Beobachter: Die meisten Krebspatienten sterben nicht an ihrem Primärtumor, sondern an Metastasen, die lebenswichtige Organe wie die Leber zerstören. Sind Lebermetastasen so schwer zu operieren?
Anja Lachenmayer: Die Leber ist ein komplexes, gut durchblutetes Organ, sie bewegt sich mit jedem Atemzug, und sie ist überlebenswichtig: Man darf nicht zu viel davon entfernen, damit ihre Funktion erhalten bleibt. Es spielt eine Rolle, ob man einen Krebs in einer kranken Leber oder Metastasen in einer sonst gesunden Leber operiert, wie gross und zahlreich Tumorherde sind und wo genau sie liegen.


Wie helfen Sie Patienten, wenn Lebermetastasen nicht mehr chirurgisch entfernt werden können?
In diesen Fällen setzen wir auf die Ablation, kombiniert mit einem computergestützten Navigationssystem, das an der Universität und am Inselspital Bern für Operationen an der Leber entwickelt wurde. Dabei zerstört man Krebsherde, indem man eine spezielle Nadel reinsteckt und sie mit Hilfe von Mikro- oder Radiofrequenzwellen verbrennt. Das ist für den Patienten viel schonender als eine grosse Operation. Aber während wir bei Letzterer die Leber quasi in der Hand haben und sehen, was wir machen, sind wir bei der Ablation auf bildgebende Verfahren angewiesen. Früher machte man dabei Krebsherde mit einem Ultraschallgerät sichtbar und arbeitete sich Stück für Stück vor. Das ist nicht sehr genau, und nicht alle Krebsherde wurden so sichtbar.


Und heute?
Mittlerweile gibt es sehr sensitive Magnetresonanztomografen, die auch kleine Metastasen sichtbar machen. Dank unserem Navigationssystem können wir solche Bilder einlesen und mit dem Computertomogramm verschmelzen, das während des Eingriffs in Echtzeit vom Patienten gemacht wird. Winzige Metastasen werden so sichtbar, und wir können millimeternah an wichtige Gefässe oder Organe rangehen.

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Sind dank dieser Technik nun auch Eingriffe bei Krebspatienten möglich, für die es früher keine Hoffnung auf Heilung gab?
Absolut. Vor allem auch in Kombination mit der Chemotherapie, die viel besser geworden ist in den letzten Jahren. Mit einer zusätzlichen Ablation werden Patienten dann manchmal doch ganz tumorfrei.


Bekommen Sie auch Anfragen von Patienten, denen Sie nicht helfen können?
Gelegentlich wenden sich Patienten an uns, die eine Chemotherapie umgehen möchten. Aber wenn jemand 10 bis 20 Metastasen in der Leber hat, ist die Ablation nicht das Richtige.


Krebs mit Metastasen in der Leber bleibt also trotzdem für viele eine unheilbare, tödliche Krankheit?
Ja. Es gibt Fälle, wo die Krankheit so weit fortgeschritten ist, dass wir nicht mehr heilend eingreifen können. Gleichzeitig gibt es auch immer mehr Patienten, bei denen es gelingt, den Krebs über Jahre in Schach zu halten, mal mit Chemo, mal mit Operation, mal mit Ablation, bei denen der Krebs eine chronische Krankheit geworden ist. Für Darmkrebspatienten, die eine Chemotherapie hinter sich haben und zu viele Metastasen, um heilend operiert zu werden, haben wir eine Studie gestartet, in der wir die Ablation mit einer Immuntherapie Krebs Wundermittel mit Nebenwirkungen kombinieren. Wir behandeln einen Teil der Metastasen mit Ablation und hoffen, dass der Körper mit den verbleibenden selbst fertig wird.

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Welche Krebspatienten können dank der computergestützten Ablation heute auf Heilung hoffen?
Seit 2015 haben wir im Team mit der Radiologie mehr als 700 Krebsherde bei 476 Patienten behandelt. Am häufigsten behandeln wir Patienten mit hepatozellulärem Karzinom, einem Tumor in der Leber, aber wir haben auch schon 68 Patienten mit Darmkrebs und Metastasen in der Leber behandelt sowie Lebermetastasen, die von Primärtumoren in Brust, Eierstock, Prostata, Haut und Magen ausgingen. Wir behandeln die ganze Bandbreite. Nach anfänglicher Skepsis von Fachkollegen wird unsere Technik mittlerweile auch in anderen Schweizer Spitälern und weltweit eingesetzt. Doch Krebs ist eine komplexe Krankheit, trotz den grossen Fortschritten müssen wir vorsichtig sein, wenn wir von Heilung sprechen. Denn selbst wenn wir einen Tumor vollständig wegbringen, besteht immer ein Risiko, dass er wiederkommt. Eine Garantie, dass man nach einem Eingriff geheilt ist und krebsfrei bleiben wird, gibt es nicht.

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Zur Person

PD Dr. med. Anja Lachenmayer ist Oberärztin Viszerale Chirurgie am Inselspital Bern und operiert dort auch Patientinnen und Patienten mit Leberkrebs oder Metastasen in der Leber.

«Wissen, was dem Körper gut tut.»

Chantal Hebeisen, Redaktorin

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