Beobachter: Was ist der Unterschied zwischen ­Depression und Traurigkeit?
Daniel Hell: Wir sind traurig, wenn wir etwas Wichtiges verlieren, einen nahen Menschen, den Arbeitsplatz. Wer traurig ist, ist fähig zu ­weinen. Ein depressiver Mensch hingegen kann oft gar nicht mehr traurig sein, seine Tränen ­stocken.

Beobachter: Wie lässt sich der Gemütszustand depres­siver Menschen beschreiben?
Daniel Hell: Sie sind bedrückt und niedergeschlagen. Ihre Lebensdynamik ist wie angehalten, es ist ein kummervolles Innehalten. Ihre Gefühle erleben sie gedämpft, auch wenn sie meistens eine quälende innere Unruhe verspüren.

Beobachter: Was sind die zentralen Symptome einer Depression?
Daniel Hell: An erster Stelle steht die gedrückte Stimmung. Als Zweites kommen Interessenverlust beziehungsweise Freudlosigkeit hinzu, als Drittes verminderter Antrieb oder erhöhte Ermüdbarkeit.

Beobachter:Es gibt Fragebögen, mit denen man herausfinden kann, ob man depressiv ist. Was halten Sie davon?
Daniel Hell: Es genügt nicht, Symptome abzufragen. Mit den Fragebögen werden auch normale Stimmungsschwankungen und anhaltende leichtere Stimmungsveränderungen erfasst. Für eine Diagnose ist deshalb eine ausführliche Untersuchung notwendig. Zudem gilt es, körperliche Ursachen wie Schilddrüsenerkrankungen auszuschliessen.

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Beobachter: An wen sollten sich Betroffene wenden?
Daniel Hell: Ich würde mich vom Hausarzt beraten lassen, er wird Patienten gegebenenfalls an einen Facharzt für Psychiatrie überweisen.

Beobachter: Depressive bekommen zu hören, es fehle ihnen an Leistungswillen. Ist das berechtigt?
Daniel Hell: Depressive Menschen sind verlangsamt, und sie interessieren sich für nichts mehr. So kann der Eindruck entstehen, sie seien träge und faul. Aber sie sind es gegen ihren Willen. Nichts wäre ihnen lieber, als wieder aktiv sein zu können. Deshalb ist es falsch, an ihren Willen zu appellieren. Dadurch wird ihr Problem eher grösser.

Beobachter: Warum?
Daniel Hell: Wer depressiv ist, wird vom Organismus ausgebremst. Solange sich die Bremse nicht lösen lässt, führt jedes Ankämpfen dagegen zu noch grösserer Spannung und Erschöpfung. Um die Bremse zu lockern, brauchen Betroffene Hilfe.

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Beobachter: Welche Hilfe?
Daniel Hell: Bei leichten bis mittelschweren Depressionen rate ich zur Psychotherapie. Meistens sind keine Antidepressiva nötig. Diese wirken nach heutigem Kenntnisstand besser bei schweren Depressionen, bei leichteren hingegen ist der Nutzen geringer.