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Chronisch krank«Der Schmerz macht mich fertig»

«Der Schmerz macht mich fertig»
Bild: Getty Images

Frage: «Ich leide unter chronischen Schmerzen in Rücken und Beinen. Eine eindeutige Ursache gibt es nicht. Ich nehme Schmerzmittel und mache Physiotherapie, aber mein Zustand schlägt mir langsam aufs Gemüt.»

von Christine Harzheimaktualisiert am 2017 M05 09

Antwort von Christine Harzheim, Psychologin FSP und systemische Familientherapeutin:

Wenn Schmerzen ohne erkennbaren Grund fortbestehen, bedeutet das für die Betroffenen meist grosses Leid. Zur körperlichen Belastung kommen Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Man zieht sich zurück, die wiederkehrenden Schmerzattacken nehmen Geist und Psyche in Besitz. Zudem lässt die berufliche Leistungsfähigkeit nach.

Es ist ein Teufelskreis: Je mehr an «normalem» Leben man aufgibt, umso mehr Aufmerksamkeit nötigt einem der Schmerz ab. Er wird zum alles dominierenden Gegner. Er taktet den Alltag und entscheidet darüber, was machbar ist und was nicht. Man bleibt hängen im Kampf um Kontrolle und Schmerzfreiheit, Hoffnung und Enttäuschung wechseln sich ab.

Eigentlich ist Schmerz sinnvoll, nötig zum Überleben. Er weist uns auf Gefahren hin und veranlasst uns, unser Verhalten zu korrigieren. Es gibt Menschen mit einem angeborenen Defekt am Gen SCN11A. Sie spüren keinen Schmerz. Die Folge: Sie verletzen sich, ohne es zu merken, und sterben oft früh.

Akuter Schmerz erfüllt also eine Funktion. Anders die chronische Form. Hier funken Nervenzellen unbeirrt weiter, obwohl die Verletzung längst abgeheilt ist.

Die Schmerzforschung hat in den letzten Jahrzehnten immer neue Erklärungsmodelle entwickelt. Man hat sich verabschiedet vom simplen Bild, dass der Schmerz über eine Art Klingelleitung vom Ort der Verletzung zum Gehirn geleitet wird. Überholt ist auch die Idee, dass chronische Schmerzen psychogen sind, dass also Neurosen und innere Konflikte sich irgendwie im Schmerz ausdrücken.

Auch «grundloser» Schmerz ist real

Heute weiss man, dass das Schmerzerleben ein komplexes aktives Zusammenspiel von körperlichen, psychischen und sozialen Faktoren ist. Chronischer Schmerz – also Schmerz, der dauerhaft ist und nicht mehr durch körperliche Ursachen erklärt werden kann – verändert das Zentralnervensystem, es entsteht eine Art «Schmerzgedächtnis». Dabei interpretieren Nervenzellen schon kleinste Reize als Schmerzimpuls, den sie ans Gehirn weiterleiten. Dieser Schmerz ist genauso real und belastend wie der, der mit einer frischen Verletzung einhergeht.

Chronischer Schmerz ist mittlerweile als eigenständiges Krankheitsbild anerkannt. Früher wurde Schmerzpatienten häufig Unrecht getan, man hielt sie für Simulanten, ihr Leid für übertrieben oder eingebildet.

Die Erkenntnis, dass Schmerz individuell unterschiedlich verarbeitet und durch biologische, psychologische und soziologische Faktoren ausgelöst wird, hat den medizinisch-therapeutischen Umgang verändert. Statt eingleisig mit Medikamenten oder Operationen oder aber mit einer Psychotherapie vorzugehen, haben sich inzwischen interdisziplinäre Schmerztherapie-Angebote bewährt. In einem regionalen Schmerzzentrum etwa kann man herausfinden, welche Stressfaktoren mitverantwortlich sind und welche konkreten Veränderungen im alltäglichen Verhalten und Denken positiven Einfluss nehmen könnten.

«Früher wurde Betroffenen oft Unrecht getan. Man hielt sie für Simulanten.»


Christine Harzheim, Psychologin FSP und systemische Familientherapeutin

Den lästigen Begleiter irgendwie akzeptieren

Ziel ist, den Patienten aus seiner Isolation zu befreien, in der der Schmerz die Gedanken, die Gefühle und den Alltag bestimmt. Es geht darum, zu akzeptieren, dass der Schmerz unter Umständen zu einem dauerhaften Begleiter wird. Dass er für eine lange Zeit mit am Tisch sitzen wird. Aber vielleicht etwas weiter weg und nicht mehr gross und schwer auf den Schultern des Betroffenen. Eine massgeschneiderte Kombination von medikamentöser Therapie, Verhaltenstherapie, Ergotherapie und schmerzlindernden Verfahren – etwa Entspannungstechniken, Massagen, TENS-Reizstromtherapie – kann die Lebensqualität trotz chronischem Schmerz erheblich verbessern.

Zusätzlich hilfreich kann die Unterstützung durch andere Betroffene in einer Selbsthilfegruppe sein. Fragen Sie Ihren Hausarzt nach Angeboten in Ihrer Gegend.

Buchtipps

  • Harro Albrecht: «Schmerz. Eine Befreiungsgeschichte»; Verlag Droemer, 2016, 608 Seiten, Fr. 21.90
  • Patience Higman, Margaret Hönicke: «Chronische Schmerzen. Wie Sie lernen, damit umzugehen»; Verlag Schulz-Kirchner, 2011, 64 Seiten, Fr. 13.90

Haben Sie psychische oder soziale Probleme?

Schreiben Sie an:

Christine Harzheim, Beobachter, Postfach, 8021 Zürich; christine.harzheim@beobachter.ch