Frage von Gustav S.: «Ich habe im Internet viel Gutes über ‹positives Denken› gelesen. Meine Partnerin nennt das ‹magisches Denken› und hält es für Humbug. Wie sehen Sie das als Psychologe?»

Antwort von Koni Rohner, Psychotherapeut FSP:

Ich muss Ihrer Partnerin recht geben. «Positives Denken» bringt kein Glück – und negatives glücklicherweise auch kein Unglück. Ich beispielsweise denke, wenn ich einen Lottozettel ausgefüllt habe, immer sehr positiv, nämlich dass ich gewinnen würde. Bisher hat es aber nichts bewirkt.

Positive Psychologie klingt zwar ähnlich, hat aber nichts mit «positivem Denken» zu tun, sondern ist eine Wissenschaft, die untersucht, was Menschen gesünder und glücklicher macht. In dieser Positiven Psychologie gibt es den neuen Forschungszweig «Savoring Research»: die Wissenschaft vom Geniessen. Tatsächlich haben Forscher um den US-Psychologen Fred P. Bryant heraus­gefunden, dass man etwas dafür tun kann, glücklicher zu werden. Und zwar vor allem dadurch, dass man auf vorhandenem Positivem aufbaut, statt zu versuchen, Positives herbeizudenken.

Zum Geniessen braucht es Zeit und Ruhe

Es geht um die Fähigkeit oder gar Kunst des Geniessens. Und zwar um die Wahrnehmung der kleinen Glücksmomente, die jeder Tag mit sich bringen kann. Der englische Dichter William Blake hat dazu gesagt:

«In jedem Tag gibt es einen Moment, den der Teufel nicht finden kann.»

William Blake, engl. Dichter (1757-1827)

Den soll man geniessen. 

Das fällt allerdings vielen gar nicht so leicht. Die protestantische Ethik und unsere Leistungs- und Konsumgesellschaft Stress Wenn man ständig auf der Überholspur lebt sind dem Geniessen nämlich nicht förderlich. Geniessen Freizeit «Ich kann nicht geniessen» braucht Zeit und Ruhe. Gier, Hektik, Stress, Erfolgsdenken und Wettkampf sind Gift fürs Glücksstreben. Nicht die Menge macht uns glücklich, nicht die Quantität, sondern die Qualität.

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Bereits ein Lächeln am Kiosk ist ein Stück Glück, die blaue Blume am Strassenrand, ein Sonnenreflex auf dem Wasser, eine gelöste Aufgabe. Aber natürlich auch stärkere Erlebnisse, eine Bergbesteigung Viertausender So werden Wanderer zu Bergsteigern , Schwimmen im See, eine Hochzeit, ein Fest und so weiter.

Das Unterbewusstsein speichert Glücksmomente

Wenns uns gelingt, die schönen Momente intensiv zu geniessen, können wir darauf vertrauen, dass unser Unbewusstes die Situation automatisch speichert. Es ist aber auch ein Kompass für die Zukunft: Unser Bauchgefühl wird uns wieder erkennen lassen, wenn ein neuer Glücksmoment erreichbar ist, und uns intuitiv dahin führen. Wer also Glücksmomente intensiv registriert, wird immer öfter Glücksmomente erleben. Das bedeutet, dass man durch bewusstes Geniessen tatsächlich dazu beiträgt, immer glücklicher zu werden.

Auf der anderen Seite soll man Leid und Unglück durchaus wahrnehmen und nicht verdrängen oder schönreden. Aber man soll dem Schatten keine besondere Aufmerksamkeit schenken, indem man hadert oder sich auflehnt. Besser nochmals an den letzten Sonnentag denken oder sich bereits auf den nächsten freuen.

8 Tipps, wie Sie glücklicher werden

Mit diesen Tipps lernen Sie, schöne Momente bewusster zu leben

  • Gute Momente mit allen Sinnen wahrnehmen. Das Bild, die Gerüche, die Geräusche, eventuell das Gefühl auf der Haut oder den Geschmack genau registrieren.
  • Versuchen, sich dem Moment ganz hinzugeben, ohne viel zu denken, und dabei darauf vertrauen, dass die Intuition die Befindlichkeit festhält.
  • Einen Moment innehalten und eine Art inneres Foto machen.
  • Dankbar sein. Gott oder dem Schicksal danken, dass man diesen Moment erleben darf.
  • Man kann die Freude laut herausschreien, singen oder eine Melodie pfeifen, wenn es die Umstände erlauben.
  • Sich bewusst sein, wie kostbar gute Momente sind, weil zum Leben auch Leid und Unglück gehören, die auch uns irgendwann ereilen werden.
  • Zuletzt vielleicht ein Handyfoto machen.
  • Später allenfalls einen Tagebucheintrag verfassen, ein Gedicht schreiben oder jemandem vom schönen Moment erzählen.  
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Buchtipps

  • Dalai Lama: «Der Weg zum Glück. Sinn im Leben finden»; Verlag Herder, 2015, 160 Seiten, CHF 14.90
    In englischer Sprache: Fred P. Bryant, Joseph Veroff: «Savoring. A New Model of Positive Experience»; Verlag Lawrence Erlbaum, 2006, 280 Seiten, CHF 70.90

«Wissen, was dem Körper gut tut.»

Chantal Hebeisen, Redaktorin

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