mir seiten­lange Briefe und dankten mir für den Umgang mit ihren Söhnen.»

Hansueli Gürber, Ex-Jugendanwalt

Beobachter: Wie geht es «Carlos»?
Gürber: Ich bin in losem Kontakt mit ihm. ­Eigentlich hat er eine erfreuliche Entwicklung gemacht.

Beobachter: Ist er auf Sie wütend?
Gürber: Nein, er war nie hässig auf mich. Als er damals verhaftet wurde, habe ich mich bei ihm entschuldigt und ihm gesagt, der Film sei ein Mist gewesen. Er antwortete, das sei nicht so schlimm, und ohne mich hätte er gar nie eine Chance bekommen. Es war ja eigentlich ein Zufall, dass gerade er im Film vorgekommen ist. Beim berühmten Standortgespräch in der Wohnung von «Carlos» hatte der Regisseur gerade Zeit und kam mit.

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Beobachter: Hat sich die Öffentlichkeit dank des Dokfilms mit dem Jugendstrafrecht auseinandergesetzt?
Gürber: Eine Auseinandersetzung hat nicht wirklich stattgefunden. Aber die Hoffnung bleibt, deshalb schreibe ich jetzt auch das Buch. Damals ging eine ernsthafte Diskussion im allgemeinen Getöse unter. Es war schon eine Frechheit, was sich die Medien da geleistet haben, besonders der «Blick», von dem die Kampagne gegen mich ja ausging.

Beobachter: Welche Rückmeldungen haben Sie privat erhalten?
Gürber: Man darf sich von den Schreihälsen nicht beeinflussen lassen. Nach dem Shitstorm habe ich alles in allem doch viel mehr positives Feedback bekommen. Mütter schrieben mir seiten­lange Briefe und dankten mir für den Umgang mit ihren Söhnen. Leute, die mit ihren Kindern Puff haben, stehen halt nicht gern in die Öffentlichkeit und sagen, was sie denken.

Beobachter: Im Jugendstrafrecht wird stärker auf die künftigen Opfer als auf die vergangenen geschaut. Hatten Sie damit Mühe?
Gürber: Nein, Sekundärprävention und Erziehung sind nun mal die Grundlage des Jugendstrafrechts, und nicht Vergeltung. Nicht, weil man Mitleid mit ­diesen schwierigen Jungs hat, sondern weil man mit ihnen noch etwas er­reichen kann, sie möglicherweise vor einer kriminellen Zukunft bewahrt. Und so tatsächlich mögliche künftige Opfer und enorme Kosten vermeidet.

«Den Ruf nach mehr Härte kann ich nur ernst nehmen, wenn jemand dasselbe auch für seinen Sohn, Göttibuben oder Enkel fordert.»

Hansueli Gürber, Ex-Jugendanwalt

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Beobachter: Im zweiten Dokfilm kommt der junge Mann zu Wort, der von «Carlos» niedergestochen wurde. Er klagt, mit dem ­Täter werde «sanft» umgegangen.
Gürber: Ich darf zum Opfer nichts sagen. Der junge Mann hat für die Folgen seiner Verletzung eine Genugtuung von 20'000 Franken gefordert, das ist ­eigentlich angemessen. Aber das Gericht sprach ihm nur 3000 Franken zu.

Beobachter: Das wird seine Gründe haben. Aber die Öffentlichkeit nimmt das so wahr, dass man für den Täter ein grosszügiges Angebot schafft, während das Opfer kaum Geld bekommt. Da verwundert es nicht, dass Politiker gegen die «Kuscheljustiz» wettern, sobald etwas passiert.
Gürber: Ich kann diese Sprüche nicht mehr ­hören. Das sind Forderungen von Leuten, die mich ausserhalb der Öffentlichkeit die komischsten Dinge fragen. Ein SVP-Scharfmacher kam mal und erzählte, sein 16-jähriger Nachbar ­habe in den Ferien in Italien «einen Seich» gemacht. Er habe eine Frau ­vergewaltigt und hocke im Gefängnis. Und dann fragte er mich tatsächlich, ob wir nicht etwas für den Buben tun könnten, nämlich ihn in die Schweiz holen und hier dem Jugendstrafrecht unterstellen. Den Ruf nach mehr Härte kann ich nur ernst nehmen, wenn jemand dasselbe auch für seinen Sohn, Göttibuben oder Enkel fordert.

Beobachter: Gemäss neuer Jugendkriminalstatistik hat sich die Zahl der Gewaltdelikte halbiert. Woran liegt das?
Gürber: In der Jugend gibt es immer wieder Strömungen, die wir Erwachsenen gar nicht erkennen. Anfang der achtziger Jahre war ich Staatsanwalt, und es herrschte unter uns Kollegen Einigkeit, dass die Jugendlichen total unpolitisch seien. Kurz darauf brachen die Jugendunruhen aus. Oder der Stopp des Heroins 1995. Zuvor waren 90 Prozent der Jugendlichen in Massnahmen heroinabhängig gewesen, dann war plötzlich Schluss. Heute ist Delinquenz einfach nicht mehr «in», es wird weniger gekifft, weniger eingebrochen, weniger Gewalt angewandt.

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Beobachter: Also Entwarnung?
Gürber: Davon rate ich ab. Es ist wohl auch diesmal eine Phase, das kann wieder drehen. Ich wage keine Prognosen mehr.

Beobachter: Müssen Sie auch nicht, Sie sind nicht mehr im Geschäft. Gibt es den «Typ Gürber» im Jugendanwaltsbereich noch?
Gürber: Nein, einen mit so langen Haaren nicht. (Lacht)