Frage eines Lesers: «Meine Mutter ist gestorben und nun vereinsamt mein Vater. Wie kann ich helfen?»

Besten Dank für Ihr Schreiben, man spürt Ihre Liebe zum Vater gut darin. Ich kann Ihre Sorgen und auch Ihre Hilflosigkeit sehr gut nachvollziehen.

Ihre Eltern hatten 60 Jahre gemeinsam verbracht. Die Mutter verstarb am Anfang der Corona-Zeit. Sie haben täglich mit dem Vater telefoniert. Wegen der Pandemie hatte er mit Ihnen und auch mit seinem Freundeskreis wenig direkten Kontakt. So vergrub er sich in der Wohnung, mit seinen Büchern und seinen Pflanzen. Das hat sich bis heute nicht geändert. Wenn Sie ihn einladen, findet er immer wieder Gründe, warum es gerade nicht geht.

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Wir geben dem Älterwerden leider wenig Raum und würdigen es nicht genug . Unsere Gesellschaft ist auf Neues, auf Wachstum und Entwicklung ausgelegt, nicht auf Anpassung an ein «Weniger», an ein Loslassen.

«Sätze wie ‹Da müssen alle mal durch› würdigen nicht, wie schwierig das ist.»

Thomas Ihde, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH

So finde ich es sehr beeindruckend, wie meine Mutter das in ihren letzten zehn Lebensjahren gelöst hat. Jedes Jahr hat sie sich überlegt, welche Aktivitäten es loszulassen gilt. Sie hat dann meist recht nüchtern mitgeteilt, dass sie nun zum Beispiel mit dem Skifahren aufgehört habe. Das mutete aber gar nie wie Verzicht an, sie wirkte dabei sehr besonnen, zentriert – und oft auch entlastet.

Die Herausforderung würdigen

Mein Vater hingegen kämpfte immer bis zuletzt. Beim Skifahren erhöhte er einfach den Krafteinsatz, bis er mitten auf der Piste stecken blieb und ihm quasi der Hang mitteilte, dass es mit dieser Sportart wohl nun zu Ende war Bewegungsempfehlung Fit bis ins Alter . Er haderte damit, loslassen zu müssen.

Als meine Mutter vor ein paar Jahren starb, stand er vor seiner wohl schwierigsten Aufgabe. Auch meine Eltern waren ihr ganzes Leben zusammen gewesen. Das Loslassen meisterte mein Vater auf sehr beeindruckende Art. Meine Mutter ist bei ihm auf eine gute Art noch sehr präsent, und doch hat er sich sehr gut angepasst. Er hat neue Aktivitäten für sich entdeckt, teils gerade dort, wo vorher das Territorium der Mutter war.

Für diese Leistung erhält er aber wenig gesellschaftliche Würdigung. Sätze wie «Da müssen alle mal durch» sollen zwar ein Geschehnis normalisieren. Aber sie würdigen in keiner Weise, dass der Umgang mit solchen Verlusten wohl eine der schwierigsten Lebensaufgaben ist. Und so ist es auch nicht überraschend, dass viele diese Aufgabe schlecht meistern.

Würdigen Sie gegenüber dem Vater also die grosse Herausforderung immer wieder. Er wird sich vielleicht dagegen wehren im Sinne von: «Ich will doch kein Mitleid.» Doch Sie drücken ja Mitgefühl aus, nicht Mitleid.

Auf Gründe des Rückzugs ansprechen

Neben Würdigung braucht es Klärung: Informationen, worum es beim Rückzug eigentlich geht. Hier hilft ein entspanntes Gespräch. Fragen Sie, wie er die Trauerphase erlebt hat, wie es ihm mit dem Alleinsein geht, warum er Kontakte eher meidet.

Ihre Mutter und die Arbeit waren vielleicht seine «sozialen Motoren» – beide sind weg. Vielleicht stellt er sich auch vor, dass er Ihre Mutter respektive ihren Tod zu wenig würdigen würde, wenn er sich mit Kollegen zum Jassen träfe Einsamkeit im Alter Senioren aktiv am Leben teilhaben lassen , es dann sogar noch lustig hätte.

Vielleicht hat er auch eine Depression entwickelt Altersdepression Welche Anzeichen alarmieren sollten , und ihm macht nichts mehr Freude. Auch nicht Vorfreude. Wenn er an einen Besuch bei Ihnen denkt, kommen nur Angstgedanken. Wie sehr er den Besuch geniessen könnte, kann er sich nicht vorstellen, die entsprechenden Gefühle spürt er nicht.

Hilfreich kann auch sein, Vignetten mit Beispielen zu liefern: «Die Mutter einer Arbeitskollegin hat sich nach dem Tod des Vaters auch sehr zurückgezogen. Es zeigte sich, dass sie immer Schuldgefühle hatte, wenn sie Freude zeigte.» Solche Beispiele dürfen auch fiktiv sein. Es geht darum, Ihrem Vater auf eine nicht konfrontative Art aufzuzeigen, was mögliche Gründe für seinen Rückzug sind. Gründe, die er nicht benennen kann, für die er sich vielleicht schämt.

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