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5G-MobilfunkPolitisch grenzwertige Aussagen

Telekomfirmen drängen auf eine Erhöhung der Grenzwerte für Mobilfunkstrahlung. Die Swisscom politisiert mit irritierenden Aussagen.

Mobilfunkstrahlung: Wie streng sind die Schweizer Regelungen im internationalen Vergleich wirklich?
von aktualisiert am 27. Februar 2018

Die Wirtschaft und Telekomanbieter in der Schweiz sind sich weitgehend einig: Die geltenden Grenzwerte für elektromagnetische Strahlung für den Mobilfunk seien zu streng und müssten erhöht werden. Nur so könnten die Kapazitäten für die neue ultraschnelle Mobilfunkgeneration 5G geschaffen werden, nur so könne vermieden werden, dass das Netz kollabiere und die Schweiz digital den Anschluss verliere.

Mobilfunkgegner, zahlreiche kritische Wissenschaftler und Ärzte argumentieren demgegenüber, der Pegel des elektromagnetischen Strahlenmeers stehe schon hoch genug und dürfe keinesfalls erhöht werden. Ansonsten drohten kaum abschätzbare Risiken.

Am 5. März entscheidet der Ständerat über eine Motion zum Thema. Der Bundesrat, der letztlich in eigener Kompetenz entscheiden darf, gab bereits bekannt, dass er für eine Erhöhung der geltenden Grenzwerte eintritt.

Was muss man dazu wissen? Und wie streng sind die Schweizer Regelungen im internationalen Vergleich wirklich?

Zehnmal strengere Grenzwerte? Jein.

Für Swisscom-Netzchef Heinz Herren wäre die Schweiz trotz höherer Grenzwerte noch immer auf der sicheren Seite. Sie könnten deshalb problemlos «moderat» erhöht werden. Dem «Tages-Anzeiger» gab er unlängst zu Protokoll: «Unsere Grenzwerte sind im europäischen Vergleich um das Zehnfache strenger.» 

Das ist zwar nicht falsch, aber eben auch nicht die ganze Wahrheit. Korrekt ist: In der Schweiz gelten die Immissionsgrenzwerte gemäss den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO und der Internationalen Kommission zum Schutz vor nichtionisierender Strahlung (ICNIRP) genauso wie in den meisten andern europäischen Ländern auch. Diese Werte liegen bei 41 bis 61 Volt/Meter.

Es sind allgemein gültige Sicherheitswerte, sie müssen überall und unbedingt eingehalten werden, drinnen, draussen, für die ganze Bevölkerung. Nur für Arbeiter und Monteure auf Dächern mit Mobilfunkantennen gelten Ausnahmebestimmungen. Die Messmethoden zur Einhaltung dieser international gültigen Sicherheitsbestimmungen sind allerdings unterschiedlich. In der Schweiz betont man gerne, man messe hierzulande maximale Abstrahlungen, während im Ausland vielerorts nur (tiefere) Mittelwerte ausgewiesen würden.

Verwirrende Grenzwerte

Eine tatsächlich strengere Regelung als viele Länder kennt die Schweiz mit dem so genannten Anlagegrenzwert. Die Anlagegrenzwerte sind so genannte Vorsorgewerte. Sie sollen die Strahlung soweit als möglich begrenzen und die Bevölkerung auch in einiger Entfernung der Antennen schützen, wo die Strahlungswerte ohnehin schon deutlich tiefer sind. Sie liegen deshalb rund zehnmal tiefer als die medizinisch biologisch relevanten Immissionsgrenzwerte, nämlich bei 4 bis 6 V/M. Diese strengen Vorsorgewerte müssen aber nur an Orten mit empfindlicher Nutzung (Omen) eingehalten werden, wo sich Menschen über längere Zeit aufhalten: Büros, Wohnräume, Schulen, Krankenhäuser etc. Nicht darunter fallen öffentliche Parks, Schwimmbäder, öffentliche Plätze, Terrassen.

Aber auch diese Grenzwerte, die in der Schweiz explizit nur für empfindliche Nutzung vorgeschrieben sind, liegen nicht zehnmal tiefer als im gesamten europäischen Vergleich. Zwar ist es richtig, dass Länder wie etwa Deutschland, Grossbritannien, Schweden, Niederlande und andere mehr nur die WHO-Immissionsgrenzwerte festschreiben. Aber Länder wie etwa Polen, Russland, Monaco, Litauen und Bulgarien haben vergleichbar strenge Vorschriften wie die Schweiz, und diese sind dort sogar als allgemein gültige Immissionsgrenzwerte definiert und gelten nicht nur für besonders schützenswerte Zonen.

Ein Monitoring zeigt die Strahlung

Die zentrale Frage ist deshalb, wie ändert sich die mögliche massgebende Belastung durch elektromagnetische Wellen in der Schweiz, wenn die Anlagegrenzwerte erhöht werden sollten? In der Region Luzern wird die elektromagnetische Strahlung seit rund zehn Jahren für fast jeden Standort aufgrund von Einzelmessungen permanent modelliert und ist öffentlich und via Internet einsehbar. Die maximal zulässigen Anlagegrenzwerte werden heute laut diesen Angaben an keinem Ort auch nur annähernd erreicht.

Rein rechnerisch würde eine Erhöhung nicht dazu führen, dass auch die viel höheren, maximal tolerierbaren und unbedingt einzuhaltenden WHO-Immissionsgrenzwerte erreicht oder gar überschritten würden. Diese hohen Grenzwerte gelten in jedem Fall nach wie vor. Wenn also, etwa auf einer Raucherplattform auf dem Dach eines Antennengebäudes, die Strahlung durch stärkere Sendeanlagen den Immissionsgrenzwert erreichen sollte, muss die Leistung der Antennen wieder zurückgefahren werden, bis der Immissionsgrenzwert rund um die Anlage eingehalten wird. Trotzdem wird sich vielerorts im öffentlichen Raum die elektromagnetische Strahlung erhöhen, wenn Sendeanlagen aufgrund höherer Anlagegrenzwerte bald stärker senden dürfen als heute.

Wo liegen die Risiken?

Die bis jetzt wissenschaftlich dokumentierten biologischen Effekte treten praktisch ausschliesslich bei starker Exposition auf, also dann, wenn sich das Handy direkt am Ohr oder am Körper befindet oder eben wenn man sich sehr nahe bei einer Antenne aufhält. Für die deutlich schwächere Funkstrahlung entfernterer Antennen und für die viel diskutierten W-Lan-Stationen gibt es nach heutigem Stand des Wissens keine Belege für direkte gesundheitliche Risiken.

Nur: Die unter anderem von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlenen Sicherheitswerte stützen sich auf medizinische oder biologische Erkenntnisse aufgrund rein thermischer Effekte, die von Handys und – in weit geringerem Mass – von Antennen und W-Lan-Stationen ausgehen.

Langfristige Effekte einer dauernden, aber relativ niedrigen Bestrahlung sind jedoch nach wie vor kaum abzuschätzen und nicht auszuschliessen. Ebenfalls offen bleibt die Frage nach nicht thermischen Einwirkungen der Mikrowellen auf Mensch, Pflanzen und Tiere. Es gibt zahlreiche Hinweise auf Effekte, die nicht durch die Wärmewirkung der Strahlung erklärt werden können. So gibt es Studien, die den Verdacht nahelegen, dass das Gedächtnis und die Hirnströme beeinflusst werden können. Auch im Tierreich gibt es Hinweise auf Effekte, etwa bei Zugvögeln, deren Orientierungssinn das Magnetfeld der Erde nutzt. Erste Untersuchungen deuten auch darauf hin, dass die Belaubung von Bäumen im Richtstrahl von Mobilfunkantennen geschädigt werden könnte.

Gerade weil es so viele Hinweise und Unklarheiten gibt über eventuelle und auch langfristig mögliche Auswirkungen auch bei niedrigeren Dosen elektromagnetischer Strahlung, will Frankreich die geltenden Grenzwerte bereits auf diesen Herbst hin drastisch verschärfen. Sie lägen damit im Endeffekt sogar noch deutlich tiefer als die heute in der Schweiz geltenden wichtigen Anlagegrenzwerte.

FMH-Ärzte warnen

Die Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH) schreibt deshalb in einer aktuellen Stellungnahme: «Aus wissenschaftlicher Sicht sollte auf eine Erhöhung der Grenzwerte verzichtet werden.» Die FMH verweist in ihrem kurzen Argumentarium auf aktuell laufende Studien. So zeigten erste Teilergebnisse einer grossen Tierstudie in den USA einen Zusammenhang zwischen Mobilfunkstrahlung und Krebserkrankungen bei Ratten. Dies allerdings bei Belastungen, die weit weg von den Anlagegrenzwerten sind und der maximal zulässigen Exposition durch ein Handy entsprechen. Dennoch: Bevor die definitiven Resultate dieser Studie nicht vorliegen, so die FMH, sollten die aktuellen Grenzwerte bei den strengen, heutigen Vorgaben belassen werden. Die Ärzteverbindung verlangt zudem den Aufbau eines Monitorings nach dem Vorbild von Luzern für die ganze Schweiz, «um die gesundheitlichen Auswirkungen zu erforschen».

Tatsächlich versprach der Bundesrat auf eine entsprechende, im vergangenen Dezember im Nationalrat eingereichte Motion eine Überwachung der Mobilfunkstrahlung «soll gesamtschweizerisch eingeführt werden». Die Kosten für ein solches Monitoring für die nächsten zehn Jahre werden auf rund sieben Millionen Franken geschätzt.

Der Bundesrat schlägt vor, die Finanzierung im Rahmen der Revision des Fernmeldegesetzes zu regeln und einen Teil der Erlöse aus den Funk-Konzessionsgebühren dafür einzusetzen. Und er beteuert: «Sobald die Finanzierung sichergestellt und die genaue Ausgestaltung des Monitorings geklärt sind, wird der Bundesrat dessen Aufbau und Betrieb veranlassen.»

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Andres Büchi, Chefredaktor

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4 Kommentare

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spatenpauli
Andres Büchi schreibt: "Gerade weil es so viele Hinweise und Unklarheiten gibt über eventuelle und auch langfristig mögliche Auswirkungen auch bei niedrigeren Dosen elektromagnetischer Strahlung, will Frankreich die geltenden Grenzwerte bereits auf diesen Herbst hin drastisch verschärfen." Tja, diese Schreckensherrschaft war absehbar! Schon im Wahlkampf hat Macron Mobilfunkgegner mit der Ankündigung entzückte, Handys aus Grund- und Mittelschulen zu verbannen. Das ist das Schöne am Regieren: Man kann seinen persönlichen Vorlieben freien Lauf lassen, egal ob sie sinnstiftend sind oder nicht. Nun gut, bekämpft Ritter Macron in Frankreich also ohne wissenschaftliche Legitimation den bösen Elektrosmog, einfach weil es ihm so gefällt oder sein Heilpraktiker ihm dies plausibel gemacht hat. Dieses souveräne Entscheidungsmodell scheint bereits Schule zu machen: In Österreich kümmern sich jetzt kaum weniger vorbildlich Politiker um ganz gewöhnlichen Smoke. FPÖ/ÖVP-Koalitionäre sind dort drauf und dran das böse Rauchverbot in der Gastronomie zu kippen (https://www.sn.at/panorama/oesterreich/regierung-kippt-das-rauchverbot-in-der-gastronomie-24807751).

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peterschlegel
Ergänzungen zum informativen Artikel von A. Büchi: ● Die Mobilfunkbranche erwartet eine Steigerung von heute 40-60% Video- und Filmkonsum am gesamten Datenübertragungsvolumen auf 75% bis 2022. Stärker strahlen – für blosse Unterhaltung? Öffentlich schiebt sie die Funkvernetzung der Maschinen, Geräte und Fahrzeuge in den Vordergrund. Braucht es die? Wenn ja, braucht es dafür 5G? Motor der Entwicklung des stets noch schnelleren drahtlosen Internets ist nichts anderes als das Geld. ● Das Innerschweizer Monitoring zeigt blosse Tagesmittelwerte statt der Spitzenwerte, die allein für die gesundheitlichen Auswirkungen massgebend sind. Ausserdem befinden sich die Messstellen nicht in den am stärksten belasteten Wohnungen oder Büros. Man erhält daher kein reales Bild der Belastung in Antennennähe. Doch selbst die zu tiefen Werte des Monitorings sind für empfindliche Personen noch zu hoch. Nicht umsonst forderten die Schweizer Umweltärzte (AefU) vor Jahren eine Senkung des Anlagegrenzwertes auf einen Zehntel. Das Land Salzburg empfahl 2002 einen noch tieferen Wert, dies aus Erfahrung und damaligen Studien. ● Es gebe „keine Belege für direkte gesundheitliche Risiken“? Dafür muss man nicht Dr. Röösli als Referenzwissenschaftler der herrschenden Politik fragen, sondern die von Industrie und Politik unabhängigen, renommierten Forscher weltweit. Für diese ist längst klar, dass Mobilfunkstrahlung weit unterhalb der Grenzwerte schadet. Immer wieder warnen sie öffentlich davor. Warum tun sie das? Weil sie auch die Praxis kennen, der sich Röösli verschliesst. Die zunehmend in den Medien porträtierten Extremsensiblen sind nur die Spitze des Eisbergs. Zahllose weniger extrem Betroffene schlagen sich schlecht und recht durch ihren verstrahlten Alltag, begreiflicherweise ohne sich zu „outen“. Dadurch hat die Öffentlichkeit ein völlig falsches Bild vom wahren Ausmass der Betroffenheit. Die Wirtschaft würde profitieren, wenn sie die Arbeitsplätze strahlungsarm gestaltete. ● Für eine realistische Einschätzung der neuen U.S.-Tierstudie sollte man die Internetseite microwavenews.com konsultieren; diese gibt die Hintergründe. Aber bezüglich Antennen steht sie nicht im Vordergrund. Da konsultiert man besser die weltweit vorhandenen Studien an Antennenanwohnern. Diese werden meist verschwiegen, obwohl sie insgesamt die Schädlichkeit der Antennenstrahlung deutlich aufzeigen und so die Praxiserfahrung bestätigen.

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selberschuld
Schon wieder so ein doch recht einseitiger Bericht über Mobilfunkstrahlung. Langsam leidet die Glaubwürdigkeit des Beobachters.

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spatenpauli
Mit Verlaub: Die FMH-Ärzte sind nicht auf der Höhe der Zeit! Der FMH ist augenscheinlich entgangen, dass die von Herrn Schlup angesprochene Studie in den USA (NTP-Studie, Abschlussbericht) nicht mehr nur als Zwischenbericht vorliegt, sondern Anfang Februar 2018 zum Zweck einer öffentlichen Review vollständig publiziert wurde. Jeder kann gegenwärtig die Arbeiten auf der Website des NTP noch einsehen: https://ntp.niehs.nih.gov/about/org/sep/trpanel/meetings/docs/2018/march/index.html. Casus knacksus ist: Die Studie hat den zulässigen Grenzwert nicht nur bis zu 75-fach überschritten (!), was freilich schon von Anfang an bekannt war, sondern es liegt auch keine statistische Signifikanz mehr vor für bösartige Hirntumoren (https://izgmf.de/scripts/forum/index.php?id=65211). Der 2016 publizierte Zwischenbericht zur NTP-Studie sprach noch von Signifikanz, Mobilfunkgegner verbreiteten damals diese Meldung mit viel Hurra. Als aber kürzlich der Abschlussbericht nicht mehr von einem signifikanten Hintumorrisiko sprach, gab es unter Mobilfunkgegnern kein Hurra mehr. Sie schwiegen unisono. Keiner der einschlägigen Vereine teilte den für alle anderen höchst erfreulichen neuen Befund mit – aus meiner Sicht ein indiskutabel irreführendes Verhalten dieser Vereine. Befremdlich auch, dass die FMH-Ärzte sich offenbar auf den Webseiten der Gegner informieren und deshalb die guten neuen Nachrichten aus USA nicht wahrgenommen haben. Sich ausschließlich bei Mobilfunkgegnern informieren ist ein Kardinalsfehler, keiner der Vereine ist aus meiner Sicht dazu tauglich, es fehlt dem Personal dort an fachlicher Qualifikation und vor allem am Willen zu einer ergebnisoffenen Aufklärung. Anti-Mobilfunk-Vereine unterdrücken nur zu gerne alles, was auch nur entfernt nach Entwarnung riecht, der jüngste NTP-Abschlussbericht ist dafür nur ein Beispiel von vielen.

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