Hans Rickli ist Chefarzt der Kardiologie am Kantonsspital St. Gallen. Obwohl er regel­mässig mit dem Velo zur Arbeit fährt – hin und zurück rund 40 Kilometer –, sagt er: «Man muss kein Sportler werden, um gesund zu bleiben.»

(Bild: Tina Steinauer)

Quelle: Thinkstock Kollektion

Beobachter: Herr Rickli, was tun Sie, ­damit Ihr Herz gesund bleibt?
Hans Rickli: Ich bewege mich regelmässig, sorge unter anderem mit Sport und Musik für Entspannung, achte auf eine ausgewogene Ernährung und versuche, mein Gewicht konstant zu halten.

Beobachter: Und Letzteres gelingt Ihnen?
Rickli: Ja, ich bin seit 20 Jahren in etwa gleich schwer (lacht).

Beobachter: Was sind, neben Übergewicht, die ­wichtigsten Risikofaktoren bei Herz­krankheiten?
Rickli: Rauchen, hoher Blutdruck, mangelnde Bewegung, unausgewogene Ernährung, Stress sowie erhöhte Blutfett- und Blutzuckerwerte.

Beobachter: Das sind alles Faktoren, die sich ­beeinflussen lassen.
Rickli: Ja, neun von zehn Herzinfarkten oder Hirnschlägen werden von messbaren und kontrollierbaren Werten beeinflusst. Die meisten Risiken lassen sich durch einen gesundheits­bewussteren Lebensstil minimieren oder ausschalten.

Beobachter: Welche Risikofaktoren lassen sich nicht beeinflussen?
Rickli: Zum einen das Geschlecht: Gegenüber Männern haben Frauen vor der Menopause einen Vorteil, was das Herz-Kreislauf-Risiko betrifft. Östrogene üben einen schützenden Effekt auf die Blutgefässe aus. Zum anderen das Alter und eine erbliche Veranlagung. Bei der familiären Vorbelastung spielt eine Fettstoffwechselstörung die Hauptrolle. Sie führt zu einem hohen, ungünstigen Cholesterinanteil. Immerhin lässt sich dies durch Medikamente regulieren.

Beobachter: Cholesterin stand jahrelang unter Generalverdacht, ungesund zu sein. Inwieweit betrachtet man es heute differenzierter?
Rickli: Der Gesamtwert des im Blut gemessenen Cholesterins setzt sich unter anderem aus einem schädigenden und einem schützenden Anteil zusammen. Letzterer reduziert das Risiko krankhafter Veränderungen an den Herzkranzgefässen.

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Beobachter: Generell: Was richten alle genannten ­Risikofaktoren mit dem Herzen an?
Rickli: Die intakten Innenwände der Herzkranzgefässe werden geschädigt, sie entzünden sich, oder es bilden sich Ablagerungen – Arteriosklerose. Die Gefässwände werden dicker, verhärten sich und können sich ganz verschliessen. Das passiert indirekt, über erhöhten Blutzucker oder ein ungünstiges Verhältnis der Blutfette, oder direkt: Beim Rauchen zum Beispiel ist der lineare Effekt zwischen der Menge der gerauchten Zigaretten und den Veränderungen an den Gefässen nachgewiesen.

«Grosse Sorge bereitet, dass viele Junge nach wie vor rauchen.»

Hans Rickli

Beobachter: Reduziert man den schädigenden Einfluss, indem man weniger raucht?
Rickli: Nein. Aufhören ist die einzige Antwort. Es gibt keine risikofreie Menge.

Beobachter: Aufhören ist für die meisten Raucher äusserst schwierig.
Rickli: Das ist so, es ist meistens ein langer Prozess. Den Patienten, die es eine Zeit lang geschafft, dann aber wieder angefangen haben, sage ich immer: Geben Sie nicht auf, Sie sind schon viel weiter als andere, die sich noch gar nicht mit der Frage befasst haben. Es ist alles andere als eine Niederlage, vielmehr ein Teilziel auf dem Weg zum Nichtraucher.

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Beobachter: Stimmt es, dass heute generell weniger geraucht wird?
Rickli: Das Rauchen hat abgenommen, aber nur bei bestimmten Bevölkerungsgruppen. Grosse Sorge bereitet, dass es viele Junge nach wie vor tun.

Beobachter: Wie aufgeklärt ist die Schweizer ­Bevölkerung darüber, was das Herz schützt und was ihm schadet?
Rickli: Das ist sehr unterschiedlich. Ein Teil, in der Regel diejenigen, die ein tiefes Risiko haben, lebt sehr bewusst. Bei Patienten mit hohem Risiko ist das Bewusstsein eher schlechter. Es ist also eine paradoxe Situation.

Beobachter: Und wie kommt man an diese Risikogruppe heran?
Rickli: Es ist eine der schwierigsten Aufgaben, zumal wir wissen, dass auch psychosoziale Aspekte ­eine grosse Rolle spielen. Wer unter schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen lebt, raucht mehr, ernährt sich ungesünder, bewegt sich kaum. Das Wirksamste wäre Prävention in der Familie. Oder auch Hausärzte zu sensibilisieren. Risikopatienten, die wegen einer anderen Krankheit in die Praxis kommen, könnten so ­direkt aufgefordert werden, sich einem Herzcheck zu unterziehen.

Beobachter: Auch Alkohol wird als einer der Risikofaktoren genannt. Gleichzeitig, so heisst es, soll er in bestimmten Mengen gesund sein. Wie lautet Ihre Empfehlung?
Rickli: Ich bezweifle, dass es empfehlenswerte Mengen gibt. Zwar existieren Untersuchungen, wonach ein bis zwei Glas Wein an vier bis fünf Tagen pro Woche eine gewisse schützende Wirkung auf das Herz haben. Ich würde aber jemandem, der keinen Alkohol trinkt, nicht empfehlen, aus gesundheitsfördernden Gründen damit zu beginnen.

«Wer neben hohem Blutdruck zudem noch hohe Blutfettwerte hat und raucht, erhöht sein Risiko, ein krankes Herz zu bekommen, um ein Vielfaches.»

Hans Rickli

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Beobachter: Experten streiten auch immer wieder darüber, wo hoher Blutdruck beginnt. Was gilt heute als normal?
Rickli: Bei einem optimalen Blutdruck liegt der obere Wert bei 120 mmHg, der untere bei 80 mmHg. Normal sind Werte von 140 zu 90. Bei über 80-jährigen Patientinnen und Patienten ist der «normale» beziehungsweise tolerable Blutdruckwert inzwischen etwas nach oben korrigiert worden, nämlich auf 150 mmHg. Man hat gemerkt, dass gerade bei Senioren ein zu tiefer Blutdruck vermehrt zu Nebenwirkungen wie Schwindelgefühl und erhöhtem Sturzrisiko führt.

Beobachter: Abgesehen von den Medikamenten: Was sind die wirksamsten Mittel, um einen hohen Blutdruck zu senken?
Rickli: Rauchstopp, Bewegung, ausgewogene Ernährung, bei Übergewicht Abnehmen. Es hilft zudem, den Salzkonsum zu reduzieren. Der Durchschnittsschweizer nimmt pro Tag zwischen 12 und 14 Gramm Salz zu sich. Bei Menschen mit zu hohem Blutdruck wirkt sich dies negativ aus. Bei nur sechs bis acht Gramm pro Tag lässt sich der Blutdruck günstig beeinflussen. Also aufs versteckte Salz achten und nicht einfach nachsalzen. Ein Kilo Brot zum Beispiel hat bis zu 15 Gramm Salz.

Beobachter: Wie bewertet man heute das Risiko, ein krankes Herz zu bekommen? Ist es sinnvoll, auf einzelne Risikofaktoren zu fokussieren?
Rickli: Wir schauen bei einem Patienten immer das gesamte Risikoprofil an. Bei einem Check-up fliessen alle Faktoren in ein Berechnungsmodell ein. Hoher Blutdruck allein ist kein Alarmzeichen. Wer aber zudem noch hohe Blutfettwerte hat und raucht, erhöht sein Risiko, ein krankes Herz zu bekommen, um ein Vielfaches. Wissen muss man aber, dass es sich dabei immer um statis­tische Mittelwerte handelt.

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Beobachter: Wer wissen will, ob er ein erhöhtes Krankheitsrisiko hat, findet heutzutage im Internet eine Vielzahl von Selbsttests. Wie zuverlässig sind sie?
Rickli: Tests wie der auf www.swissheartcoach.ch sind wissenschaftlich untermauert. Mit den erfassten Risikofaktoren lässt sich, ähnlich den Tests beim Arzt, die Wahrscheinlichkeit erfassen, in den nächsten zehn Jahren einen Herzinfarkt zu erleiden.

Beobachter: Besteht bei den Tests nicht die Gefahr, sich in falscher Sicherheit zu wähnen und allfällige Anzeichen einer Erkrankung zu übersehen?
Rickli: Die Betonung liegt auf «Wahrscheinlichkeit». Für den Einzelfall gibt es keine Sicherheit, dass nicht morgen ein Herzinfarkt auftreten kann. Auch deshalb ist es wichtig, die Anzeichen einer Herzerkrankung zu erkennen und bei Symp­tomen rasch einen Arzt aufzusuchen.