Zur Person

Matthias Huber, 48, lebt mit dem Asperger-Syndrom und hat mit einem Stipendium der Stiftung zur Förderung körper- und sinnesbehinderter Hochbegabter Vaduz (FL) Pädagogik und Psychologie an der Uni Zürich studiert. Er arbeitet im Fachbereich Autismus an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Universitären Psychiatrischen Dienste UPD in Bern im Bereich der Diagnostik und Therapie von Kindern und Jugendlichen. Daneben engagiert er sich im Bereich Beratung und Weiterbildung von Eltern und Fachpersonen. Mit Vorträgen im In- und Ausland vermittelt er zwischen herkömmlich Wahrnehmenden und Autisten.

Quelle: Thinkstock Kollektion
Anzeige

Ich bin überempfindlich: gegen Licht, Geräusche und Gerüche. Wenn ich die Wohnung am Morgen verlasse, dann nur mit Sonnenbrille und Mütze zum Schutz vor der Helligkeit. Auch spezielle Kopfhörer, die Umgebungsgeräusche filtern, gehören zu meiner Ausrüstung. Einzig Gerüche kann ich nicht abwehren. So kann es schon einmal passieren, dass ich mich im Bus oder Tram wieder umsetzen muss. Ein starkes Parfum, Zigarettenrauch oder andere Gerüche lassen meinen Stresspegel schnell steigen. Manchmal verzichte ich deswegen sogar auf den öffentlichen Verkehr und gehe zu Fuss.

Büroalltag als Hürdenlauf

Im Büro angekommen, startet in meinem Kopf ein Hintergrundprogramm, auf das ich im Kontakt mit der Gesellschaft ständig Zugriff haben muss. Dieses musste ich mir zuerst erarbeiten, deshalb fühlte ich mich als Kind schnell verloren. Heute schaffe ich es mit seiner Hilfe, in Gesprächen nicht fälschlicherweise gelangweilt zu wirken. Das Hintergrundprogramm erinnert mich daran, Blickkontakt aufzunehmen und hilft mir, besser zuzuhören. Auch sagt es mir, wann ich gestikulieren muss, meine Stimmlage variieren oder nicken sollte. Als aktiver Zuhörer baue ich immer wieder Wortfetzen wie «oh interessant» oder «das kann ich mir vorstellen» ein.

«Für viele Asperger-Betroffene sind moderne Kommunikationsmittel wie Handy und Internet ein grosser Vorteil: Sie können so vorwiegend schriftlich kommunizieren und via Internet-Foren und Selbsthilfegruppen einen Freundeskreis pflegen.»

Thomas Girsberger, Kinderpsychiater und Autismus-Experte

Anzeige

Wenn ich mittags alleine esse, dann nicht, weil ich nicht gerne mit meinen Arbeitskollegen zusammen bin. Im Gegenteil: Der Kontakt zu ihnen ist mir sehr wichtig! Dennoch erschöpfen mich gesellschaftliche Situationen – auch positive. Essen wir doch gemeinsam, brauche ich vor dem nächsten Termin eine 45-minütige Pause, in der ich wieder herunterfahre. Denn unter Überanstrengung leidet meine Arbeitsqualität und das möchte ich auf keinen Fall.

Mir entgeht nichts

Nach der Mittagspause kehre ich gerne an einen geordneten Arbeitsplatz zurück. Meine Augen sind «Detailaugen» – kleinste Unterschiede auf Oberflächen und Veränderungen in Abläufen fallen mir sofort auf. So merke ich mir auch, wer an welchem Tisch sitzt, wie Menschen einander begrüssen, in welchen Worten sie sprechen. Ich bin ein Meister des Erkennens von geringfügigsten Veränderungen und ein Laie für das Erkennen vom grossen Zusammenhängen.

Feierabend und Wochenende bedeuten Entspannung und Zeit für mich selbst. Meine detailfokussierte Wahrnehmung verhilft mir dazu, mich an Kleinstem zu erfreuen, Gegenstände nicht nur anzuschauen, sondern sie über lange Zeit zu beobachten. Mit einem einzigen Thema kann ich mich über Wochen, Monate oder sogar Jahre beschäftigen. So macht es mir auch nichts aus, mit meinen Gedanken alleine zu sein.

Freunde brauchen Verständnis

Natürlich pflege ich auch Freundschaften. Diese können jedoch nur andauern, wenn andere Wissen und/oder Verständnis für die bestehenden Unterschiede haben. Beteiligte sollten spüren, dass sie mir auch wichtig sind, wenn ich sie nur wenige Male im Jahr treffe oder selten von mir aus Kontakt aufnehme. Treffe ich mich mit Freunden, dann am liebsten mit einer einzigen Person. So kann ich mich auf diese konzentrieren und muss meine Gedanken sowie Überlegungen nicht ständig untereinander vergleichen. Ich mag vor allem Gespräche, Kino- und Theaterbesuche mit anschliessender Diskussion und Bewegung in der Natur.

Anzeige

Nach langen Tagen mit viel Interaktion bin ich abends sehr erschöpft, aber auch zufrieden. Inzwischen habe ich gelernt, mit der Informationsflut und den ständigen Situationswechseln zurechtzukommen. Manchmal merke ich, dass ich noch die gleiche Wahrnehmungswelt habe wie als Kind – nur bin ich bei weitem weniger hilflos.

An diesen Verhaltensweisen erkennen Sie Betroffene

Studien haben ergeben, dass Autismus-Störungen häufiger vorkommen als lange Zeit angenommen. Da etwa ein Prozent der Bevölkerung betroffen ist, kommen viele Menschen im näheren Familien-, Freundes- oder Kollegenkreis mit der Störung in Berührung. «Es ist wichtig zu betonen, dass das Asperger-Syndrom ‹unsichtbar› ist und Betroffene nicht auf Anhieb auffallen», erklärt Thomas Girsberger, Kinderpsychiater und Autismus-Experte. «Sie können sich verbal meist gut ausdrücken und bewältigen den Alltag selbständig.» Dennoch gibt es einige Verhaltensweisen, durch welche Betroffene häufig auffallen:

  • Sie reagieren in Gesprächen oft unangemessen, da sie sich nicht in ihr Gegenüber hineinversetzen können
  • Sie verstehen Ironie, Sarkasmus, Sprichwörter und Redewendungen weniger gut, als man erwarten würde
  • Sie sind sehr direkt und sagen, was sie denken
  • Sie beschäftigen sich gerne mit Detailaspekten von Themen, können diese aber nicht in ein grösseres Ganzes einordnen
  • Sie mögen Rituale, Gewohnheiten und einen geregelten Tagesablauf
  • Sie sind Einzelgänger und pflegen in der Regel wenige Kontakte


Thomas Girsberger betont allerdings, dass solche Beschreibungen nicht auf alle Betroffenen zutreffen. Viele der erwähnten Verhaltensweisen können ausserdem durch Übung kompensiert werden.

Mehr zum Asperger-Syndrom erfahren Sie hier.