Er gilt als Entdecker der antidepressiven Wirkung von Imipramin und damit als Wegbereiter der Antidepressiva: Roland Kuhn, langjähriger Oberarzt und Direktor der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen (TG). Jetzt zeigt das Resultat eines dreijährigen Forschungsprojekts: Kuhn bediente sich während Jahrzehnten fragwürdiger Forschungsmethoden und testete Substanzen in einem viel grösseren Ausmass als bisher bekannt war. Dabei verdiente er persönlich kräftig mit.

Was der Beobachter vor fünf Jahren unter dem Titel «Die Menschenversuche von Münsterlingen» Psychiatrie Die Menschenversuche von Münsterlingen beschrieb, ist aus heutiger Sicht nur ein erster Einblick. Das Ergebnis des medizinhistorischen Forschungsprojekts um Marietta Meier, Mario König und Magaly Tornay, das diese Woche präsentiert wurde, zeichnet zwar ein differenziertes Bild des international gefeierten Antidepressiva-Forschers Kuhn – aber auch ein wenig schmeichelhaftes. Er betrieb in Münsterlingen jahrzehntelang eine bestens organisierte Maschinerie, die von Pharmaunternehmen in grossem Stil mit Substanzen versorgt wurde und diese an einer fast unerschöpflichen Masse von Patientinnen und Patienten ausprobierte.

Menschen als Versuchskaninchen

Ausgewertet wurden 45 Laufmeter Akten, verpackt in 457 Archivschachteln. Alles Unterlagen aus dem langjährigen Wirken Kuhns in Münsterlingen, wo er ab 1939 bis 1980 arbeitete – und anschliessend noch bis ins hohe Alter eine Privatpraxis betrieb. Die Akten stammen aus dem privaten Nachlass Kuhns, der erst vor wenigen Jahren dem Staatsarchiv übergeben wurde.

Im Zentrum der historischen Aufarbeitung standen 24 Archivschachteln zur Thematik der klinischen Versuche (Psychopharmakologie) mit Prüfberichten an Pharmaunternehmen, Korrespondenz, handschriftlichen Notizen, Listen mit Namen von Patientinnen und Patienten, denen Prüfsubstanzen verabreicht wurden etc. Systematisch ausgewertet wurden die Krankenakten von 150 Personen.

In seiner Publikation «Testfall Münsterlingen»* rekonstruierte das Forscherteam, wie Kuhn in Münsterlingen in die Forschung einstieg, nach welchen Kriterien er Patienten auswählte und wie er mit der Pharmaindustrie zusammenarbeitete. Entstanden ist ein eindrückliches – bisweilen beklemmendes – Bild aus dem Alltag der Münsterlinger Psychiatrie. Indem die Forscher mehrfach Einzelschicksale schildern, ist es ihnen gelungen zu zeigen, wer auf der anderen Seite von Kuhns Forscherdrang stand: Frauen, Männer, Kinder – meist mit schweren psychischen Erkrankungen, manchmal nicht ansprechbar und fern jeglicher Hoffnung auf Genesung. Diese Menschen waren die tragende Säule im Versuchsapparat von Kuhn.

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Das Ausmass der Versuche war riesig. Die Forschergruppe identifizierte 1112 Personen, die mindestens eine Prüfsubstanz erhalten haben. Tatsächlich dürfte die Zahl der Versuchspersonen wesentlich umfangreicher sein, wie es im Buch heisst. Denn in verschiedenen Krankenakten fanden sich Hinweise zu Medikamententests Medikamentenversuche «Man sah und sagte nichts» . Gleichzeitig blieben diese Personen aber in den Prüfunterlagen unerwähnt. In Kuhns Prüfberichten wird gesamthaft von 2789 Fällen gesprochen. «Aber auch diese Angabe ist konservativ, da Kuhn nicht immer alle Fälle mitzählte», halten die Forscher fest.

So erhalten Sie als Betroffene Akteneinsicht

Wer im fraglichen Zeitraum stationär oder ambulant in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen in Behandlung war und seine persönliche Geschichte aufarbeiten will, hat die Möglichkeit, seine Patientenakten und Dokumente zu seiner Person einzusehen. Hier finden Sie eine Mustervorlage für ein Gesuch zur Akteneinsicht. Interessierte richten ihr Akteneinsichtsgesuch am besten sowohl an die Klinik Münsterlingen als auch an das Staatsarchiv in Frauenfeld. Dem Gesuch muss eine Kopie der Identitätskarte beigelegt werden.

Kistenweise Medikamente

Die tatsächliche Dimension von Kuhns Medikamentenversuchen zeigt die Menge der verabreichten Stoffe: Über den gesamten Zeitraum hinweg gelangten mindestens drei Millionen Dragées, Tabletten, Ampullen und Zäpfchen nach Münsterlingen. Die Pillen wurden buchstäblich kistenweise angeliefert. Die grösste dokumentierte Lieferung stammte von Geigy und enthielt 300'000 Dragées «Keto» (1967). Phasenweise wurden in Münsterlingen pro Monat 30'000 Dragées benötigt, der Jahresbedarf stieg auf bis zu 500'000 Dosen.

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«Keto», also Ketimipramin (auch Ketotofranil oder G 35259 genannt), war gleichzeitig der grösste, längste und umfassendste Versuch in Münsterlingen. Er begann 1963 und dauerte offiziell bis 1970, als Geigy zum Missfallen Kuhns die Erprobung einstellte. Die Substanz kam nie auf den Markt. Doch Kuhn verwendete das Präparat weiter, bei ihm ging ein Medikamentenversuch ohnehin fliessend in die Therapie über.

Getestet wurden in Münsterlingen mindestens 67 Substanzen, wie die Forscher schreiben. Womöglich sind es aber wesentlich mehr. Dokumentiert sind 120 Substanzen, dabei ist aber unklar, ob nach der Anfrage bei Pharmaunternehmen oder einer Lieferung auch tatsächlich ein Versuch durchgeführt wurde.

«Kuhn wurde mit seiner klinischen Forschung wohlhabend.»

Was Kuhns Motivation betrifft, kommen die Wissenschaftler zum Schluss, ihm sei es primär um Anerkennung in medizinischen Kreisen gegangen. Auch wenn Kuhn als bescheidener Mann auftrat, gab er auch immer wieder finanzielle Gründe für seine Prüftätigkeit an. Er war überzeugt, als Oberarzt ungenügend entlöhnt zu sein. Die Entschädigungen für die Versuche sah er als Kompensation für den seiner Ansicht nach zu tiefen Lohn.

Im Bericht der historischen Aufarbeitung heisst es nun: «Roland Kuhn wurde mit seiner klinischen Forschung wohlhabend.» Mit den Pharmafirmen handelte er Honorare und Erfolgsbeteiligungen aus. Anfänglich erhielt er von Geigy monatlich 300 Franken Honorar, das 1956 auf 600 Franken erhöht wurde. Als 1958 Tofranil auf den Markt kam und weltweit seinen Siegeszug als Antidepressivum antritt, erhielt er einen jährlichen Bonus, zuerst 30'000, später 50’000 Franken.
 

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Alles in allem dürfte Kuhn von den Pharmafirmen mit etwa 3,5 Millionen Franken entschädigt worden sein.


Bei Ludiomil, das 1972 in den Handel kam, hatte Kuhn eine Umsatzbeteiligung von einem halben Prozent vereinbart, was ihm wesentlich mehr einbringen sollte als der «Tofranil-Bonus». Das Medikament erzielte schon 1975 einen Umsatz von 25 Millionen Franken und Kuhn strich eine sechsstellige Erfolgsbeteiligung ein. 1980 wurden ihm über 200'000 Franken überwiesen, der Betrag stieg 1984 auf knapp 500'000 Franken an.

Alles in allem dürfte Kuhn von den Pharmafirmen mit etwa 3,5 Millionen Franken entschädigt worden sein, was auf das heutige Preisniveau umgerechnet etwa 8 Millionen Franken bedeuten würde. Praktisch alle Vergütungen gingen an Kuhn persönlich. Er stellte sich auf den Standpunkt, die klinischen Versuche in seiner Freizeit durchgeführt zu haben. Kein Wort, dass er auf Personal, Infrastruktur und nicht zuletzt auf Patienten der Klinik zurückgriff.

Fragwürdiger Umgang mit Patienten

Das Forschungsprojekt widmete sich auch den problematischen Auswirkungen der Medikamentenversuche. «Es kam in Münsterlingen auch zu schwerwiegenden Komplikationen, die längerfristige oder bleibende Folgen hatten oder gar zum Tod führten.» Insgesamt sei man bei der Quellenarbeit auf 36 Personen gestossen, die während oder kurz nach der Verabreichung von Prüfsubstanzen verstarben.

Im Rückblick sei es aber schwer zu beurteilen, weshalb die Patienten starben und ob dabei Prüfsubstanzen eine Rolle spielten. «In den Quellen wird meistens nicht näher auf die Todesfälle eingegangen.» Nur bei etwa zehn dieser Todesfälle hätten sich in den Quellen Kommentare und einen möglichen Zusammenhang mit der Verabreichung von Prüfsubstanzen finden lassen.
 

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«Im Vorfeld festgelegte Regeln oder Abmachungen existierten nicht, das Vorgehen blieb stets offen und intuitiv.»

«Testfall Münsterlingen; klinische Versuche in der Psychiatrie, 1940 – 1980»; Chronos Verlag, Zürich.


Den Menschen Roland Kuhn selber schildern die Forscherinnen und Forscher zwar differenziert, aber durchaus auch skeptisch. Sie weisen verschiedentlich auf fragwürdige Aspekte seiner Tätigkeit hin. «Was Kuhn schrieb und was er tat, stimmte nicht immer überein», heisst es etwa. So entsprach die Fallzahl, die er in Prüfberichten nannte, meist nicht den tatsächlich involvierten Patienten. Er habe «jede Systematik, alle Zahlen, Daten, Statistiken und andere Methoden abgelehnt, die seine Beobachterposition relativiert hätten». Kuhns Vorgehen erscheine oft willkürlich. «Im Vorfeld festgelegte Regeln oder Abmachungen existierten nicht, das Vorgehen blieb stets offen und intuitiv.»

Auch was die Diagnosen der Patienten betrifft, habe «grösstmögliche Flexibilität» geherrscht. Kuhn habe nach Gutdünken Patienten mit weiteren Diagnosen in eine Prüfreihe einbezogen, wenn ihm eine Wirkung in diese Richtung möglich schien.

Fragwürdig ist auch Kuhns Umgang mit Patienten, die nicht depressiv waren. Rund die Hälfte aller Prüfsubstanzen, die nach Münsterlingen kamen, waren (geplante) Antidepressiva Antidepressiva «Langfristig wirkt Psychotherapie besser als Medikamente» . Die Klinikpopulation bestand jedoch gar nicht aus derart vielen depressiven Patientinnen und Patienten. Unter den stationären Patienten seien deshalb auch viele mit anderen Diagnosen einbezogen worden, etwa Patienten mit psychotischen Störungen. Zudem wurden die antidepressiven Substanzen immer häufiger an ambulanten Patienten geprüft.

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Pharmafirmen liessen ihn gewähren

Mitunter gehen die Forscher mit Kuhns wissenschaftlicher Arbeit hart ins Gericht: «Noch weniger einleuchtend scheint es, wenn Kuhn Patienten mit Diagnosen wie Intelligenzminderung oder organische Schädigungen in Antidepressiva-Versuche einbezog.» Oder: «Er war sich sicher, selbst aus Stoffcocktails die Wirkung einzelner Prüfsubstanzen herauslesen zu können. Dieses Vorgehen widersprach systematischen, wissenschaftlichen Prüfungsanordnungen. Aber die Pharmafirmen Geschenke für Ärzte Die Alibiübung der Pharmaindustrie liessen ihn trotzdem gewähren. Skepsis wurde selten geäussert.»

Immerhin habe Roland Kuhn und seine ebenfalls jahrzehntelang in Münsterlingen tätige Frau Verena Kuhn Kinder und Jugendliche nicht grundlegend anders behandelt als Erwachsene. Bei Kindern habe man niedriger dosiert und das Ehepaar Kuhn habe versucht, bereits bekannte Wirkungen zu bestätigen oder therapeutisch zu nutzen. Das Forschungsteam hat auch keine Hinweise gefunden, dass Patienten aus einzelnen sozialen Schichten gezielt für Prüfungen ausgewählt worden seien: «Kategorien wie Bevormundung, soziale Herkunft oder Geschlecht scheinen bei der Patientenauswahl keine Rolle gespielt zu haben.»

Als «problematisch» wird in der Publikation zum Forschungsprojekt Kuhns Verhalten taxiert, wenn er schwer und chronisch Kranke in eine Versuchsreiche einbezog. «Ihr Krankheitsbild passte oft überhaupt nicht zur vorgesehenen Wirkung eines Prüfstoffs.» Zudem seien einige durchaus gut auf eine Standardmedikation eingestellt gewesen, die aber wegen einer Prüfung abgesetzt wurde.

Keine Kontrolle

Eine Kontrolle der Versuche gab es in Münsterlingen nicht. Kuhns Vorgesetzter war stets informiert, ebenso wusste die Aufsicht in der kantonalen Sanitätsdirektion sowie der Regierungsrat von den Versuchen. Man übernahm Kuhns Argumentation, dass er mit seinen Versuchen das Medikamentenbudget senken und damit für den Kanton Kosten sparen konnte.

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Auch wenn die historische Untersuchung dank des einmaligen Aktenbestands einen bisher unbekannten Einblick in die fragwürdigen Medikamentenversuche ab den 1950er ermöglicht; für das Forscherteam bleiben entscheidende Fragen unbeantwortet. «Um die Versuchsstation Münsterlingen weiter einzuordnen und zu beurteilen, wären Vergleiche mit anderen Kliniken nötig.» Erst so könnte geklärt werden, ob sich die Prüfpraktiken anderswo von denjenigen Kuhns unterschieden haben und wie sich die Praxis wandelte, Patienten über Versuche zu informieren und deren Zustimmung einzuholen.

Letzteres ist ein weiteres fragwürdiges Kapitel in Kuhns Tätigkeit. Erst 1987 liegen erstmals schriftliche Einverständniserklärungen von Patienten vor – sieben Jahre nach seiner Pensionierung. Die Forscher haben sogar ein Brief von Kuhn an einen Medizinhistoriker gefunden, in dem er 1989 schrieb: «Wir haben Patienten nie um ihre Einwilligung gefragt, ein Versuchspräparat einzunehmen.»

 

  • Buchtipp
    «Testfall Münsterlingen; klinische Versuche in der Psychiatrie, 1940 – 1980»; Chronos Verlag, Zürich.

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Otto Hostettler, Redaktor

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