Leserfrage: «Mein Neffe hat mich zu einer Feier eingeladen. Er heiratet – einen Mann. Was soll ich nun tun?»

Sie haben ein Dilemma. Sie freuen sich sehr, dass Ihr Neffe jemanden fürs Leben gefunden hat, doch es überfordert Sie, dass es ein Mann ist. So sehr, dass Sie Ihren besten Freundinnen erzählten, die Partnerin Ihres Neffen komme aus Genf und sei Zahnärztin. Was auch alles richtig ist – bis auf das Geschlecht. 

Was in Ihrer Schilderung hingegen nicht stimmt, ist das Wort «heiraten» Beziehung Lohnt es sich zu heiraten? . Die Ehe im ­juristischen Sinn ist in der Schweiz nur für ­heterosexuelle Paare möglich. Seit 2007 können ­homosexuelle Paare ihre Partnerschaft eintragen lassen Konkubinat Wäre eine eingetragene Partnerschaft besser? . Das will Ihr Neffe feiern. Weil das Eintragen einer Partnerschaft einer ­Heirat gleichkommt, lädt er zur Hochzeit ein – und die Hochzeit ist es wohl, die das Fest für Sie zu einem moralischen Thema macht. 

Offenheit bringt einen weiter

Es geht um Fragen der Ethik, der Tradition, der Religion Liebe «Mit dem Falschen zusammen?» und darum, wie wir damit umgehen, wenn eine uns ­wichtige Person in zentralen Fragen einen anderen Lebensentwurf hat. Sie können damit beginnen, sich zu fragen, wieso eine Ehe ­zwischen zwei Männern oder zwei Frauen für Sie nicht vorstellbar ist. 

«Fragen bringen uns weiter. Viel weiter, als nur zu sagen, was wir denken.»

Thomas Ihde, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH sowie Präsident von Pro Mente Sana

 

Ich würde an Ihrer Stelle anders anfangen. Sie hatten immer ein enges und herzliches Verhältnis zu Ihrem Neffen, er verbrachte ­jeweils die Herbstferien mit Ihnen am Boden­see. In den letzten Jahren verlor sich der Kontakt etwas, was Sie bedauern. Sie vermuten, die Distanz könnte mit seiner Angst vor Ihrer Ablehnung zu tun haben. 

Seien Sie Ihrem Neffen gegenüber offen und sagen Sie ihm, dass seine Heirat Sie fordert, Sie aber mehr darüber erfahren möchten. Treffen Sie sich mit ihm und stellen Sie ihm viele Fragen, wie eine Journalistin. Es geht nicht ­darum, dass er erfährt, weshalb Sie sich mit dem Thema schwertun, es geht darum, mehr über ihn und darüber zu erfahren, warum er einen Mann heiraten will. Fragen bringen uns weiter, viel weiter, als nur zu sagen, was wir denken oder was wir bereits ent­schieden haben. 

Persönliche Betroffenheit ändert Sichtweise

Fragen Sie ihn, wann er gemerkt hat, dass er anders ist Homosexualität «Keine Frage der Erziehung» , und wie er damit umgegangen ist. Fragen Sie ihn, ob er denkt, dass er so geboren wurde, ob er es sich aussuchen konnte oder ob etwas vorgefallen sei, was seine ­Homo­sexualität ausgelöst oder begünstigt ­habe. ­Fragen Sie ihn, ob er darüber nachdenke, was Ihr Dilemma mit seiner sexuellen Orientierung sei. Lassen Sie sich aber auch erzählen, wie er seinen Partner kennenlernte, was er an ihm liebt und welche Hoffnungen er für die Zukunft hat. 

Nun hat das Thema dank Ihrer Fragen hoffentlich bereits ein etwas persönlicheres Gesicht erhalten. Es geht hier um Grundsatzfragen, die direkt Ihren ­Neffen betreffen. Betroffenheit und Nähe tun uns in solch wichtigen Angelegenheiten gut. Lassen Sie es mich mit einem Beispiel ­sagen: Wir stimmen über eine Agrarvorlage anders ab, wenn wir eine Bauernfamilie ­kennen und von ihr erfahren haben, welche Auswirkungen die Vorlage auf sie hätte. 

Austausch mit anderen Angehörigen heterosexueller Paare

Vielleicht möchten Sie die Fragerunde ­erweitern, um einen vielfältigen Chor an Meinungen zu haben, bevor Sie eine Entscheidung treffen. Es gibt Selbsthilfegruppen und Angebote für Angehörige. Hier können Sie Menschen treffen, die dasselbe Dilemma wie Sie durchlebt haben.

Befragen Sie verschiedene Menschen, die in der Seel­sorge tätig sind oder denen Religion wie Ihnen sehr wichtig ist. Lassen Sie sich erklären, ­warum Sie aus reli­giösen Gründen die Feier ablehnen, aber auch, warum sich die ­Mehrheit der irischen Katho­liken in einer Volksabstimmung für die Ehe für alle ausgesprochen hat.

Ich hoffe, dass Sie auf diese Weise zwei Fragen für sich klären konnten. Erstens die Frage, wie Sie zur Feier Ihres Neffen und vor allem zu seiner sexuellen Orientierung stehen. Zweitens, wie wichtig Ihnen dieser Standpunkt in Anbetracht Ihrer Beziehung zu ihm ist. 

Es kann sein, dass Sie aufgrund Ihrer ­religiösen Überzeugung seine sexuelle Orientierung nicht akzeptieren können und Sie ­deshalb nicht an der Feier teilnehmen werden.

Es kann aber auch sein, dass sich Ihre ­Meinung etwas aufgeweicht und die Liebe Ihres ­Neffen zu seinem Partner ein Gesicht ­erhalten hat. Vielleicht ist Ihnen die Beziehung zu ­Ihrem Neffen so wichtig, dass Sie seine ­Ein­ladung zum Fest annehmen. Vielleicht ­haben Ihre Fragerunden Ihren Standpunkt ­verändert und dazu geführt, dass sich Ihr ­Dilemma ab­geschwächt hat. 

Haben Sie psychische oder soziale Probleme?

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Thomas Ihde
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