Leserfrage: «Ich kenne meinen Vater kaum. Jetzt bin ich 24, und er will sich mit mir treffen. Soll ich hingehen?»

Sie beschreiben in Ihrer Mail eindrücklich Ihre Lebensgeschichte oder zumindest das, woran Sie sich erinnern. Bereits Ihre erste Kindheitserinnerung ist nicht etwa ein Geburtstagsfest, sondern ein Streit zwischen den Eltern. Worum es ging, daran können Sie sich wie bei den wohl 100 Folgestreitereien nicht erinnern.

Sie lernten, sich in Ihre eigene Welt zurückzuziehen. Sie bauten schöne Legotürme, während zwischen Ihren Eltern die Fetzen flogen. Sie beschreiben auch, wie Sie fast erleichtert waren, als sich die Eltern trennten und der Vater auszog.

«Sie sind nicht Schiedsrichter im Streit Ihrer Eltern, sondern Opfer.»

Thomas Ihde, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH


Sie freuten sich auf die vom Vater versprochenen Zoobesuche. Irgendwie kam es aber selten dazu. Und wenn, war es alles andere als entspannt Erziehung So macht man Kinder glücklich . Während Sie Zebras betrachteten, wetterte der Vater über die Mutter.

Aber auch bei der Mutter ging es häufig um den Vater. Immer war alles so angespannt. Irgendwann hatten Sie genug und trafen Ihre eigene Entscheidung. Die Mutter unterbrachen Sie, wenn sie das Thema aufgriff. Die Briefe des Vaters öffneten Sie nicht mehr, nachdem es in einem seiner Geburtstagsbriefe nur darum gegangen war, dass er Sie wegen der bösen Mutter leider nicht sehen könne.

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Und nun kommt nach Jahren der Stille aus dem Nichts eine Nachricht vom Vater. Allerdings hatten Sie sich in den letzten Monaten immer wieder überlegt, wer Ihr Vater wohl war. Und vor allem, wie er war. Und warum er keinen Kontakt zu Ihnen pflegte Scheidungskinder Besuchen ist nicht genug .

Annäherung per Chat

Was kann ich Ihnen raten? Gehen Sie das Ganze etwas vorsichtig an. Ihre psychischen Verletzungen sitzen tief. Und Sie sind ja verständlicherweise auch etwas misstrauisch. Zu oft hatten Sie gehofft, dass sich der Vater wirklich für Sie interessiert, um dann doch enttäuscht zu werden. Chatten Sie ruhig ein paar Monate mit ihm – mit Textnachrichten. Sie haben ja wenig Wissen über seine Geschichte, wie seine Kindheit war und wie seine Gegenwart ist. Lassen Sie ihn darüber schreiben, Fotos schicken. Und dann kann es zu einem Treffen kommen.

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Teilen Sie ihm aber auch früh mit, dass Ihre Kindheit überschattet wurde durch den Streit, und dass Sie darum auch jetzt noch nichts darüber wissen möchten. Teilen Sie ihm mit, dass Sie schon verstehen können, dass er sich rechtfertigen möchte, aber dass Sie den Zoobesuch auch als erwachsener Sohn nicht wiederholen möchten. Erinnern Sie ihn daran, dass Sie nicht Schiedsrichter des Streits sind, sondern eines der Hauptopfer – und dass es ein Teil von Ihnen immer noch ist.

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Gefühl des Nicht-wert-Seins

Ich hoffe sehr für Sie, dass Sie eine Beziehung zu ihm aufbauen können – eine Art Neubeginn. Es wäre Ihnen beiden zu gönnen. Wenn Sie aber merken, dass sich eigentlich nicht viel geändert hat, dann dürfen Sie sich auch abgrenzen. Sei es, dass Sie den Kontakt ganz abbrechen, sei es, dass Sie erneut dazu übergehen, einfach ab und zu per Chat etwas zu teilen – und so mehr über ihn erfahren.

«Kinder brauchen nicht so viel. Geachtet und geliebt zu werden, ist aber für ihr emotionales Wachstum sehr wichtig.»

Thomas Ihde, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH


Geben Sie sich acht. Ein Teil von Ihnen wird sich immer unbewusst fragen, warum Sie es wohl nicht wert waren, dass die Eltern ihren Streit nicht eingrenzen konnten – und Sie einfach Kind sein konnten. Es ist eine berechtigte Frage. Sie hat aber nichts mit Ihnen zu tun.

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Und doch wird sich dieses Gefühl, dass Sie es anscheinend nicht wert sind, in unterschiedlicher Form immer wieder zeigen. Vielleicht hat Ihr ausgeprägter Ehrgeiz etwas damit zu tun. Oder dass Sie mit 24 noch keine feste Freundin haben. Es ist sinnvoll, etwas zu investieren, und zwar besser früher als später. Hier kann eine Psychotherapie sehr hilfreich und entlastend sein.

Sie sind zudem ja Junioren-Handballtrainer. Vielleicht gibt es dort auch «Trennungsjugendliche», die Sie als Betroffener etwas stützen können. Für andere das zu tun, was einem selbst gefehlt hat, macht die Unfairness nicht wett, hilft aber, dass Wunden besser heilen.

Mein letzter Rat geht nicht an Sie, sondern an Eltern, die das hier lesen – und sich ebenfalls nur noch streiten. Kinder brauchen nicht so viel. Geachtet und geliebt zu werden, ist aber für ihr emotionales Wachstum sehr wichtig. In Krisenzeiten doppelt. Suchen Sie deshalb frühzeitig Hilfe, damit die gravierenden Schwierigkeiten, die Sie als Paar haben, sich nur minimal auf die Kinder auswirken. Man spricht immer von Paartherapie Paartherapie Ehe retten oder friedlich beenden? – wenn diese aber scheitert und die Situation sehr zerfahren ist, braucht es oft eine familienzentrierte Trennungstherapie.

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Haben Sie psychische oder soziale Probleme?

Schreiben Sie per Mail an:
thomas.ihde@beobachter.ch

Oder per Post an:

Thomas Ihde
Beobachter
Postfach
8021 Zürich

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«Wissen, was dem Körper gut tut.»

Chantal Hebeisen, Redaktorin

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