Frage von Damian S.: Ich trete demnächst eine neue Stelle an und habe bis dann alle Freiheiten und jede Menge Freizeit. Leider kann ich die Zeit nicht geniessen: Ich fühle mich lustlos und müde, vermag mich kaum zum Joggen aufzuraffen. Wieso kann ich diese Chance nicht richtig nutzen?

Vielleicht kommen durch den Freiraum unbewusste, bisher verdrängte Konflikte näher an die Oberfläche und lösen Lustlosigkeit aus. Wenn auch in den kommenden Wochen nichts auftaucht, was Sie fasziniert und aktiviert, sollten Sie Ihrem Zustand in einer Psychotherapie auf den Grund gehen.

Grundsätzlich gilt aber für uns alle: Zu glauben, Freiheit oder Freizeit an sich mache glücklich, ist ein Irrtum. Freiheit oder Freizeit haben keine eigene Substanz; die beiden Wörter besagen nur, dass Zwang und Einschränkung abwesend sind. Freiheit ist einfach Leere und macht weder glücklich noch unglücklich. Doch was macht denn nun das Glücklichsein aus?

Das Glück lässt sich nicht dingfest machen

Seit Mitte des letzten Jahrhunderts hat sich eine systematische Glücksforschung entwickelt. Einen wichtigen Impuls hat der amerikanische Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi gegeben. Er hat Hunderte von Menschen jeden Alters, jeder sozialen Herkunft und mit verschiedensten Berufen und Hobbys nach ihren Glücksmomenten befragt. Das gefundene Erlebnismuster nannte er «Flow». Man versteht darunter einen erfüllten und euphorischen Moment, in dem Körper und Geist optimal funktionieren. Alles läuft spielend, ist in Harmonie, fliesst. Wir sind konzentriert, gehen in der Situation auf, selbstvergessen und weltvergessen. Das kann bei der Arbeit geschehen, in einer Begegnung, bei einer Freizeitbeschäftigung.

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Den «Flow» kann man nicht herbeizwingen. Man kann ihn zwar anstreben, aber er muss sich von selbst ereignen. Er entsteht zwischen Unter- und Überforderung: Unterforderung langweilt, Überforderung macht Angst – dazwischen liegt die Möglichkeit für Glückserfahrungen. Der «Flow» lässt sich auch nicht festhalten. Es gibt kein Anhalten des Glücks, sondern nur Glücksmomente. Sein macht eben glücklicher als Haben, darum bringen Geld und Besitztümer nicht das, was wir uns davon versprechen.

Wer den «Flow» erfahren will, muss sich Tätigkeiten zuwenden, für die er motiviert ist, die ihn spontan anziehen: Sie müssen herausfordern, dürfen aber nicht überfordern. Wem das «Flow»-Erlebnis geschenkt wurde, der wird es immer wieder suchen und immer öfter finden. Csikszentmihalyi ist zudem überzeugt, dass jede «Flow»-Erfahrung die Persönlichkeitsentwicklung und Reifung vorantreibt.

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