Der Mann, der an der Liege steht und mit routinierten Händen meinen Rücken «liest», ist völlig entspannt. Ich nicht. Ich schwitze, mein Puls rast.

Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich jemals einen Chiropraktor aufsuchen würde. Wer will sich schon einem Menschen anvertrauen, dessen Berufsbezeichnung an einen Traktor erinnert? Auch sonst schien mir der Vergleich nicht weit hergeholt: Chiropraktoren waren in meiner Vorstellung muskelbepackte Weisskittel, die ihren Opfern mit der Kraft eines Pferdes den Rücken traktieren und den Hals umdrehen.

Ein unerwartet leichter Ruck

Marco Vogelsang, Mitinhaber einer Praxis im Kreis 2 in Zürich, hat die Stelle gefunden, die er manipulieren wird. Kurz darauf geht ein unerwartet leichter Ruck durch meine Wirbelsäule, gefolgt von einem deutlichen Knacks. Nichts ist gebrochen, mein Rücken ist intakt. Das Geräusch stammt vom Lösen des Unterdrucks zwischen den Wirbelbogen­gelenken. «Das wärs», sagt Marco Vogelsang und hilft mir von der Liege. Mit der Anweisung, die nächsten zehn Minuten mit einem kalten Gelkissen im Kreuz auszuruhen, bin ich für heute entlassen.

Die Chiropraktik hat in der Schweiz einen erstaunlichen Wandel hinter sich. Fast unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit hat sie sich vom skeptisch beäugten Naturheilverfahren zum modernen, wissenschaftlich fundierten Medizinfach entwickelt. Wer Rückenschmerzen hat, eine Alternative zur Operation der Wirbelsäule sucht oder seine Gelenke gesund erhalten will, geht zum Chiropraktor. Sportler wissen das längst. «Im Spitzensport, insbesondere in der Leichtathletik, hat fast jeder Profi seinen Chiropraktor», sagt der Orthopäde und Sportmediziner Pierre Hofer aus St. Gallen.

Auch Hans-Heinrich Hoppeler, Anatomieprofessor an der Uni Bern und einer der profiliertesten Sport­mediziner hierzulande, weist der Chi­ro­praktik einen wichtigen Platz zu, um den Bewegungsapparat gesund zu erhalten. Bernhard Anklin, bekannter Zürcher Chiropraktor, behandelt seit Jahren die Eishockeyspieler des ZSC – neben zahllosen weiteren Rücken­patienten.

Den Imagewandel herbeigeführt hat unter anderem das akademische Setting, in das die Chiropraktik hierzulande eingebunden ist: Seit 2008 kann man das Fach an der Universität Zürich studieren. Chiropraktische Medizin ist einem «normalen» Medizinstudium ebenbürtig.

Kreuzweh beim Staubsaugen

Vielleicht sind es die neuen universi­tären Strukturen, vielleicht die positiv gefärbten Erfahrungsberichte von Bekannten, die meine in Stein gemeis­selten Vorurteile aufgeweicht haben.

Es begann damit, dass mir das Wischen der Einfahrt oder das Staubsaugen der Wohnung regelmässig ins Kreuz fuhr. Um nicht schief durch die Gegend zu gehen, schluckte ich Schmerztabletten. Bald wurde ich es aber leid, häusliche Sauberkeit mit pharmazeutischer Unterstützung zu bezahlen, und die Vorstellung, ohne Medikamente vom Rückenweh befreit zu werden, erschien mir verlockend. So bin ich auf dem Behandlungstisch von Marco Vogelsang gelandet.

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Eine belastete Bandscheibe könnte Ursache der Kreuzschmerzen sein: der Rücken der Autorin.

Quelle: Anne Gabriel-Jürgens

Wie geht man mit so einem Rücken?

Die Röntgenbilder, die der 48-Jährige von meiner Wirbelsäule anfertigte, bringen Erstaunliches zutage: Ich habe eine Krümmung in der Lendenwirbelsäule («Skoliose»), einen zweigespaltenen Wirbel­bogen am untersten Len­den­wirbel­gelenk («Spina bifida occulta»), und der linke Querfortsatz des untersten Lendenwirbels ist möglicherweise – das Röntgenbild zeigt es nicht eindeutig – mit dem Kreuzbein verwachsen («Sakralisation»). Zwischen «L4» und «L5», also dem vierten und fünften Lendenwirbel, ist der Abstand etwas weniger breit als bei den übrigen Gelenken. Die Bandscheibe dazwischen scheint belastet zu sein. Das könnte meine sporadischen Kreuzschmerzen erklären.

Betrübt betrachte ich die Bilder und frage mich, wie ich mit solchen Missbildungen im Rücken 50 Jahre lang aufrecht und schmerzfrei gehen konnte – und wie mich diese Wirbelsäule durch mein weiteres Leben tragen soll. Marco Vogelsang lächelt belustigt. «Schauen Sie», sagt er, «ich zeige Ihnen mal wirklich schlimme Bilder.»

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Was er nun an die Leuchtwand hält, ist von ganz anderem Kaliber: An dieser Wirbelsäule quillt eine mäch­tige Diskushernie zwischen zwei Wirbelkörpern hervor und drückt gegen das Rückenmark. Ähnlich trist muten Aufnahmen der Halswirbelsäule an. Die Wirbelkörper scheinen stellenweise wie gestaucht, als habe jemand mit Macht die Bandscheiben hinaus­drücken wollen. Und auch hier ist ein Bandscheibenvorfall von be­trächt­lichem Ausmass zu sehen.

Ob diesem geplagten Patienten die Chiropraktik habe helfen können, frage ich. «Offensichtlich», sagt Vogelsang vergnügt. «Der arme Kerl, von dem diese Bilder stammen, bin ich.»

Marco Vogelsang betrieb in jungen Jahren wettkampfmässig Zehnkampf und trainierte viel. «Ich habe es ziemlich übertrieben», erzählt er. Im Hochsprung schaffte er zwei Meter. Dass beim Absprung der Rücken schmerzte wie die Hölle, konnte er aber irgendwann nicht mehr ignorieren. Als 17-Jähriger suchte er erstmals eine chiropraktische Praxis auf, nach fünf Sitzungen war der Rücken in Ordnung.

Oft gesehen: Diskushernie, Arthrose

Im Sportlehrerstudium holten ihn die Kreuzprobleme erneut ein. Wieder konsultierte er den Chiropraktor. Diesmal war er von der Behandlung so fasziniert, dass er nach vier Jahren als diplomierter Turnlehrer selber eine chiropraktische Ausbildung in Angriff nahm. Anerkannte Schulen gab es in den achtziger Jahren nur in Nordamerika. Vogelsang studierte in Portland im US-Staat Oregon, zwei Prüfungen musste er in der Schweiz ablegen. Nachdem er dann zwei Jahre als Assistent gearbeitet hatte, machte er sich selbständig.

Bei einem Grossteil der Patienten, die Vogelsangs Praxis aufsuchen, sind die Bandscheiben abgenutzt, das tellerförmige Bindegewebe zwischen den Wirbelkörpern. Das kann zu verschiedenen Problemen führen. Beim gefürchteten Bandscheibenvorfall, der Diskushernie, verrutscht der weiche, gallertartige Kern und durchbricht den schützenden Bindegewebsring. Die austretenden Teile können auf Rückenmark oder Nervenwurzeln drücken – Sen­sibilitätsausfälle, Kraftverlust und Schmerzen in den Beinen entstehen.

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Auch Arthrose ist ein häufiges Beschwerdebild. Es wird verursacht durch den Verschleiss der sogenannten Facettengelenke, die zwischen den Gelenkfortsätzen benachbarter Wirbel bestehen und – mit den Bandscheiben – dafür sorgen, dass die Wirbelsäule beweglich ist. Arthrose entsteht oft auf der Höhe des fünften Lendenwirbels, da dort der Rücken mechanisch am meisten beansprucht wird. Das ist für mich und meine Kreuzschmerzen ein kleiner Trost: Wenigstens sind sie typisch, viele andere haben sie auch.

Das Rückenmark reagiert gereizt

«Allen Bandscheibenproblemen gemeinsam ist, dass die Knorpelsubstanz zwischen den Wirbelkörpern abnimmt», erklärt Marco Vogelsang. «An gewissen Stellen erhöht sich der Druck, und es gibt einen ständigen Reiz am Wirbelbogengelenk.»

Und so entstehen Kreuzschmerzen: Die Nervenrezeptoren, die auf den Gelenkflächen sitzen, werden durch den Druck stimuliert und schicken entsprechende Informationen zum Rückenmark. Dieses reagiert auf die Botschaft, indem es die gereizte Stelle weiter erregt. Auch die Muskeln empfangen die Signale und beginnen zu spannen. Der Druck nimmt zu, es werden entzündungsfördernde Stoffe freigesetzt, die weitere Rezeptoren anregen. Die Muskulatur verspannt sich zusehends – und kann völlig blockieren. Die kleinste Bewegung schmerzt. Ein Teufelskreis, «Hexenschuss» im Volksmund. «In diesem Zustand kommen viele Patienten zu uns», sagt Marco Vogelsang.

Sanftes Hauruck: Das Gelenk zwischen Brustwirbel und Rippe wird deblockiert.

Quelle: Anne Gabriel-Jürgens
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Woher das berühmte Knacken kommt

Hausärzte würden in der Regel entzündungshemmende und muskelentspannende Medikamente verschreiben – und es in vielen Fällen dabei bewenden lassen. Der Chiropraktor hingegen setzt auf die Biomechanik. Er ertastet mit geübten Händen die schmerzverursachende Stelle. Ist sie geortet, übt er darauf einen «Impuls» aus, der das berühmte Knacken zur Folge hat. Dabei wird das Gelenk leicht gedehnt, ohne dass die anatomischen Grenzen überschritten werden.

Der Effekt: Die Gelenkflächen werden auseinandergezogen, die Nervensensoren in diesem Bereich gestreckt und in ihrem Zustand normalisiert. Die Signale an Rückenmark und Muskulatur nehmen ab, Entspannung und weniger Druck sind die Folge. Auch der Schmerz lässt nach. So lässt sich gemäss chiropraktischer Lehre schnell eine Besserung erzielen. Das leuchtet ein. Aber ist diese Behandlung auch nachhaltig?

«Medikamente unterdrücken zwar die Schmerzen, am Grundproblem ändern sie aber nichts.»

Marco Vogelsang, Chiropraktor

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«Eine verkümmerte Bandscheibe kann man nicht wieder ‹auffüllen› wie einen Berliner mit Konfitüre», sagt Marco Vogelsang. «Nachhaltig ist die Deblockierung insofern, als sich der Körper wieder an den ‹Normalzustand› gewöhnt.» Oft könne man eine akute Situation mit ein paar wenigen Sitzungen auf Jahre hinaus bessern. Rückfälle liessen sich vermeiden, wenn man alle paar Monate den Chiropraktor aufsuche. «Medikamente dagegen unterdrücken zwar die Schmerzen, aber am Grundproblem ändern sie nichts.»

Die Chiropraktik, von Daniel David Palmer (1845 bis 1913) im 19. Jahrhundert im US-Bundesstaat Iowa begründet, war in der Schweiz anfänglich verfemt. Die erste Schweizer Chiropraktorin überhaupt, eine Hermine Fagan-Linder, soll zwischen 1919 und 1925 in einem Dorf des Berner Oberlands im Geheimen prak­tiziert haben. Bald folgten Gleichgesinnte ihrem Vorbild. Ihnen drohten hohe Bussen, Praxisschliessung, ja sogar Gefängnis. Während die Zahl der Patienten wuchs, stemmten sich die medizinischen Fakultäten der Universitäten Bern und Zürich mit aller Macht gegen die «unzuverlässige Methode» und verlangten ein gesetzliches Verbot.

Nicht ohne Grund: Die damaligen Vertreter versprachen den Patienten das Blaue vom Himmel. Sie priesen die Chiropraktik nicht nur als Behandlungsmethode für Gelenke und Wirbelsäule, sondern als Allheilmittel gegen Asthma, Taubheit, Migräne und vieles mehr.

Gegner sprechen von «Quacksalberei»

Trotz Widerständen akzeptierte der Kanton Luzern die Chiropraktik 1937 als unabhängige Heilmethode. 1939, nach einer hart geführten Kampagne und einer Volksabstimmung, sagte auch der Kanton Zürich Ja zur Chiropraktik. Seit rund 50 Jahren gelten Chiropraktoren in der Schweiz als anerkannte Medizinalpersonen – gleich wie Humanmediziner, Zahnärzte, Tierärzte und Apotheker. Und ihre Leistungen sind von der Grundversicherung der Krankenkassen gedeckt.

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«Allen Wirbelsäule-Manipulationen fehlen zwingende Wirksamkeitsnachweise.»

Edzard Ernst, ehem. Professor für Alternativmedizin an der Uni Exeter

Auf Widerstand stossen die Chiropraktoren aber weiterhin. Ihr härtester Gegner ist Edzard Ernst, ehemaliger Professor für Alternativmedizin der Uni Exeter. Er hat in England einen Ruf als «Quackbuster» (Scharlatan-Schreck), weil er den Nutzen homöo­pathischer Globuli oder Akupunkturnadeln kategorisch anzweifelt. Auch an der Chiropraktik lässt der gebürtige Deutsche kein gutes Haar. Er hält sie für «Quacksalberei» und für gefährlich: «Etwa 50 Prozent der Patienten, die von einem Chiropraktor behandelt wurden, klagen über Nebenwirkungen», schreibt er.

Ferner seien Hunderte ernster Zwischenfälle beschrieben, von denen einige sogar tödlich geendet hätten. Ausserdem: «Allen Wirbelsäule-Manipulationen fehlen zwingende Wirksamkeitsnachweise.» Besserungen, von denen Patienten berichten, erklärt Ernst mit der natürlichen Heilung und dem Placebo-Effekt.

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Beruht die Wirkung der Chiro­praktik tatsächlich auf den positiven «Schwingungen», denen Patienten ausgesetzt sind? Ist der Effekt des «Knacks» letztlich nur Einbildung? Ich stelle die Frage Kim Humphreys von der Uniklinik Balgrist, wo seit 2008 die Chiropraktik der Uni Zürich angesiedelt ist. Unter Humphreys’ Leitung wird am Balgrist behandelt, geforscht, und es werden angehende Chiropraktoren ausgebildet.

Schweizer Forscher belegen Wirkung

Von den 300 Plätzen für Humanmedizin an der Uni Zürich sind 20 für Chiropraktik reserviert. Neben dem medizinischen Grundstu­dium absolvieren die Studierenden eine chiropraktische Ausbildung, wo sie Schritt für Schritt die Handgriffe lernen, um blockierte Halswirbel zu lösen, Kreuzschmerzen zu lindern sowie Schmerzen in Armen und Beinen auf den Grund zu gehen.

Als Antwort auf meine Frage legt Humphreys ein dickes Papierbündel auf den Schreibtisch: Studien der letzten zwei Jahre, die von der Uniklinik Balgrist initiiert wurden und in internationalen Fachzeitschriften erschienen, zum Teil mit Auszeichnungen bedacht wurden.

Humphreys weist auf den Stapel: «Während Jahren wurde den Chiropraktoren vorgeworfen, die Wirksamkeit ihrer Methode sei nicht wissenschaftlich belegt – nun haben wir die Möglichkeit, die Nachweise dafür zu erbringen», sagt der gebürtige Kana­dier. In der Schweiz seien die Türen der Forschung weit offen. Nirgendwo sonst auf der Welt ist die Chiropraktik in eine medizinische Fakultät eingebunden wie an der Uni Zürich. «Fantastisch» sei das.

Besser als Cortison?

Die meisten Forschungsarbeiten zur Chiropraktik sind sogenannte Ver­laufsstu­dien. Sie untersuchen die Wirkung der Behandlung über einen bestimmten Zeitraum. Puristische Verfechter der evidenzbasierten Medizin wie Edzard Ernst kritisieren das als zu wenig aussagekräftig.

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In einer brandneuen Studie allerdings haben Humphreys und sein Team die Wirksamkeit der Chiropraktik erstmals direkt mit einer anderen Behandlungsmethode verglichen: Patienten, bei denen ein Bandscheibenvorfall der Lendenwirbelsäule per MRI nachgewiesen war, er­hielten entweder eine Spritze mit einem Cortisondepot an der Nerven­wurzel – oder begaben sich in chiropraktische Behandlung.

Nach vier Wochen zeigte sich ein signifikanter Unterschied zwischen den beiden Patientengruppen: Über 76,5 Prozent der mit Wirbelsäulen­manipulation Behandelten fühlten sich besser; bei den medikamentös Behandelten waren es 67,2 Prozent.

Komplikationen habe es in keiner der beiden Gruppen gegeben; die Kosten fielen bei der chiropraktischen Behandlung im Schnitt um 163 Franken günstiger aus als bei der Cortison­behandlung.

«Solche Studien sind nur der Anfang», betont Humphreys. Was ihn und seine Mitarbeiter zunehmend interessiert, ist die Frage, wie sich Schmerzen aufs Nervensystem auswirken. In Hirnscans haben sie ge­sehen, dass sich die Veranlagung zu chronischen Kreuzschmerzen abzeichnet, lange bevor die Symptome chronisch werden.

«Bewegen Sie sich!»

Von chronischen Beschwerden, wie sie am Balgrist behandelt werden, sind meine eigenen Kreuzprobleme weit entfernt. Das habe ich inzwischen erkannt. Mit einer leicht gekrümmten Wirbelsäule lebt etwa jede hundertste Person. Auch meine anderen «Missbildungen» sind häufig. Nach zwei Konsultationen bei Marco Vogelsang ist die Behandlung abgeschlossen. «Bewegen Sie sich!», rät er zum Abschied.

So beschliesse ich, meiner Wirbelsäule auf anderem Weg etwas Gutes zu tun: Ich löse ein Jahresabo für ein Fitnesszentrum und versuche, dreimal wöchentlich meine Rückenmuskeln zu trainieren. Seither geht es wieder mit dem Staubsaugen.

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