Das Wundermittel kommt aus der Tube oder der Spritze. Und es soll Männer im fortgeschrittenen Alter in Junghirsche verzaubern, ihnen «eine ­zufriedenstellende Lebensqualität zurückgeben», wie der Zürcher Männerarzt Christian Sigg das formuliert. Sigg verkauft online synthetisches Testosteron. Der Markt wächst kräftig, seit Pharmafirmen die Werbefanfare blasen und Männern versprechen, eine Therapie mache sie wieder aufgeweckt, gutgelaunt und aktiv.

Mysteriöse «Wechseljahre des Mannes»

In der Schweiz ist die Nachfrage nach Hormonpräparaten gestiegen. Ärzte und Kliniken stellen fest, dass immer öfter Männer um die 50 zu ihnen kommen, die Testosteron verlangen, weil sie sich abgeschlagen fühlen und Erektionsstörungen haben. Eine gefährliche gesellschaftliche Entwicklung, kritisieren Mediziner wie der Zürcher Hausarzt Thomas Walser: «Doch immer mehr Mediziner wollen uns ein mysteriöses Phänomen weismachen, das jeden Mann irgendwann zum Kandidaten für ­eine Testosteronkur machen könnte: die ‹Wechseljahre des Mannes›.»

Für die Beschwerden gibt es plötzlich auch ein passendes Krankheitsbild: das partielle Androgendefizit des alternden Mannes, kurz: Padam. Und den passenden Werbeslogan: «Adam hat Padam.» Andere sprechen von TMS, dem Testosteronmangelsyndrom, von den «Wechseljahren des Mannes» oder – auch nicht übel – von «Andropause».

«‹Andropause› ist ein schlecht gewählter Begriff», sagt Mirjam Christ-Crain, ­Hormonspezialistin am Universitätsspital Basel. Im Gegensatz zu Frauen sinkt der Hormonspiegel bei Männern nicht abrupt, ist es mit der fruchtbaren Phase nicht irgendwann ganz vorbei. Es handelt sich vielmehr um einen schleichenden Prozess, der ungefähr mit Mitte 20 beginnt, aber sehr individuell verlaufen kann. Es gibt Männer, die mit 70 noch hohe Werte aufweisen, andere haben schon mit 40 tiefe. Fest steht indessen: Dass die Testos­teronproduktion mit den Jahren abnimmt, ist eine normale Alterserscheinung. Den Eindruck zu vermitteln, jeder leicht erniedrigte Wert führt automatisch zu Beschwerden und ist behandlungsbedürfig, ist irreführend.

Hormonmangel ist nicht immer Ursache

Es gibt alles: Männer, die tiefe Testosteronwerte aufweisen und trotzdem putzmunter sind. Und Männer, die trotz normalen oder gar hohen Hormonwerten über unspezi­fische Altersbeschwerden wie depressive Verstimmungen oder Schlafstörungen klagen. Beides kann andere Ursachen haben als einen Hormonmangel. Deshalb ist es unabdingbar, dass man sich von einem Spezialisten gründlich abklären lässt, statt auf eine Therapie zu setzen.

«Der Testosteronwert allein ist nicht sehr aussagekräftig», sagt Mirjam Christ-Crain weiter. Das sei mit ein Grund, warum sich verschiedene Fachgesellschaften schwer damit tun, Grenzwerte festzulegen. Die Uniklinik Basel orientiert sich an den Werten der US-Endokrinologiegesellschaft. Danach sind Testosteronwerte von über elf Nanomol pro Liter Blutserum normal, unter acht bis neun zu tief. Aber eben: Die Männer reagieren unterschiedlich. Und es kommt etwas hinzu, was die Diagnose komplizierter macht: «Ein Mann, der mit 70 zum Arzt kommt, weiss in der Regel ja nicht, welchen Wert er mit 20 hatte.»

Medizinisch notwendig sind Hormontherapien nur bei Männern, die an Hypogonadismus leiden. Dann produzieren ihre Hoden kein Testosteron mehr; entweder als Folge einer Bestrahlung, Entzündung oder Verletzung oder weil die Hirnanhangdrüse wegen eines Tumors ihre Steuerfunktion nicht mehr erfüllt. Männer, die unter Hypogonadismus leiden, klagen typischerweise über Erektionsstörungen, mangelnde Libido, Müdigkeit, wachsende Brüste oder Osteoporose (Knochenschwund). Für diese Gruppe von Patienten war die Hormontherapie ursprünglich auch entwickelt worden.

«Künstliches Testosteron ist kein Lifestyleprodukt. Es taugt nicht als Wunderwaffe gegen das Altern», warnt Hans-Peter Schmid, Urologie-Chefarzt am Kantons­spital St. Gallen. «Ausserdem ist es als ­Potenzmittel ungeeignet.» Testosteron ­beeinflusst zwar das sexuelle Verlangen – bei Erektionsstörungen hilft es aber nicht. Testosteronmangel ist nur eine von mehreren Ursachen, wenn Männer keine erfüllte Sexualität mehr erfahren.

Testosterontherapie: Nie auf eigene Faust

Wer benötigt eine Behandlung?
Männer, deren Hoden zu wenig Testosteron erzeugen, entweder wegen eines genetischen Defekts, einer Chemotherapie, nach hoher Testosterongabe, bei Problemen der Hirnanhangsdrüse oder gelegentlich wegen der Folge von Medikamenten. Zur Feststellung des Hormonmangels ist eine Analyse nötig.

Wie sieht eine Behandlung mit Testosteron aus?
Dem Patienten wird meist alle drei Monate Testosteron intramuskulär gespritzt, oder er trägt das Hormon in Form eines testosteronhaltigen Gels auf. Neuerdings gibt es Testosteron auch für unter die Arme wie ein Deostift. Testosteron in Form von Tabletten wurde vom Markt genommen, da Leberschäden festgestellt wurden. Testosteron erhöht die Libido des Mannes manchmal sehr stark. Was viele Männer nicht wissen: Die Therapie kann zeitweise unfruchtbar machen.

Welche Nebenwirkungen können auftreten?
Zu den allgemein bekannten Nebenwirkungen zählen Akne und Talgdrüsenabszesse, trockene Haut, Verdauungs­störungen, Kopfweh, Müdigkeit, Vergrösserung der männlichen Brustdrüse. Wissenschaftlich umstritten ist, ob eine Tes­tosterontherapie das Risiko erhöht, einen Herzinfarkt zu erleiden. Sportler und Bodybuilder, die Testosteron missbräuchlich hoch dosiert einsetzen, müssen mit Leberschäden rechnen und mit schweren Persönlichkeitsveränderungen und psychischen Störwirkungen wie Psychose, Verfolgungswahn, Depression.

Darf man Testosteron ab und zu einsetzen?
Von einer ungezielten und unkontrollierten Anwendung männlicher Sexualhormone ist zu warnen.

Wie kann man dem Mangel an Testosteron vorbeugen?
Bei einem gesunden Mann nimmt der Testosteron­spiegel vom 40. Lebensjahr an jährlich um etwa ein bis zwei Prozent ab. Sport scheint den Testosteron­spiegel zu erhöhen, sagt Thomas Gasser, Facharzt für Urologie am Kantonsspital Baselland in Liestal. Daneben: nicht rauchen, wenig Alkohol trinken – und lernen, wie man am besten mit Stress umgeht.