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Impfen bei Erwachsenen«Impfungen gehen schlichtweg vergessen»

Jeder zweite Erwachsene hat die empfohlenen Auffrischungsimpfungen nicht gemacht. Ob das schlimm ist und was helfen würde, verrät Impfspezialist Daniel Desgrandchamps.

Und wie lange liegt Ihre letzte Impfung zurück?

Von Veröffentlicht am 04. Juli 2019

Beobachter: Nicht alle Impfungen schützen ein Leben lang. Einige sollten im Erwachsenenalter aufgefrischt werden. Darum kümmerten sich 2016 nur 43 Prozent der jungen Erwachsenen, wie eine Umfrage des Bundesamts für Gesundheit (BAG) zeigte. Weshalb?
Daniel Desgrandchamps: Nur wenige entscheiden sich bewusst dagegen – meistens gehen Impfungen schlichtweg vergessen. Eine Impfung drängt sich nicht auf, solange keine Gefahr besteht. Patienten kommen meistens erst in die Praxis, wenn es einen konkreten Anlass gibt.


Zum Beispiel?
Bei einer Schnittwunde, die genäht werden muss. In diesem Fall empfiehlt der Arzt vermutlich die Tetanus-Impfung, um den Körper vor Starrkrampf zu schützen. Andere Patientinnen planen Ferien in einem Entwicklungsland und wollen sich durch die Hepatitis-A-Impfung vor einer Leberentzündung schützen. Im besten Fall kontrolliert der Arzt bei dieser Gelegenheit auch gleich den Impfausweis.


Ist es denn schlimm, wenn Erwachsene die Impfungen vergessen?
Wenn zu einem früheren Zeitpunkt – zum Beispiel in der Kindheit – bereits geimpft wurde, spricht man von einer Auffrischungsimpfung. Geht diese vergessen, verfügen Patienten meistens zumindest über einen gewissen Schutz durch die erste Impfung. Eine Nachholimpfung ist nötig, wenn eine Patientin noch gar keine Impfung gegen eine Krankheit erhalten hat. Dann ist sie im Ernstfall nicht geschützt, kann schwer erkranken oder selten sogar sterben. Ein Risiko, das man nicht eingehen muss. Aber natürlich gibt es auch Menschen, die ohne Impfungen durchs Leben gehen und nie gesundheitliche Probleme haben.


Ist es nicht egoistisch, sich nicht impfen zu lassen? Ungeimpfte gefährden doch auch ihre Mitmenschen.
Nicht in jedem Fall. Einige Impfungen bieten nur einen individuellen Schutz, zum Beispiel die Impfung gegen die Zecken-Enzephalitis. Bei ansteckenden Krankheiten wie Diphtherie oder Masern Masern «Es gibt noch viel zu viele Ungeimpfte» ist das anders: Je mehr Menschen nicht geimpft sind, desto schneller verbreiten sich Erreger. So gefährden Ungeimpfte beispielsweise auch Neugeborene durch Keuchhusten, Schwangere, und alte oder chronisch kranke Menschen durch Grippe. Die Schweiz strebt deshalb wie alle anderen Länder eine möglichst hohe Durchimpfungsrate an.


Diese könnte verbessert werden, wenn Erwachsene an eine Auffrischung der empfohlenen Impfungen erinnert würden.
Bestimmt, der Hausarzt kann diese Aufgabe übernehmen. Viele Frauen und Männer haben allerdings seit ihrer Kindheit mindestens einmal, meist sogar mehrmals den Hausarzt gewechselt. Dieser hat dann keinen Überblick über die Impfgeschichte all seiner Patienten. Das regelmässige Überprüfen der Patientendaten ist zeitaufwändig – da gibt es oft dringendere Aufgaben. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) macht aber regelmässig auf das Thema aufmerksam, zum Beispiel mit der Kampagne zur Masernimpfung.


Seit kurzem wirbt das BAG mit der Aktion «Bisch gimpft?» auch für den elektronischen Impfausweis. Welche Vorteile hat er für Patientinnen und Ärzte?
Sehr viele! Bei Patienten hat es schon nur einen positiven Einfluss, wenn sie sich beim Erstellen mit ihrer Impfgeschichte auseinandersetzen. Der Ausweis bietet eine benutzerfreundliche Übersicht über bereits gemachte Impfungen, zudem werden Erwachsene an fällige Auffrischungen und fehlende Impfungen erinnert. Auch Ärzte profitieren: Der elektronische Impfausweis Elektronischer Impfausweis Was bringt das digitale «Impfbüechli»? schlägt ihnen einen konkreten Nachholimpfplan vor und zeigt auch gleich die verfügbaren Impfstoffe an.


Trotzdem haben sich seit 2011 erst 235'000 Personen registriert.
Das Projekt wurde sehr sorgfältig erarbeitet und ist von keinem grossen Player finanziert – da war mit einem langsamen Start zu rechnen. Nun stösst der elektronische Impfausweis aber auf immer mehr Interesse.


Viele Erwachsene können die Einträge im «Impfbüechli» nicht entziffern. Andere haben dieses verlegt oder verloren.
Solche Fälle kommen oft vor. Patientinnen müssen sich aber keine Sorgen machen. Ärzte helfen ihnen, die Impfgeschichte möglichst gut zu rekonstruieren und impfen sie dann anhand klarer Anleitungen. So wird dann zum Beispiel je eine Dosis Tetanus und Hepatitis B gespritzt. Bei einem zweiten Termin prüft die Ärztin die Antikörper. Wenn ein Patient trotz der einmaligen Impfung eine schlechte Immunantwort zeigt, kann man davon ausgehen, dass die gesamte Grundimpfung nachgeholt werden muss.


Und wenn versehentlich ein Impfstoff gespritzt wird, den die Patientin schon erhalten hat?
Das ist in aller Regel absolut problemlos. Ist man schon geimpft, neutralisiert der Körper die gespritzten Impfviren. Dann nützt die Impfung zwar nichts, schadet aber auch nicht. Gefährliche Überreaktionen auf Impfungen sind extrem selten.


Die offiziellen Impfempfehlungen ändern sich immer mal wieder. Weshalb?
Auf dem Gebiet der Impfungen wird sehr viel geforscht. Bei Starrkrampf wurden die Impfintervalle zum Beispiel bei jüngeren Erwachsenen von zehn auf 20 Jahre verlängert, weil Daten gezeigt haben, dass der Impfschutz so ausreicht. Dafür werden Schwangere heute immer öfter gegen Keuchhusten geimpft, weil dort die meisten Todesfälle bei Kindern unter vier Monaten vorkommen. Die Impfung in der Schwangerschaft ist die einzige Möglichkeit, die Kinder schon ab Geburt zu schützen. Neue Empfehlungen sind ein gutes Zeichen, da sie meist auf neuen Erkenntnissen gründen.

Zur Person

Daniel Desgrandchamps (61) ist Kinderarzt und Impfspezialist. Als wissenschaftlicher Sekretär der Eidgenössischen Impfkommission (EKIF) ist er täglich mit dem Thema Impfen konfrontiert.

Welche Impfungen werden in der Schweiz empfohlen?

  • Diphtherie, Starrkrampf (Tetanus), Keuchhusten (Pertussis)
    Die Impfung umfasst vorerst drei Dosen im Alter von 2, 4 und 12 Monaten. Zwischen 4 bis 7 Jahren (vor Schuleintritt) und mit 11 bis 15 Jahren wird sie dann aufgefrischt. Erwachsene sollten sich im Alter von 25 Jahren noch einmal impfen lassen. Danach werden Diphtherie und Starrkrampf idealerweise alle 20 Jahre aufgefrischt, ab 65 Jahren alle 10 Jahre.
     
  • Haemophilus influenzae Typ b (Hib-Impfung)
    Die Impfung ist für Kinder im Alter von 2, 4 und 12 Monaten empfohlen. Weitere Impfungen sind in der Regel nicht mehr nötig.
     
  • Kinderlähmung (Poliomyelitis)
    Säuglinge sollten im Alter von 2, 4 und 12 Monaten drei Impfdosen erhalten. Die letzte Dosis folgt zwischen 4 und 7 Jahren. Bei Aufenthalten in Risikogebieten wird eine Auffrischung nach 10 Jahren empfohlen.
     
  • Hepatitis B (HBV)
    Ein Kombinationsimpfstoff wird Säuglingen im Alter von 2, 4 und 12 Monaten empfohlen. Ebenfalls empfohlen wird eine Impfung im Alter von 11-15 Jahren für bisher nicht geimpfte Jugendliche und Risikogruppen sowie eine Auffrischungsimpfung im Erwachsenenalter.
     
  • Pneumokokken-Erkrankungen
    Die Impfung ist für Kinder im Alter von 2, 4 und 12 Monaten empfohlen.
     
  • Masern, Mumps und Röteln
    Empfohlen sind zwei Dosen im Alter von 9 Monaten und 12 Monaten. Eine Nachholimpfung wird Erwachsenen empfohlen, die nach 1963 geboren wurden und gar nicht oder unvollständig geimpft sind. Sie wird in zwei Dosen im Abstand von mindestens einem Monat verabreicht.
     
  • Windpocken (Varizellen)
    Die Impfung wird 11 bis 15-Jährigen und Erwachsenen unter 40 Jahren empfohlen, die nie Windpocken hatten und deshalb nicht durch Antikörper geschützt sind.
     
  • Humane Papillomaviren (HPV)/Feigwarzen
    Die Impfung wird Mädchen als Basisimpfung und Jungen als ergänzende Impfung empfohlen. Geimpft wird idealerweise zwischen 11 und 14 Jahren und vor Beginn der sexuellen Aktivität empfohlen. Auch für 15- bis 26-Jährige kann die Impfung Sinn machen.
     
  • Grippe-Impfung (Influenza)
    Die Impfung wird ab einem Alter von 65 Jahren jährlich empfohlen.

 

Weitere Informationen finden Sie im Schweizerischen Impfplan 2019.

«Wissen, was dem Körper gut tut.»

Chantal Hebeisen, Redaktorin

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Veröffentlicht am 04. Juli 2019