Gerd Gigerenzer ist Direktor der Abteilung Adaptives Verhalten und Kognition und des Harding-Zentrums für Risikokompetenz, beide am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Er trainiert US-Bundesrichter und deutsche Ärzte und Manager in der Kunst des Entscheidens und der Risikokommunikation.

Beobachter: Im Mai schockierte die Hollywood-Schauspielerin Angelina Jolie die Welt mit der Nachricht, dass sie sich vorsorglich beide ­Brüste hatte amputieren lassen. Sie wollte ­damit ihr Brustkrebsrisiko eliminieren, das bei ihr familiär bedingt um ein Vielfaches erhöht war. Was denken Sie darüber?
Gerd Gigerenzer: Sie hat eine persönliche Entscheidung getroffen, und es liegt mir fern, diese zu kritisieren. Man kann sich aber fragen, auf welcher Faktenbasis da entschieden wurde. Die ist nämlich ziemlich unsicher: Eine Studie an 639 Patientinnen, die wie Frau Jolie eine BRCA1- oder BRCA2-Mutation im Erbgut auf­wiesen oder familiär belastet waren, hat gezeigt, dass selbst die vorbeugende beidseitige Mastektomie keine absolute Sicherheit bietet: Von 100 Frauen, die in dieser Hochrisikogruppe sind, verstarben in der Kontrollgruppe ohne vorsorgliche Operation innerhalb von 14 Jahren fünf Frauen an Brustkrebs – mit der Operation aber noch immer eine von 100.

Beobachter: Das würde mancherorts als «80-prozentige ­Risikoreduktion» dargestellt.
Gigerenzer: In Wahrheit sind es aber nur vier Prozent.

Beobachter: Sie kritisieren die irreführende Kommunikation mit Prozentzahlen auch beim Mammographie-Screening. Was läuft da falsch?
Gigerenzer: Der Nutzen des Mammographie-Screenings ist so gut untersucht wie bei keinem anderen Krebs-Screening: Wenn 1000 Frauen im Alter von 50 Jahren oder älter zum Screening gehen, sterben dennoch ­innerhalb der nächsten zehn Jahre vier Frauen an Brustkrebs. Wenn 1000 Frauen nicht gehen, sterben fünf. Diese Fakten könnte man ganz einfach kommunizieren, aber das geschieht oft nicht. Die Befür­worter von Screening-Programmen feiern den marginalen Nutzen als «20-prozentige ­Risikoreduktion». Das missverstehen viele dann so, als ob das Screening 20 von 100 Frauen das Leben retten würde. In Wahrheit hat nur eine von 1000 gescreenten Frauen einen Nutzen, 999 haben nichts davon – ausser möglicherweise Schäden.

Beobachter: Trotzdem fordern diverse politisch einfluss­reiche Organisationen das organisierte ­Mammographie-Screening. Was steht dahinter?
Gigerenzer: Erstens mangelndes Verständnis der wissenschaftlichen Evidenz: Sie können sich nicht vorstellen, wie viele Ärzte den Unterschied zwischen «20 Prozent» und ­«eine von 1000» nicht kennen und ihre Patien­tinnen irreführend informieren – weil sie selbst an den Universitäten keine hinreichende Ausbildung in statistischem Denken erhalten haben. Zweitens Interessenkonflikte: Man verdient am Screening. Das ist ein moralisches Problem. Drittens ­defensive Medizin: Immer mehr Ärzte tun alles Mögliche, um nichts zu verpassen und sich vor dem Patienten als möglichem Kläger zu schützen. In Deutschland wurde erst kürzlich ein Gynäkologe zu 20'000 Euro Schadenersatz verurteilt, weil er einer Frau zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht zur Mammographie geraten hatte.

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Beobachter: Sie plädieren einerseits dafür, Zahlen klar zu kommunizieren und zu berücksichtigen, auf der anderen Seite sind Sie ein Verfechter des Bauchentscheids. Ein Widerspruch?
Gigerenzer: Nein, denn Sie brauchen beides: statistisches Denken ebenso wie eine gute Intui­tion. Der einzige Fall, in dem Sie keine ­Intuition brauchen, sind Situationen wie beim Roulette, wo alle Risiken bekannt sind. Dort können Sie im Voraus berechnen, wie viel Sie statistisch gewinnen und verlieren werden. Doch die Welt ist kein Kasino, sondern voller Ungewissheit, deshalb brauchen Sie die Intuition. Ein guter Arzt verlässt sich nicht nur auf die medizinische Evidenz, sondern auch auf seinen Bauch: Er kennt seine Patienten und spürt, wenn etwas nicht in Ordnung ist.

Beobachter: Wie definieren Sie Intuition?
Gigerenzer: Intuition ist gefühltes Wissen, das rasch ins Bewusstsein dringt, dessen Gründe uns aber nicht bewusst sind. Wir können es selbst nicht erklären. Es ist nicht in der Sprache, es ist woanders im Gehirn – und doch stark genug, dass es unsere Entscheidungen lenkt. Jeder Experte lebt davon, sei es an der Börse oder im Sport. Gerd Müller, der ehemalige Fussballnationalspieler aus Bayern, hat einmal gesagt: «Wennst nachdenkst, bis eh schon verloren.»

Beobachter: Im Sport wird die Intuition geschätzt. Aber im Allgemeinen beurteilen wir sie doch sehr skeptisch. Woher kommt das?
Gigerenzer: Ich glaube, das Misstrauen gegen die Intuition hängt stark mit unserer Kultur der Absicherung zusammen. Ärzte sehen oft auf den ersten Blick, wo bei einem Patienten das Problem liegt. Trotzdem führen sie dann die ganze Batterie von Tests durch aus Angst vor dem Risiko, sich zu irren. In der Wirtschaft entscheiden viele Manager intuitiv – doch statt offen zu ihrem Bauchentscheid zu stehen, lassen sie im Nach­hinein ihre Mitarbeiter wochenlang die Gründe für ein angeblich faktenbasiertes Urteil sammeln. Sie haben Hemmungen, für ihre Entscheidung geradezustehen. ­Allerdings gilt das mehr für die börsen­kotierten Firmen, in einem Familienunternehmen finden Sie dieses defensive Verhalten seltener.

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Beobachter: In Ihren Büchern taucht oft der Begriff ­Faustregel auf. Ist die Faustregel der ­Kompromiss ­zwischen der Intuition und einer wohlüberlegten Entscheidung?
Gigerenzer: Wenn man an einem Problem arbeitet, bei dem man die Risiken exakt kalkulieren kann, soll man rechnen. Hier braucht man keine Anleitungen oder Faustregeln. Aber wenn Sie in einer ungewissen Welt leben und sich Fragen stellen wie «Wen soll ich heiraten?», «Welchen Beruf soll ich ergreifen?», «Was tue ich mit dem Rest meines Lebens?», «Wo investiere ich?» – in all diesen Fällen brauchen Sie eine gute Intuition, und diese beruht oft auf einfachen Regeln, die Sie auch bewusst anwenden können. Eine solche Faustregel im Finanzbereich lautet: «Kaufe nichts, was du nicht verstehst.» Es hätte viele Banker vor der Krise geschützt, wenn sie diese Regel angewandt hätten.

Beobachter: Haben Sie ein weiteres Beispiel?
Gigerenzer: Nehmen wir die Welt des Investmentbankings: Heute lösen die global vernetzten Banken unvorhersehbare Dominoeffekte aus, Grossbanken müssen Tausende von Risikofaktoren schätzen, doch die traditionellen Risikomodelle taugen nicht mehr. Gibt es einfache Regeln, die dieses Problem lösen? Als ich Mervyn King, bis Juli 2013 Chef der Bank of England, fragte, was seiner Meinung nach die Gefahr künftiger Krisen verringern würde, antwortete er prompt mit einem einzigen Grundsatz: «Vermeide einen Verschuldungsgrad von über 10:1.»

Beobachter: Sie meinen damit die Aufnahme von ­Fremd­kapital?
Gigerenzer: Genau. Der Verschuldungsgrad bezeichnet das Verhältnis des Fremdkapitals einer Bank, ihrer Verbindlichkeiten, zu ihrem ­Eigenkapital. Fremdkapital erhöht die ­Aussichten auf Gewinne, aber auch auf Verluste. Ein Verschuldungsgrad von höchstens 10:1 als Faustregel würde verhindern, dass die Banken durch über­mässige Kapitalaufnahme zu anfällig werden. Natürlich hat dieser Vorschlag unter den Bankern sofort massive Kritik aus­gelöst. Aber unsere Untersuchungen zeigen, dass einfache Regeln offenbar nicht nur mehr Sicherheit schaffen können, sondern das Ganze auch viel transparenter machen. So dass man wirklich verstehen kann, was da passiert.

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Beobachter: Damit sind wir bei der Risikokompetenz ­angelangt, für die Sie sich ebenfalls ­starkmachen. Was ist ein risikokompetenter Mensch in der heutigen, komplexen Welt mit den vielen Unbekannten?
Gigerenzer: Das ist ein Mensch, der die richtigen ­Fragen stellen kann, der weiss, wo man Informa­tionen findet, und der vor allem auch den Mut hat, eigene Entscheidungen für sich selbst, für seine Familie oder sein Geschäft zu übernehmen. Das erfordert ­eine Kombination von Wissen und richtigen Emotionen – vor allem Mut. Kant hat das so gesagt: «Sapere aude» (Habe den Mut, dich deines eigenen Verstands zu ­bedienen).

Beobachter: Ein Appell an die aufgeklärte Erwachsenenwelt?
Gigerenzer: Nicht nur, im Grunde sollte Risikokompetenz viel früher beginnen. Unsere Kinder lehren wir in der Schule die Mathematik der Sicherheit – Geometrie, Algebra, Trigonometrie. Was davon können die Menschen in ihrem Beruf gebrauchen? Wenig. Deshalb sollten wir den jungen Generationen zuerst andere Werkzeuge vermitteln, nämlich solche zum Lösen von lebens­nahen Problemen. Dafür ist statistisches Denken das nützlichste Gebiet der Mathematik. Transparente Risikokommunika­tion, motivierende Unterrichtsmaterialien und intelligente Faustregeln – dafür ist ­jedes Kind zu haben.