Pietro Vernazza, 57, leitet den Fachbereich ­Infektiologie und Spitalhygiene am ­Kantonsspital St. Gallen. Er ist Präsident der 16-köpfigen Eidgenössischen Kommission für sexuelle Gesundheit.

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Beobachter: Das Genfer Universitäts­spital gibt seit Anfang Dezember ein ­Medikament ab, das einer Ansteckung mit dem ­HI-Virus vorbeugt. Ist das der Anfang vom Ende der weltweiten Aidsepidemie, ähnlich wie bei den ­Pocken?
Pietro Vernazza: Nein, das ist es nicht. Pocken sind durch eine Impfung ­besiegt worden. Das angesprochene Medikament mit dem Namen Truvada ist eine Präexposi­tionsprophylaxe oder kurz PrEP. Man muss jeden Tag eine Pille einnehmen, und das kostet 900 Franken im Monat. PrEP ist also wesentlich teurer als Kondome, aber nicht wirksamer. Sie werden nie die gesamte Menschheit dazu bringen können, ein HIV-Medikament zu schlucken, auch wenn man das zahlen könnte. Warum sollten ­Gesunde längerfristig eine Chemo­therapie machen, die auch Langzeit-Nebenwirkungen hat? Für den Einzelnen mit hohem Risiko mag PrEP eine Option darstellen. Um die HIV-Epidemie einzudämmen, ist die Massnahme un­geeignet und viel zu teuer.

Beobachter: Warum empfiehlt es dann die Genfer Uniklinik?
Vernazza: Vielleicht weil dem Spital das Individuum näher ist als die öffentliche ­Gesundheit (Public Health). Für ein Individuum mit hohem Risiko sage ich ja auch: «Ja, ich gebe dir das und zeige dir auch, wie du es richtig machst.» Aber es ist keine Public-Health-Empfehlung für alle Männer, die Sex mit Männern haben, auch wenn eine Universität das behauptet. 

Beobachter: Wen sehen Sie als Risikogruppe?
Vernazza: Sinnvoll kann PrEP sein bei Personen mit hohem Ansteckungsrisiko, die Schwierigkeiten mit der konsistenten Verwendung von Kondomen beim Sex haben. Am ehesten trifft das auf Männer zu, die Sex mit Männern haben. Wir haben das sehr genau analysiert. Das dürften in der Schweiz etwa 2000 Männer sein. Auch für Menschen, die Sexpartys oder sogenannte Sexreisen in Länder mit erhöhtem HIV-Risiko planen, dürfte es eine sinnvolle Op­tion sein, eventuell auch nur für eine beschränkte Zeit. In der Schweiz selbst sinkt das Risiko kontinuierlich, auf ­einen ansteckenden Sexualpartner zu treffen. Der Grund liegt in der Schweizer Gesundheitspolitik: Wir setzen seit Jahren auf die Safer-Sex-Regeln, die Frühdiagnose und die Frühtherapie. Das heisst, wir diagnostizieren sehr viele Betroffene immer früher und behandeln sie. Darum treffen Männer, die Sex mit Männern haben, in der Schweiz viel seltener auf einen ansteckenden Partner als etwa in den USA.

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«Wir haben in der Schweiz die viel bessere Kontrolle von HIV. Man kann nicht alles ungeprüft aus den USA übernehmen, ohne die Rahmenbedingungen zu vergleichen.»

Pietro Vernazza

Beobachter: Heterosexuelle Männer, die in Swingerklubs ungeschützten Sex haben – oder auch in Thailand –, sind nicht gefährdet?
Vernazza: Eindeutig weniger. Die Häufigkeit von HIV-Infektionen bei Frauen ist um ein Vielfaches geringer als bei Männern, die Sex mit Männern haben. Daher ist das Ansteckungsrisiko auch geringer. Es ist auch eine Frage der Wahrscheinlichkeit möglicher Risikokontakte: Wenn sich drei heterosexuelle Paare treffen, gibt es neun Möglichkeiten zum heterosexuellen Austausch, unter sechs homosexuellen Männern gibt es 15 Kontaktmöglichkeiten. Männer, die Sex mit Männern haben, sind bezüglich der HIV-Ausbreitung ungleich ­gefährdeter. Darum ist es wichtig, dass sich die Prävention an solche Männer richtet. Für das Individuum ist das eine andere Überlegung: Es kann sich mit PrEP schützen – wenn es sich einem Risiko aussetzt.

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Beobachter: «Spiegel online» schrieb, zwei Pillen vor dem Sex und zwei danach würden genügen, dann sei man gegen das ­HI-Virus weitgehend immun. Und der «Tages-Anzeiger» ­lobte PrEP als ­«chemisches Kondom»…
Vernazza: Ich finde Sex ohne Kondom auch besser und mag es jedem gönnen, der das angstfrei erleben kann. Aber es ist nicht die Aufgabe der öffentlichen Hand, dies zu finanzieren. Ob zwei Pillen (mindestens zwei Stunden) vor dem Sex genügen, ist nicht gesichert. In der Studie, die das untersucht hat, schluckten die Männer insgesamt an 15 Tagen Medikamente. Es wird vermutet, dass es zu Be­ginn mehr als zwei Tabletten braucht, um sich wirksam zu schützen. Da haben wir eben noch eine Wissenslücke.

Beobachter: Nähmen wegen PrEP die anderen ­Geschlechtskrankheiten zu?
Vernazza: Das wird diskutiert. Ich glaube nicht, dass das ein grosses Problem ist. Die klassischen Geschlechtskrankheiten können wir mit Früherkennung und Therapie sehr gut managen. Tests auf Geschlechtskrankheiten gehören daher auch zu einer korrekt durch­geführten PrEP. Meine Angst ist eine ganz andere: der unsachgemässe Einsatz. Das wäre sehr schlecht. Wenn PrEP nur noch 20 Franken pro Monat kosten und breit angewendet würde – und jeder es so nehmen würde, wie er gerade Lust hat. Dann steigt das Risiko, dass Menschen PrEP nach einer nicht erkannten HIV-Infek­tion nehmen: Das wäre dann eine ungenügende Behandlung, die unweigerlich zur Resistenzentwicklung führt. Wenn wir Viren heranzüchten, deren Truvada nicht mehr Herr wird, dann haben wir unsere wichtigste Waffe im Kampf gegen Aids nicht mehr. Darum hat die Eid­genössische Kommission für sexuelle Gesundheit sehr genau beschrieben, wie man PrEP richtig anwenden soll. Wir möchten auch sicherstellen, dass die Behandlung von erfahrenen Ärzten durchgeführt wird.

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«Wir werden eine ganz klar formulierte Empfehlung abgeben, wie man PrEP in der Schweiz sinnvoll einsetzen kann.»

Pietro Vernazza

Beobachter: Im Internet werden 30 PrEP-Pillen ­bereits für etwa 80 Franken angeboten. Werden die Generika zur Partydroge?
Vernazza: Es gibt keine Generika in der Schweiz, zumindest keine, die man hier verkaufen dürfte. Vorläufig ändert sich nichts daran, dass PrEP 900 Franken pro Monat kostet. Wenn es in der Schweiz so günstige Generika gäbe, würden wir diese in der Therapie ja auch einsetzen. In den nächsten zwei, drei Jahren ist das aber leider noch nicht möglich.

Beobachter: Auch andere Stoffe sind in der Schweiz verboten, aber dennoch im Land.
Vernazza: Das bestreite ich ja gar nicht. Aber es wird bisher nicht mit der grossen Kelle angerichtet. Es ist schlicht blauäugig, zu sagen, der Preis sei kein Problem, weil man PrEP auch viel günstiger ­haben könnte.

Beobachter: In den USA beschloss die Gesundheitsbehörde die Abgabe von PrEP an 500'000 Menschen mit hohem ­Ansteckungsrisiko.
Vernazza: Es muss mir niemand mit den USA als Beispiel kommen. Wir haben in der Schweiz die viel bessere Kontrolle von HIV. In den USA sind 81 Prozent der HIV-positiven Männer, die Sex mit Männern haben, HIV-infektiös. In der Schweiz ist es, ­inklusive aller nicht diagnostizierten, etwa ein Drittel. Da ist unsere Situa­tion besser, dem sollten wir Sorge tragen! Man kann nicht alles ungeprüft aus den USA übernehmen, ohne die Rahmenbedingungen zu vergleichen.

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Beobachter: Dann wird die Expertenkommission, der Sie vorstehen, dem Bundesamt für ­Gesundheit also empfehlen, den Einsatz der Präventionspille abzulehnen?
Vernazza: Nein, das werden wir nicht. Wir werden eine ganz klar formulierte Empfehlung abgeben, wie man PrEP in der Schweiz sinnvoll einsetzen kann. Als breite Präventionsmassnahme, um die HIV-Ausbreitung einzudämmen, ist das Medikament in unserem Umfeld untauglich.