Aufgezeichnet von Birthe Homann:

Meine Mutter ist 75 Jahre alt und fürchtet sich davor, dement zu werden, obwohl es dafür keinerlei Anzeichen gibt. Das geht wohl vielen älteren Menschen so. Jetzt bin aber plötzlich ich als viel Jüngere diejenige, der die Wörter nicht mehr einfallen oder die auch mal ganze Sätze falsch sagt. Als ich sie neulich besuchte, war das irgendwie auch lustig. Ich wollte sagen «Ich geh kurz einkaufen», heraus kam «Nimm die Handtücher ab». Wir lachten viel.

Sorgen mache ich mir deswegen schon. Weil es noch gar nicht erforscht ist, was die Konsequenzen dieser Störungen sind. Ich habe gelesen, dass es auch sein könnte, dass diese Wortfindungsstörungen Demenz begünstigen – es ist jedenfalls nicht ausgeschlossen. Manchmal habe ich schon die Befürchtung, an einer frühen Form von Demenz Demenz trifft auch Jüngere Anna, 56, dement zu leiden. Dieser sogenannte Brain Fog, der Nebel im Kopf, macht mir Angst. Dass ich nicht weiss, was dieses Virus in meinem Gehirn alles angerichtet hat oder noch anrichten wird.

Zurzeit arbeite ich, neben dem Schreiben als freie Journalistin, im Backoffice einer grossen Kinderarztpraxis. Ende November wurde ich positiv auf Corona getestet. Ich hatte verschiedene Symptome, hohes Fieber und starke Schmerzen in den Beinen. Zudem habe ich den Geruchs- und Geschmackssinn verloren. Es heisst ja, dass das Virus über die Nase ins Gehirn gelangt.

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Faulige Peperoni, unverträglicher Sesam

Ich stelle mir vor, dass das auch bei mir so war. Geruch und Geschmack kamen nach etwa drei Wochen zurück. Allerdings kann ich keine Peperoni mehr essen, die schmecken für mich nach Fäulnis. Und seit etwa ein, zwei Wochen bemerke ich beim Essen immer wieder mal einen faulen Geschmack, wo andere nichts merken. Seit kurzem vertrage ich Sesam nicht mehr.

Es ist also noch nicht vorbei. Ein blödes Gefühl, ich hoffe, es weitet sich nicht weiter aus. Ich rieche auch manche Parfums nicht mehr gern, ein weiteres Indiz dafür, dass das Virus in meinem Gehirn angekommen ist.

Schon bald nach meiner Corona-Erkrankung fiel mir auf, dass ich viel öfter als sonst mitten im Reden nach einzelnen Wörtern suchen musste, vielleicht zehnmal am Tag, manchmal öfter. Es sind nicht besonders schwierige Wörter, die mir nicht einfallen, sondern ganz banale wie «Stuhl», «Topf» oder «Handtuch». Meinem Mann fällt das natürlich auf, inzwischen verdreht er nur noch die Augen, wenn ich mal wieder suche. Er murmelt dann «Long Covid».

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Leere im Kopf

Ich stehe zum Beispiel in der Küche und sage: «Wir müssen dann noch … ähm, warte, … oh, wie heisst das … oh Mann, … ah, ja … Milch einkaufen.» Es ist in dem Moment alles weg, völlig leerer Kopf. Ich muss mich unglaublich konzentrieren, um den Satz fertigzubringen.

Was mir auch passiert: Ich verwende Wörter, die ich nie verwenden wollte, mitten in einem Satz. Ich sage zum Beispiel «Gib mir bitte den Honig» und meine: «Gib mir bitte die Zeitung». Oder zu meiner kleinen Tochter: «Jetzt zieh endlich die Zahnbürste an», obwohl ich sagen wollte: «Jetzt zieh endlich die Schuhe an». Meine Fünfjährige schaut mich dann völlig ratlos an. Mein Mann lacht sich kaputt oder ist, weil es ja schon lange andauert, auch manchmal genervt.

Aber eigentlich kann ich damit ganz gut leben, beim Schreiben habe ich keine Probleme, nur beim Reden. Das meiste kann ich ja überspielen, jeder sucht mal nach einem Wort oder verspricht sich. Es fällt nur den Leuten auf, mit denen ich oft und lange zusammen bin.

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Zu einer Long-Covid-Sprechstunde bin ich bis jetzt noch nicht gegangen, weil es Menschen gibt, die viel schlimmere Folgen von Corona ertragen müssen. Ich möchte denen den Vortritt lassen. Es geht mir ja nicht schlecht, es hat sich nur etwas verschoben in meinem Leben. Ich bin immer noch ich, aber etwas ist anders in meinem Gehirn, es haben sich ein paar Schrauben gelockert. Das ist unheimlich.

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Birthe Homann, Redaktorin

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